Eindrucksvolle Film-Doku über „die Stimme der Friedensbewegung“

Fasia. Wer denn sonst?

Mitten durch die Weinberge Württembergs bewegt sich eine Friedenstaube auf rotem Grund die Steigung hoch, langsam, aber stetig. Wie bitte? Natürlich, der Aufkleber auf Fasias Campingbus. Die „Trobadora“ ist wieder auf Achse, diesmal zur legendären Burg „Weibertreu“. So symbolisch beginnt die Doku „Fasia“ (ein Remake des Films von 1987), im April uraufgeführt in der Hamburger „Fasiathek“ (!).

Gegen Ende zuckelt der Bus wieder bergab, dieses bewegliche Zuhause für die als Tochter eines Zimmermädchens und eines reichen liberianischen Konsuls geborene Afrodeutsche. Eine schwere Krankheit bremst sie 1997 für immer aus. Da war sie schon sesshaft geworden. In Oberhausen im Ruhrpott, wo eine Gesamtschule jetzt ihren Namen trägt. Dort teilt die bekennende Sozialistin die Wohnung mit der bekennenden Feministin und Friedensaktivistin Ellen Diederich.

Fasia war wohl die erste Künstlerin in der alten BRD, die sich so eng mit den Kämpfen verband. Zu mehr als 100 Orten ist sie getourt. Mit oder ohne Bus, nie allein, gemeinsam mit Freundinnen und Künstlerkollegen – Gitarre oder Akkordeon im Gepäck: Zu Kundgebungen und Ostermärschen, zu Streiks und Demos gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen bis hin zum englischen Aldermaston, „Geburtsort“ der Anti-Atom-Bewegung, und zu den Blockaden in Mutlangen, singt Seite an Seite mit überlebenden KZ-Häftlingen: „No more Hiroshima“.

Ihr Hamburger Platt hat sie nie ganz abgelegt und ihr Englisch auf keiner Schule erlernt. Doch munter palavert sie mit den Bergarbeiterfrauen in Kent genauso wie mit der Folk-Lady Joan Baez und mit Angela Davis, der schwarzen Genossin. Stehende Ovationen für Fasia in Athen, wo sie singt und mit der Menge tanzt auf dem Großkonzert zum Tag der Befreiung. Mit „Brot und Rosen“ empfängt sie „Mütter der Verschwundenen“ aus El Salvador bei deren Soli-Tournee durch Europa.

Trotz labiler Gesundheit fliegt sie mit Ellen nach Afrika, der Heimat ihres Vaters. Im internationalen Gewusel der UNO-Frauenkonferenz in Nairobi ist sie in ihrem Element. Welch ein Unterschied zu der großen Männerrunde bei den Abrüstungsverhandlungen in Genf, die sie von der Tribüne aus beäugen darf. Ihr Fazit: „Zeit, dass die Frauen die Friedensarbeit übernehmen!“ Und tatsächlich: Ihre gradlinige Warmherzigkeit und ihr musikalischer Schwung wirken einfach ansteckend. Mehr und mehr Frauen organisieren sich und treten nach vorn – nicht wenige zum ersten Mal.

So lässt der Film – erstmals ein Kinofilm; TV-Filme über die Sängerin gab es bereits, so 1985 von der Regisseurin Christel Priemer – die Klassenkämpfe jener Zeit Revue passieren: Die Kampagne um die 35-Stunden-Woche und den Kampf der Heinze-Kolleginnen für gleichen Lohn; den Hungerstreik der Dortmunder Hoesch-Frauen gegen die Entlassung ihrer Männer. Wie oft ist sie es, die bei Durchhängern den Impuls zum Weitermachen gibt. Am besten mit einem neuen Lied, mit klarer Ansage, nicht selten umgedichtet aus dem reichen Repertoire des internationalen Liedguts: „Keiner schiebt uns weg“ und „Schwarz und Weiß bauen neu die Welt“. Die Wobblies und Pete Seeger, Harry Belafonte und Ali Primera aus Caracas stehen Pate. Die Liedermacherin mit dem muslimisch-hebräischen Namen schlägt Brücken in die ganze Welt.

Woher diese unbändige Energie? Zu den stärksten Szenen des Films zählen diejenigen, wo sie allein und ganz bei sich ist, als Solistin: „Sometimes I feel like a motherless child“. Die afrodeutsche Musikerin mit dem Tonumfang einer Mahalia Jackson IST der Blues.

Wir spüren ihre Verletzlichkeit tief drinnen, das Trauma des als „Negerweib“ beschimpften zarten Mädchens, das in der KZ-Außenlagerküche malochen musste, immer im Visier der Nazis. Alte Schwarzweißaufnahmen vom Elend und Alltagsrassismus der Großstadt machen frösteln. Ihren Erzeuger kennt sie nur als schönes Foto. Ihr Glück: Sie hat einen liebevollen Stiefvater, ihre Mutter Elli, den Onkel und die Oma und die ganzen Leute aus „meiner antifaschistischen Familie“, nicht zu vergessen ihre Grundschulfreundinnen. Im Film tauchen wir ein in Fasias Zuhause im Arbeiterklassenmilieu in Rothenburgsort, am Ufer des weiten Stroms. All dies prägt die Heranwachsende für immer.

Ihr Überlebenswille und ihr Freiheitsdrang, ihre Suche nach Glück und Zugehörigkeit verschränken sich im Film mit den Kämpfen der „Verdammten dieser Erde“, allen voran der Frauen. Diese großartige Gemeinschaftsproduktion von Re Karen und Gernot Steinweg bewahrt das Wissen von Aufbruch und Widerstandsgeist der 1960er und 1970er Jahre. Aber hatte sie selbst, die strahlende Mutmacherin, denn nie Phasen der Verzagtheit? O doch. Wie auch nicht. Aber trotzdem: „Wir werden weitermachen. Wer soll dat denn sonst machen?“

Was für ein zärtliches Porträt von Fasia compañera – und von der Kraft der Schwachen.

Fasia – Von trutzigen Frauen und einer Troubadora
Regie Re Karen
Produktion Gernot Steinweg
Doku, 85 Minuten
Ab Mitte Juni auf DVD lieferbar und bestellbar bei RetroCut Media: mail@retrocut.de
Die Doku lehnt sich an an die unübertreffliche Biografie „Fasia – geliebte Rebellin“ von Marina Achenbach von 2004.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Fasia. Wer denn sonst?", UZ vom 7. Juni 2024



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Haus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]
    Unsere Zeit