Fidel ist Fidel! Mit der denkbar sparsamsten Formulierung brachte sein Bruder Raúl, Kampfgefährte in den Bergen der Sierra Maestra und Nachfolger als Präsident Kubas, auf den Punkt, was viele in aller Welt am Donnerstag vergangener Woche über den hundert Jahre zuvor geborenen Comandante en Jefe auch zu vermitteln versuchten. „Es ist der hundertste Geburtstag eines Kriegers, eines Rebellen, eines Kämpfers, eines Gerechten aus Kuba, aus Afrika, aus Asien, aus Lateinamerika und der Karibik. Eines Gerechten der Menschheit!“, würdigte Staatschef Miguel Díaz-Canel ihn vor 5.000 Gästen beim zentralen Festakt im Theater „Carlos Marx“ in Havanna.
Ganz im Sinne des am 25. November 2016 verstorbenen Revolutionsführers bezeichnet Díaz-Canel die Arbeiter, Bauern, Pädagogen und Beschäftigten im Gesundheitswesen, die „der schwierigen Lage trotzend täglich an ihrem Arbeitsplatz erscheinen“ als „die wahren Helden des Landes“ und schloss wie Fidel mit den Worten „Patria o muerte, venceremos“ (Vaterland oder Tod, wir werden siegen). Trotz der von US-Präsident Donald Trump verhängten totalen Energieblockade, die fast täglich zu Stromausfällen, Einschränkungen beim Transport, Engpässen bei der Versorgung mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten führt, ist die Mehrheit der Bevölkerung nicht bereit, die Unabhängigkeit und Souveränität ihres Landes aufzugeben.
Zum hundertsten Geburtstag Fidels befindet Kuba sich in einer äußerst schwierigen Lage: Zu Beginn des Jahres verschärften die USA die Blockade um sämtliche Energie- und Öllieferungen. Sie zielen darauf ab, Castros Nachfolger zum Machtverzicht und zur Aufgabe des alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells zu zwingen. Während der am selben Tag auf Druck Washingtons erfolgten Ausweisung kubanischer Diplomaten aus der Dominikanischen Republik, einem weiteren Versuch der USA, die sozialistische Inselrepublik nicht nur wirtschaftlich zu strangulieren, sondern auch diplomatisch zu isolieren, betonte Díaz-Canel im Karl-Marx-Theater unter Beifall: „Wenn das faschistische US-Regime den Völkermord an unserem Volk verschärft und auf allen Ebenen das Wohlergehen und die Lebensqualität behindert, liegt im Vermächtnis Fidels weiterhin der Schlüssel dazu, dass es sehr wohl einen Ausweg gibt – so schwierig die Umstände auch sein mögen, und so sehr sich der Ring auch zuzieht.“
Fidel Castro überstand zahlreiche Krisen. Obwohl es müßig ist, darüber zu spekulieren, was er angesichts der aktuellen Herausforderungen unternommen hätte, ist eines sicher: Er hätte nicht aufgegeben. Castro verstand es, zurückzuweichen und vorzurücken und Niederlagen in Siege zu verwandeln. In seiner zu den Klassikern der politischen Literatur in Lateinamerika zählenden Reportage „Los que luchan y los que lloran“ (Die, die kämpfen, und die, die weinen) beschrieb der argentinische Journalist und spätere Direktor der Nachrichtenagentur „Prensa Latina“, Jorge Masetti, Castro als „außergewöhnlichen Mann, der fest daran glaubte, dass er kämpfend siegen würde“. In Anlehnung an den Aphorismus des Nationalhelden José Martí, „Schützengräben aus Ideen sind mehr wert als Schützengräben aus Stein“, erklärte Castro dem jungen Reporter: „Wie Sie sehen, haben wir nicht genügend Waffen … Wir hatten und haben jedoch das, was die Soldaten Batistas niemals hatten oder haben werden: ein Ideal, für das wir kämpfen.“ Die Zuversicht des Comandante en Jefe überzeugte Masetti: „Ich teilte seinen Optimismus. Man musste etwas tun, handeln, kämpfen und aufhören zu weinen und zu streiten.“
Ein „Fidelista“ zu sein, bedeute nicht, sich zu einem blinden Glauben zu bekennen, sondern „uns als unermüdliche Kämpfer gegen alle Ungerechtigkeiten der Welt zu definieren“, betonte Díaz-Canel. Er definierte den „Fidelismus“ als Haltung des „Widerstands und des ständigen Kampfes gegen die Hegemonie und die Gier des Imperiums“ und rief dazu auf, alle fortschrittlichen, emanzipatorischen und sozialistischen Kräfte der Welt zu bündeln und zu vereinen, „ohne Angst vor Drohungen – denn genau das ist es, was die Feinde beabsichtigen, um uns in einem Moment zu lähmen, in dem Mobilisierung gleichbedeutend mit Rettung ist“. Es sei unmöglich, dieses Ereignis allein zu feiern, fügte der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas hinzu. Denn: „Fidel gehört nicht nur Kuba. Fidel gehört allen Revolutionären der Welt, die seine Ideen teilen.“
Das bestätigte sich während der dreitägigen Konferenz „100 Jahre Fidel – Vermächtnis und Zukunft“, die mit 1.500 Delegierten aus 63 Ländern von Montag bis Mittwoch vergangener Woche in Havanna stattfand. Gloria La Riva, eine Vertreterin der Kuba-Solidarität aus den USA, erinnerte daran, dass Fidel bereits Ende 1989 vor dem drohenden Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Osteuropa gewarnt und versichert hatte: „Auch wenn Kuba das letzte sozialistische Land sein wird, halten wir die Fahne des Sozialismus hoch.“
Unter tausenden Veranstaltungen in allen Teilen der Welt ragt eine Gedenkfeier heraus, die trotz eines Quasi-Besatzungszustands nach dem US-Überfall auf Venezuela im Panteón Nacional im Zentrum von Caracas stattfand. Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, die an den Feierlichkeiten nicht teilgenommen hatte, würdigte Castro in den sozialen Medien. „Anlässlich seines 100. Geburtstags gedenken wir seines unerschütterlichen Engagements für Würde, soziale Gerechtigkeit, Souveränität, solidarischen Internationalismus und die Einheit unseres Lateinamerikas und der Karibik“. Castro sei „eine integre Führungspersönlichkeit, die den freien Völkern der Welt als Vorbild gedient hat“.









