Tarifkampf bei deutschen Seehäfen: „Gigantische“ Beteiligung an Warnstreiks

Fünf Kilometer und 48 Stunden Streik

Mirko Knoche

Sie haben nochmal einen draufgesetzt. 48 Stunden lang, von Mittwochabend bis Freitagabend vergangener Woche, streikten die Hafenarbeiter an der Nordseeküste für mehr Geld. Der Warnstreik Mitte August hatte noch ganze 24 Stunden gedauert. Wenn die Unternehmer nicht zurück an den Verhandlungstisch kämen, könnten daraus in der nächsten Runde 72 Stunden werden, hatte der Bremer ver.di-Sekretär Nonni Morisse am Sonntag gegenüber der UZ gewarnt. „Die Beteiligung war gigantisch“, berichtete er zudem vom Arbeitskampf in Bremerhaven. 5,1 Prozent mehr Lohn für 18 Monate – dieses Unternehmerangebot war den Dockern zu wenig und es war ihnen vor allem über eine zu lange Zeit gestreckt.

In Bremerhaven lief deshalb fast nichts mehr an der über fünf Kilometer langen Kaje, wie die Hafenkante hier heißt. An den drei Containerterminals war jeweils nur eine Brücke besetzt, auch das Autoterminal stand praktisch still. Zwei Tage lang waren die Schiffe festgemacht, ohne dass sie be- oder entladen wurden. Auch in die Niederlande konnten beispielsweise die exportierenden Autohersteller nicht ausweichen, weil dort am Freitag zeitgleich ein politischer Streik gegen Sozialkürzungen lief. Kein Zufall, dass sich der deutsche Streik damit überschnitt, deutete Morisse im Gespräch mit der UZ an. Auch hier sei die Wut über den Großangriff der Regierung Merz auf Arbeiterrechte spürbar.

Zudem hatten die Docker es schon fast als Provokation empfunden, dass der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) in der dritten Tarifrunde Ende August lediglich eine um einen Monat kürzere Laufzeit als in der zweiten Runde zugestanden hatte: 18 Monate statt 19 Monate. Ein Jahr Laufzeit und 8,2 Prozent mehr Lohn, mindestens jedoch 2,50 Euro mehr pro Stunde – das fordern die Hafenbeschäftigten und ihre Gewerkschaft ver.di hingegen.

Neu war am Angebot aus der zweiten Runde lediglich, dass die Hafenbetreiber eine soziale Komponente von 1,20 Euro pro Stunde für alle offerierten. Dafür reduzierten sie aber ihr Angebot beim Urlaubsgeld – 150 Euro mehr pro Jahr statt 300 Euro. Tarifbotschafter hatten hier errechnet, dass sich die Mindesterhöhung in den unteren Lohngruppen in diesem Vergleich erst nach acht Monaten bemerkbar machen würde. Zudem betrug sie mit 1,20 Euro weniger als die Hälfte der geforderten 2,50 Euro extra pro Stunde für alle. Das reichte also auch nicht.

Die Hafenarbeiter lehnten das ZDS-Angebot mit über vier Fünfteln der Stimmen ab – bei der vorherigen Offerte waren es noch gut drei Viertel Gegenstimmen gewesen. 6.100 Docker waren von den ver.di-Tarifbotschaftern befragt worden. Insgesamt 11.000 Menschen fallen in Bremen, Bremerhaven, Brake, Wilhelmshaven, Emden und Hamburg unter den Tarif­vertrag. In allen Seehäfen traten sie dann in den Ausstand.

Der Tarifkonflikt dreht sich weiterhin vorwiegend um die Laufzeit. Mit 5,1 Prozent mehr, auf ein Jahr umgelegt, hätten viele Docker leben können, war aus den Seehäfen übereinstimmend zu vernehmen. Jetzt gehe es bei beiden Seiten um die Schmerzgrenze, berichtete Morisse gegenüber der UZ. Die Unternehmer streben eine längere Laufzeit an, möglicherweise, um bei der anstehenden Automatisierung der Häfen nicht durch Tarifkonflikte gestört zu werden. Das war aus Gewerkschaftskreisen immer wieder zu hören.

Bereits vor dem 48-stündigen Streik erklärten die Hafenbetreiber, die Androhung von neuerlichen Streiks sei „unverhältnismäßig“. Anders als beim ersten Warnstreik zeigten sie sich auch nicht umgehend bereit, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Die Zeichen standen noch am Wochenende auf Eskalation.

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"Fünf Kilometer und 48 Stunden Streik", UZ vom 11. September 2026



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