Katzensprung: 2.748 Kilometer von Dortmund nach Thassos

Ganz prima

Musikclub. Thema „Nachtfahrt“. Die sechs anwesenden Menschen haben mindestens 43 verschiedene Argumente für ihre Liedauswahl. Eine Dame spielt ein Lied von Simon & Garfunkel, ich kämpfe dezent mit meinem Abendbrot. Eine weitere toppt es mit: „Ihr wäret froh, wenn ich später was von denen spielen würde, mein Wort drauf.“ Jetzt habe ich richtig Angst. Gartenbro A. belegt jeden seiner Songs mit einer neuen, fundierten Geschichte und ich bin ein wenig neidisch. Ich hatte nur „Heimfahrt von Thassos 1997, alle schlafen und ich fahre die letzten 1.000 Kilometer alleine durch die Nacht, trinke literweise Espresso und höre lauten Punkrock“. War trotzdem schön. Also 1997. Mit dem alten 230 Mercedes Coupe durch die wilden Berge Griechenlands. Wirklich: Ganz prima.

Bundeswehr. Die Präsidentin des Bundeswehr-Geheimdienstes MAD, Martina Rosenberg, berichtete in der Anhörung vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium von etwa 1.200 Fällen, die dem Bereich Rechtsextremismus zugeordnet werden. Rosenberg räumte ein, dass diese Zahlen „sehr hoch“ erschienen. Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang sprach in diesem Zusammenhang sogar von einer – Achtung – „Scheinzunahme“. Scheinzunahme, wie krass. Trump-Sprech at its best. Bundeswehr, du Einzeltäter. Nicht!

Freizeit. Zurück im „missin‘ link“, auf zwei Bier und vier Billardspiele. Die ganz liebreizende Chefin K. nimmt uns nicht nur ausdauernd in die Arme, sondern legt uns auch zwei nagelneue, noch verpackte Billardqueues auf den Tresen. „Weil einer von euren doch geklaut wurde“ (Pause) „und weil ich euch so sehr mag.“. Dem Gartenbro erscheint ein Tränchen im Augenwinkel, ich suche derweil eifrig den Fußboden nach etwas Interessantem ab, während mein Gehirn Hochzeitsreisen durchplant. Dabei macht K. nur ihren Job: Kundenbindung erster Klasse. Werden dann auch sieben Bier, vier Espressi und zwölf Spiele. Und 23:62 Uhr. Ganz prima.

Sport. Oder Politik. Oder egal. Der ach so reine, vorbildliche Bayer-Profi Joshua Kimmich ist nicht geimpft. Er habe persönliche Bedenken, „gerade was fehlende Langzeitstudien angeht“, sagte der 26-Jährige. Die „Sport-Bild“ schwurbelt: „In den asozialen Medien war Joshua Kimmich gleich ein Verbrecher!“ Und weiter: „… er macht sich Gedanken. Und genau das steht für Vorbilder und Anführer.“ Sich aber falsche, depperte oder Schwurblergedanken zu machen, steht eben nicht für Vorbild. Vielleicht für „vor BILD“, okay. Jedenfalls dürften sich jetzt Millionen Impfgegner bestätigt fühlen: Siehste, selbst der Kimmich! Aua.

Medien. „Neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Sitzt Gott im Gehirn?“ fragt „Deutschlandfunk Kultur“. Also bei mir nicht, möchte ich laut und bar jeder falschen Bescheidenheit rufen. Und die neuen Erkenntnisse? „Was jetzt mit zwei Studien neu entdeckt worden ist, älteren Läsions-Analysen, wo man geguckt hat, wo liegen Schäden im Gehirn vor.“ Ach so. Gott ist ein Hirnschaden. Das ergibt dann natürlich wieder Sinn. Ganz prima.

Montag. Allerheiligen. Frei nach Asterix/Goscinny: „Ganz Nordrhein-Westfallen ist von Feiertagsmenschen besetzt. Ganz Nordrhein-Westfallen? Nein! Ein von unbeugsamen Arbeitern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ Und wo liegt wohl dieses Dorf? Richtig, Hoffnungstraße 18, Essen. Ganz prima.

Beim Arzt gelesen. Christian Lindner wird eine RTL-Reporterin heiraten. Da passt doch zusammen, was eh zusammen gehört. Fällt mir jetzt auch nicht mehr zu ein, außer: Ganz…

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Ganz prima", UZ vom 5. November 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Stern aus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]