DB AG leitet den Abgesang des Schienengüterverkehrs ein

Geisterfahrt im Güterverkehr

Von Rainer Perschewski

Die Prognosen der Bundesregierung für den Güterverkehr in Deutschland könnten für die Planungen eines Güterverkehrsunternehmens nicht besser sein. Derzeit geht die Bundesregierung davon aus, dass der Güterverkehr insgesamt in Deutschland bis zum Jahre 2025 um 47 Prozent wachsen wird.

Die Ergebnisse aus dem Jahr 2015 scheinen diesen Trend zu bestätigen. So meldete das Statische Bundesamt vor wenigen Wochen einen Rekordwert: Noch nie wurden so viele Güter in Deutschland transportiert: 4,5 Milliarden Tonnen. Dazu verkündet die Bundesregierung: „Wir verfolgen zudem das Ziel, die Straße zu entlasten, indem wir einen möglichst großen Anteil der erwarteten Zuwächse im Güterverkehr auf die Schiene und auf die Wasserstraße verlagern.“

Eine entsprechende Prognose für den Schienengüterverkehr zu treffen, dürfte also eine reine Formsache sein. Das Gegenteil ist aber der Fall. Der schienengebundene Güterverkehr befindet sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Mit einem Marktanteil von 17,1 Prozent hat die Schiene in den letzten 60 Jahren stetig an Anteilen verloren bzw. pendelt sich der Anteil in den letzten Jahren auf diesen Stand ein. Dagegen ist der Straßengüterverkehr dominant – mit allen seinen Folgen für die Umwelt und die Infrastruktur. Im Gegensatz zum Schienenverkehr genießt der Straßenverkehr trotz MAUT-Gebühren immer noch große finanzielle Vorteile.

Bundesregierung als Straßenlobby

Für den Bahnkonzern DB AG sieht die Entwicklung allerdings noch drastischer aus. Seit der so genannten Bahnreform 1994 hat der Konzern im Schienengüterverkehr ein Drittel seines Marktanteils an private Güterbahnen verloren und die Tendenz ist weiter steigend. Da auch die Gewinnmargen im Schienenverkehr geringer sind ist es nur logisch, dass auch die Deutsche Bahn AG zunehmend auf andere Verkehrsträger setzt. Mit der EEG-Zulage wurde der Bahnstrom künstlich verteuert und mit der Absenkung der MAUT-Gebühr für den LKW-Verkehr der Straßenverkehr weiter gefördert.

Das widerspricht auch der Koalitionsvereinbarung, worauf die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) jüngst hinwies. „CDU/CSU und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, den Verkehrsträger Schienen zu stärken“, erklärt Alexander Kirchner, Vorsitzender der EVG. „Wir erwarten von der Bundesregierung deshalb konkrete Aussagen, wie sie dieses zugesagte Ziel erreichen will“. Nach den Maßgaben der EVG muss die Bundesregierung nicht nur die Rahmenbedingungen für die Eisenbahnen verbessern, sie muss als Eigentümerin der DB AG auch sicherstellen, dass ihr eigenes Unternehmen eine Politik betreibt, die den Zielen des Eigentümers entspricht.

Bahn betreibt Kahlschlag bei DB Cargo

Der Bahnkonzern betreibt aber eine völlig entgegengesetzte Politik, und das nicht erst seit kurzem. Bereits vor mehr als zehn Jahren war der Bahnvorstand der Auffassung, dass es reicht, mit einigen Großunternehmen den Güterverkehr auf der Schiene zu generieren. Es wurden massenhaft Gleisanschlüsse von Betriebsgeländen kleinerer Unternehmen gekappt und massenhaft gingen Aufträge verloren. Mit der „Konzeption“ Ganzzugverkehre von A nach B anzubieten, wurden zudem die Einzelverkehre von Gütern vernachlässigt, weil sie vermeintlich zu personal- und kostenintensiv waren.

Schon damals warnten Experten auch innerhalb des Bahnkonzerns vor den Folgen dieser Politik. Die Verluste der Schienengüterverkehrsparte will der Bahnvorstand jetzt mit einer weiteren Kahlschlagspolitik beantworten: So sollen bis zu 5000 Stellen abgebaut und etwa 500 Güterverkehrsstellen geschlossen werden. Das bedeutet nach Gewerkschaftsangaben, dass ca.16 Prozent der Belegschaft ihren Arbeitsplatz verlieren.

Für den Bahnvorstand sind auch die Schuldigen klar: Die Lokführer. Deren Streiks hätten etwa 8 bis 10 Prozent Aufträge gekostet. Dem widerspricht die EVG deutlich: „Die Probleme bei Schenker Rail (jetzt DB Cargo) sind hausgemacht, besser: managementgemacht. Dass jeder zehnte Unternehmenskunde nicht mehr zurückkommt, liegt nicht an den vorübergehenden Auszeiten durch die Lokführerstreiks, sondern an der miserablen Qualität der Güterbahntochter des Staatskonzerns. Die Pünktlichkeit der Güterzüge der Deutschen Bahn lag im vergangenen Jahr bei 68 Prozent.“

Die Gewerkschaft fordert einen radikalen Kurswechsel. Sie verlangt statt „Sparen, Streichen, Schrumpfen“ ein Zukunftskonzept, womit „der Vorstand seine Geisterfahrt beendet“. Auch vom Eigentümer Bund werden konkrete Ansagen erwartet: „Will man die Klimaschutzziele der Bundesregierung erreichen, führt kein Weg an der Verdoppelung des Schienengüterverkehrs vorbei.“, macht der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner deutlich. Über ihre Aufsichtsratsmitglieder fordert die EVG eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrates mit der Vorlage einer Strategie und kündigt den Widerstand gegen die Kahlschlagsabsichten an.

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"Geisterfahrt im Güterverkehr", UZ vom 25. März 2016



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