Eric Vuillards „Die Tagesordnung“

Geschichte aus den Hinterzimmern

Von Kamil Tybel

Eric Vuillard

Die Tagesordnung

Verlag Matthes & Seitz, Berlin

2018, 128 Seiten, geb. 18,- Euro

Wir danken der Redaktion der Zeitschrift „Nous. Neue Literatur“ für die Überlassung dieser Rezension, die vollständig auf der Webseite der Zeitschrift zu lesen ist

Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1870 - 1950) empfängt Adolf Hitler vor seiner „Villa Hügel“ in Essen.

Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1870 – 1950) empfängt Adolf Hitler vor seiner „Villa Hügel“ in Essen.

Berlin, 1933: Zwei Dutzend hochrangige Unternehmer, deren Firmenzeichen noch heute in vielen Städten zu lesen sind, kommen zu einem Geheimtreffen am Spreeufer zusammen. Darunter die Chefs von Bosch, Krupp, Opel, Siemens und Allianz. Im Winterpalais erwartet sie Hermann Göring, bald stößt Hitler zu ihnen. Er umschmeichelt seine Gäste, schüttelt artig ihre Hände und versichert den Herrschaften, dass, wenn sie seinen Wahlkampf unterstützen, er den Kommunismus bekämpfen und alle Gewerkschaften abschaffen werde. Weiter verspricht er, dass es nach seinem Sieg keine Wahlen mehr geben wird: In tausend Jahren nicht. Die Szene reißt ab.

Als nächstes verschifft uns Eric Vuillard, Autor des Romans „Die Tagesordnung“, nach England. Dort hat es ihm besonders der englische Abgeordnete Halifax angetan. Ein Bürger und Aristokrat alter Schule und Anhänger konservativer Beschwichtigungspolitik. Eine Politik, die den Nazis Tür und Angel zur Vorherrschaft in Europa öffnete. Die Szenen wechseln weiter: Es folgen Ausflüge nach Österreich, zum rückgratlosen Bundeskanzler Schuschnigg. Ihn begleiten wir nach Deutschland auf Hitlers Berghof, wo er, eingeschüchtert vom großen Neurotiker, den Nazis Österreich auf dem Silbertablett aushändigt. Zurück in England wohnen wir einem Lunch bei Chamberlain bei und erheischen einen Blick auf bürgerliche Unfähigkeit. Zu Gast bei dem alten konservativen Premier: der Nazi-Außenminster Joachim von Ribbentrop, der sich die Appeasement- Politik der Briten ein weiteres Mal zunutzen macht und Zeit für die Deutschen nach der Annektion Österreichs schindet. Nach ein paar weiteren kurzen Stationen geht es schließlich wieder zurück nach Deutschland, ins Jahr 1944, wo wir uns vom inzwischen alt gewordenen Gustav Krupp verabschieden, den die Gespenster der Kriegsopfer beim Abendessen mit der Familie heimsuchen.

Vuillards kurzer Roman wirkt auf den ersten Blick willkürlich erzählt. Zuweilen amüsiert, polemisch und ironisch, zuweilen theatralisch, lakonisch, selten ernst und gelegentlich poetisch, erzählt und kommentiert er einzelne Episoden aus den Jahren 1933 bis 1944. Diese Widersprüche sind zahlreich. Und Grund dafür ist keineswegs allein in einer Unfähigkeit zu suchen, die Welt gerecht in ihren Verhältnissen zu übersetzen. Anhand der Nazis macht Vuillard deutlich, dass der Sprung von Wirklichkeit zu Bild, der in seiner Rezeption umgekehrt verläuft, also von Bild zu Wirklichkeit, ausgenutzt werden kann, ein falsches Verständnis von Welt zu vermitteln. Anstatt Bilder zu formulieren und in realistischen Zusammenhang zu setzen, die den Verhältnissen der Wirklichkeit entsprechen, ihrer politischen Ökonomie und ihrer sozialen, werden Bilder verwendet, die eben jene Verhältnisse vertuschen, ausschmücken und verdrehen. Die Rede ist von einem Propagandaapparat, der sich einem Krebs ähnlich durch Medien und Kultur zieht. Er schiebt einen Bildschirm zwischen Bevölkerung und Wirklichkeit, der sie im Glauben lässt, das Bild entspreche dem Abgebildeten. In diesem Sinne sind die Nazis Vuillard ein Mittel zum Zweck. So kommt er zu dem Schluss: „Die Welt gehorcht dem Bluff.“ Womit er impliziert, dass, wäre der Bluff durchschaut worden, die Nazis gestoppt worden wären und der Zweite Weltkrieg, wie wir ihn kennen, nie stattgefunden hätte. Mit dieser Botschaft richtet er seinen historisch-zeitgenössischen Roman an die Gegenwart: „Man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen.“

Einem Mann ohne Karten glaubt man keinen Bluff. Die Nazis saßen bereits am Spieltisch der Macht, als sie mit den Unternehmern verhandelten. Sie hatten bereits genug Gleichgesinnte mobilisiert, um Kapital aus ihnen zu schlagen. Die Welt ist so eingerichtet, dass ein jeder versucht, seine Waren teurer zu verkaufen, als sie wert sind. Die Politik bildet dabei kein Ausnahme. Ein Parteiprogramm ist nichts weiter als eine Ware. Das Angebot der Nazis deckte sich erstaunlich gut mit der Nachfrage der Unternehmer. Das ist allerdings keineswegs ein Zufall und sollte vielmehr ein Hinweis auf die enge Verwandtschaft beider hindeuten. Vuillard versäumt es aber, diesen Zusammenhang ins Licht zu rücken und deutet ihn nur stellenweise an. Er setzt die Nazis in der Welt voraus, anstatt die Welt den Nazis vorauszusetzen. Dabei bemerkt er diesen Zusammenhang sogar. Nicht umsonst beginnt der Roman mit den 24 Unternehmern und nicht umsonst endet er wieder mit Gustav Krupp, dessen Nachlass und Firmenpolitik er scharfer Kritik unterzieht. Schade nur, dass er uns kurz zuvor noch die oben erwähnte Szene mit Krupp und seiner Familie zeigt, in der dem Unternehmer die Kriegsopfer des zweiten Weltkrieges, an denen er sich dumm und dämlich verdient hat, als Gespenster beim Essen einen Schrecken einjagen und dem armen alten Mann den Appetit verderben. Vuillard beginnt mit den Unternehmern als Klasse, lässt sie gemeinsam und wesensgleich auftreten und er endet mit einem Einzigen, mit einem schlechten Menschen, der die Quittung für seine Taten erhält. Peter Hacks schrieb einmal: „Schrecklicher als Unwahrheiten sind zu kleine Wahrheiten.“ Das Schreckliche an einer zu kleinen Wahrheit ist, dass Unwahrheit und Wahrheit in ihr verschränkt sind. Das macht es schwer, das Eine vom Anderen zu unterscheiden. Ebenso wie die Unwahrheit bietet sie keinen Ausweg. Vuillards zu kleine Wahrheit lautet: Der Geschäftsmann ist das Problem, nicht die Geschäfte.

Dabei bemüht sich der Roman um gerade einen solchen Ausweg und schafft es nicht, ihn auch ausfindig zu machen. Wäre Vuillard von Anfang bis Ende konsequent geblieben, so hätte er nicht geschrieben: „Die Welt gehorcht dem Bluff“, stattdessen hätte er geschrieben: Die Welt gehorcht der Gewalt. Der Bluff und die Inszenierungen, von denen Vuillard spricht, sind nur einige der vielen Masken der Gewalt.

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"Geschichte aus den Hinterzimmern", UZ vom 22. November 2019



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