Ein Bildroman über die drei Jahre der Unidad Popular in Chile

Gezeichnete Geschichte

Der österreichische Verlag „bahoe books“ hat zum 50. Jahrestag des Sieges der Unidad Popular eine deutsche Version der Graphic Novel „Los años de Allende“ („Die Jahre von Allende“) der Chilenen Carlos Reyes (Szenario) und Rodrigo Elgueta (Illustrationen) vorgelegt.

In der Geschichte wird der US-amerikanische Journalist John Nitsch von seiner Zeitung Ende August 1970 nach Chile geschickt, um über die Wahl und den (zu diesem Zeitpunkt noch befürchteten) Wahlsieg Salvador Allendes zu berichten.

Direkt die ersten Panels lassen keinen Zweifel daran aufkommen, wie das „chilenische Experiment“ enden sollte. Nitsch läuft am 11. September 1973 verzweifelt durch die Straßen Santiagos und sucht seine Freundin, Militärs beugen sich über Landkarten, Kampfflugzeuge zischen über den Himmel der Stadt. Eine Doppelseite wird eingenommen von der bombardierten Moneda, rechts und links eingerahmt von kleinen Bildern: ein Kampfpilot in seinem Flugzeug, eine verdeckte Leiche, ein Porträt Pinochets, ein prügelnder Polizist, klirrende Sektgläser, eine brennende Fahne Chiles und die auf dem Boden liegende kaputte Brille Salvador Allendes.

Erst nach dieser Einführung beginnen die Erlebnisse Nitschs in chronologischer Reihenfolge. Von 1970 bis 1973 für jedes Jahr ein Kapitel. John Nitsch erreicht Chile, bekommt bei einem Empfang in der US-Botschaft ausschweifend von US-amerikanischen Kupfermagnaten erklärt, warum die Unidad Popular auf keinen Fall gewinnen darf, lernt die Stadt Santiago und ihre Menschen kennen. Zu ihnen gehört seine spätere Freundin Claudia, eine Linksradikale, der die Regierung Allende Zeit ihrer Existenz zu lasch und reformistisch bleibt. Die Auseinandersetzungen im linken Lager nehmen einen großen Teil der Graphic Novel ein, die Frage danach, ob sich ein Weg zum Sozialismus, der rein auf parlamentarische Demokratie und die Loyalität des Militärs und nicht auf die Bewaffnung des Volkes setzt, halten kann, haben USA, CIA und ihre Vasallen am 11. September 1973 beantwortet. Neben dem Diskurs darüber, mit welchen Mitteln sich der Weg zum Sozialismus ebnen lässt, liefert die Graphic Novel einen guten Überblick über die Geschichte Chiles in diesen besonderen drei Jahren, man erfährt Details über das Regierungsprogramm Allendes vom täglichen halben Liter Milch für alle Kinder bis zur Rückgabe des größten Kupfervorkommens der Welt an das Volk, dem es eigentlich gehört. Und man erhält Einblicke in die Machenschaften der in- und ausländischen Bourgeoisie, die vor nichts zurückschreckt, um an der Macht zu bleiben: Terroranschläge, künstliche Verknappung von Bedarfsgütern, Mord an loyalen Militärs und Provokationen wie der „Marsch der leeren Töpfe“ – jedes Mittel war ihnen recht.

Das, was die Graphic Novel aber vor allem lesenswert (und sehenswert!) macht, ist das Porträt eines Landes im Aufbruch, das die beiden Autoren zeichnen. Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich auf einmal durchaus von einer Regierung repräsentiert sehen (Allende hatte unter anderen zwei Arbeiter in sein Kabinett berufen), Studenten, die sich politisch entfalten können, Straßenkunst, die auf einmal eine Ausstellung im Museum bekommt, das neue chilenische Lied, Künstlerinnen und Künstler, die auf einmal völlig anders arbeiten konnten. All das ist (ohne immer groß im Text darauf hinzuweisen) in vielen Panels zu sehen. Da ist an der Fassade eines Kinos ein Konzert von Quilapayún angekündigt, Inti Illimani singen auf einem Volksfest „Venceremos“, in der Peña de los Parra, dem Zentrum der Musikbewegung „Nueva Canción Chilena“, tanzt Isabel Parra mit Victor Jara. Das ganze Land, ob linksradikal wie Claudia oder aus den reformistischeren Teilen der Unidad Popular, feiern den Nobelpreis für den Genossen Pablo Neruda.

Eine Hommage ist die Graphic Novel auch an die chilenischen Filmemacher dieser Zeit. So sieht Nitsch im Kino den Film „Voto + Fusil“ von Helvio Soto und ein Panel ist ein Zitat aus Patricio Guzmáns Dokumentartrilogie „La Batalla de Chile“ (Schlacht um Chile). Und natürlich widmet sich ein Autorenduo wie Reyes und Elgueta der grafischen Kunst. Immer wieder sind die Plakate der Jahre in die Geschichte eingeflochten und sie lassen Nitsch einen unter Allende neu gegründeten und geförderten Comicverlag besuchen, der ebenso Satire wie Bildungscomics verlegt.

Man muss keine Chile-Expertin sein, um all diese Dinge in den Panels zu finden. In einem Nachwort laden die Autoren ein, sich mit ihrer Inspiration und den geschichtlichen Hintergründen näher auseinanderzusetzen und erläutern ihre Bezugspunkte anhand ausgewählter Panels.

Wer sich mit der Regierungszeit Salvador Allendes näher beschäftigen möchte, dem sei diese Graphic Novel ans Herz gelegt. Auch, wenn die Bilder des Putsches schwer zu ertragen sind.

Carlos Reyes und Rodrigo Elgueta
Die Jahre von Allende
Bahoe Books 2020
144 Seiten, 24 Euro

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Gezeichnete Geschichte", UZ vom 4. September 2020



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