Imperialismus first

Manfred Ziegler zum türkischen Angriff auf Syrien

Im Mai 2017, kurz vor dem Besuch von Erdogan in Washington, fragte die Vertreterin von Rojava im Ausland, Sinam Mohamad, in der „New York Times“: „Wenn wir den Krieg gegen den IS gewonnen haben – werden die USA dann dem Druck von Erdogan nachgeben und uns verlassen, trotz der Opfer, die wir gebracht haben?“ Als Antwort gaben die USA der Türkei grünes Licht für den Einmarsch in Afrin.

Der Hilferuf von Mohamad, als sie jetzt in Washington von einer „moralischen Verpflichtung der USA sprach, Afrin und die Demokratie in Rojava zu schützen“, ist nicht von dieser Welt. Der Krieg gegen Syrien in all seinen Facetten ging nie um „Demokratie“. Es ging immer um regionale und globale Macht. Und die kurdischen Kämpfer der YPG ließen sich gerne von der US-Armee unterstützen, um Gebiete weit über Rojava hinaus zu kontrollieren. Raqqa wurde von US-Armee und -Artillerie bis auf die Grundmauern zerstört, bevor das Bild von Öcalan auf einem Transparent präsentiert wurde. Den Wettlauf nach Deir Ezzor verloren die SDF (zu denen die kurdische YPG gehört) gegen die syrische Armee – dafür gewannen sie die Ölfelder der Region.

Russland hatte versucht, in Verhandlungen zwischen Damaskus und Rojava zu einer Übereinkunft zu kommen. Syrische und russische Truppen an der Grenze hätten die Türkei von einem Angriff abgehalten. Mit dem Partner USA an der Seite schien den Kurden eine Einigung nicht nötig. Gott befohlen …

Dann kam die Provokation der USA: Der Aufbau einer starken kurdischen Armee von 30 000 Männern und Frauen zur „Grenzsicherung“ – als Gegengewicht gegen Damaskus und im Grunde für die Spaltung Syriens.

Für die Türkei war diese kurdische Armee nicht hinnehmbar. Für ihre Unterstützung der US-Politik hätten die YPG gewiss Hilfe gegen Erdogan verdient, aber: „America First“. Das ist nicht das Motto von Trump, sondern das des US-Imperialismus. Und die NATO und die Türkei als NATO-Partner sind für die USA eben wichtiger als die YPG.

So ließ Erdogan seine Armee in Afrin einmarschieren. Und das Machtspiel, in dem Menschen abgeschlachtet werden, geht weiter: Nächster Stopp: Manbidsch?

Ist damit das Projekt einer „Demokratischen Föderation Nordsyrien“ beendet? Vergessen wir nicht: Ohne US-Artillerie und -Luftwaffe, ohne Hubschrauber und Tausende US-Soldaten, ohne Training und Geld hätte es dieses Projekt so nie gegeben. Wem es aber um Emanzipation geht: Das ist ein Projekt, das ohne Regime-Change à la USA in den Städten Syriens, in Damaskus beginnt.

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"Imperialismus first", UZ vom 2. Februar 2018



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