Der 75. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs und seine Lehren für heute

Kein europäischer, sondern Weltkrieg

Bruno Mahlow

Es ist auf den Zusammenhang zwischen klassenpolitischem und außenpolitischem Kampf im Ringen um Frieden hinzuweisen, der für die Sowjetunion als Staat in der Außenpolitik und für die KPdSU als führende Partei in der Komintern mit vielen neuen strategischen und taktischen Erfordernissen verbunden war. Es wurden Verträge mit imperialistischen Staaten abgeschlossen und gleichzeitig Positionen und Interessen der Arbeiter in diesen Staaten und deren Unterstützung für die Sowjetunion nicht in Frage gestellt.

Dazu – und weil diese Erkenntnisse für das Begreifen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages 1939 und anderer, auch gegenwärtiger Ereignisse lehrreich und aktuell bleiben – möchte ich eine Passage aus dem Bericht Palmiro Togliattis auf dem VII. Weltkongress der Komintern 1935 zitieren. Zumal es hier auch um das Verständnis von Prioritäten und dialektischen Zusammenhängen, um Unterscheidungen zwischen den Hauptkriegsbrandstiftern und dem Hauptfeind der Arbeiterklasse im jeweiligen nationalen Rahmen geht. Zitat: „Unserer revolutionären Strategie und folglich auch unserem konkreten Kampf gegen den Krieg legen wir eine Konzentration der Kräfte gegen die japanischen Militaristen zugrunde, die die Sowjetunion an den Ostgrenzen mit einem Überfall bedrohen und die Errungenschaften der chinesischen Revolution zu vernichten trachten. Wir konzentrieren das Feuer auf den deutschen Faschismus, diesen Hauptkriegsbrandstifter in Europa. Wir sind bemüht, alle Verschiedenheiten, die in den Positionen der einzelnen imperialistischen Mächte bestehen, auszunutzen. Wir müssen sie im Interesse der Verteidigung des Friedens geschickt ausnutzen und dabei keine Minute vergessen, dass der Schlag gegen den Feind im eigenen Land, gegen den ‚eigenen‘ Imperialismus gerichtet werden muss.“

Wann begann der Zweite Weltkrieg?

Gewöhnlich wird der Beginn des Zweiten Weltkriegs auf den September 1939 und den Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen datiert. Die Vorgeschichte, wie das Münchener Abkommen 1938 und die Geschehnisse im Fernen Osten, werden dabei außer Acht gelassen. Es handelt sich um einen Weltkrieg, der sechs Jahre dauerte und am 2. September mit der Kapitulation Japans endete. Er erfasste 61 Staaten und 1,7 Milliarden Menschen – 80 Prozent der damaligen Erdbevölkerung – 110 Millionen Menschen unter Waffen, 70 Millionen unmittelbare Kriegsopfer (Tote), davon 45 Millionen in Europa, chinesische Regierungsquellen nennen 35 bis 40 Millionen Opfer.

Im Fernen Osten begann ebenfalls frühzeitig die Vorbereitung auf einen neuen Weltkrieg. Palmiro Togliatti ging1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern darauf ein. 1927 hatte der japanische Premier Tanaka im Rahmen der am 27. Juni in Tokio eröffneten „Ostkonferenz“ sein Memorandum verkündet, in dem er unter anderem Leitlinien zur Eroberung Asiens – beginnend mit der Mandschurei/China – und später weiterer Teile der Welt formulierte. Darin hieß es unter anderem: „… um die Welt zu erobern, müssen wir zuerst China erobern. Wenn es uns gelingt, China zu erobern, werden alle Länder Kleinasiens, Indien sowie die Länder der südlichen Meere Furcht vor uns bekommen und vor uns kapitulieren. Die Welt wird dann begreifen, dass Ostasien unser ist … und wird es nicht wagen, uns unsere Rechte streitig zu machen … (…) …dann beginnen wir mit der Eroberung Indiens, der Länder der südlichen Meere, und danach Kleinasiens, Zentralasiens und schließlich Europas.“ Um Verbündete im Kampf um die Welteroberung zu gewinnen, nutzte die japanische Führung das Streben Deutschlands nach Revanche für seine Niederlage im Ersten Weltkrieg und nach Revision des Versailler Diktats und schloss eine japanisch-deutsche Vereinbarung zur Bekämpfung des Kommunismus  – den sogenannten „Antikominternpakt“ vom 25. November 1936, dem später auch Länder wie Italien, Ungarn, Finnland und so weiter beitraten.

Am 7. Juli 1937 begann Japan seine Invasion Chinas unter dem Motto der Bildung einer „Großen Sphäre ostasiatischen sozialen Aufblühens“ unter Einschluss der anderen asiatischen Staaten und dem sowjetischen Fernen Osten. Ab Mai 1939 tobten blutige Kämpfe am Chalchin Gol, wobei Japan zunächst die Mongolei zu erobern trachtete, das aber mit der Sowjetunion verbunden war. Besonders hart waren die Kämpfe am 21./22. August 1939, gerade als die Verhandlungen zwischen Moskau und Berlin liefen. Am 15. September 1939 wurde zwischen der UdSSR und Japan ein Waffenstillstand vereinbart, am 13. April 1941 schloss die Sowjetunion einen Neutralitätspakt mit Japan, der mit dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR eine harte Prüfung zu bestehen hatte, denn Hitler war sehr daran gelegen, Japan in einen Feldzug gegen die Sowjetunion im Fernen Osten einzubinden.

Stoßrichtung „Russland“

Hitler machte keinen Hehl draus, dass alles, was er tue, gegen Russland gerichtet sei, „ … wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um das zu begreifen, bin ich gezwungen, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu zerschlagen, um danach, nach seiner Zerschlagung, mit konzentrierter Kraft gegen die Sowjetunion vorzugehen. Ich brauche die Ukraine, damit wir nicht wieder dem Hunger ausgesetzt werden, wie im letzten Krieg.“ Damit wollte sich Hitler entsprechende Freiräume gegenüber Polen und dem Westen schaffen. Aber dies kann nicht als Ursache für den Überfall und für den Beginn des Zweiten Weltkriegs angesehen werden. Eher wollte er sich den Rücken gegenüber der UdSSR freihalten.

Die Sowjetunion erfüllte ihre im Rahmen der Koalition eingegangenen Verpflichtungen und leistete zwei Monate nach dem Sieg in Europa einen entscheidenden Beitrag zur Zerschlagung der 6. Japanischen Kwantung-Armee und der Befreiung der Mandschurei und damit auch zur Unterstützung der chinesischen Truppen.

Deutschland trat nicht zuletzt wegen der für ihn folgenschweren Auswirkungen des Versailler Vertrages erst 1939 direkt in den Weltkrieg ein. Als Grund für den Überfall auf Polen nutzte Hitler das „Problem Danzig“, das nach dem Versailler Vertrag an Polen ging, womit Deutschland in zwei Teile zerfiel.

Man kann den Zweiten Weltkrieg nicht nur eurozentristisch beurteilen, man muss ihn auch global einordnen. Dies hütet auch davor, Geschichtsfälschungen auf dem Leim zu gehen – seitens des Westens oder auch Polens – und vor allem historische Zusammenhänge in ihrem gesamten Ausmaß zu verkennen.

(Text verfasst unter Mitarbeit von Tatjana Mahlow)

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"Kein europäischer, sondern Weltkrieg", UZ vom 8. Mai 2020



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