Silvina Landsmanns neuer Doku-Film begleitet die Aktivisten von „Breaking the Silence“

Laut sagen was ist

Es ist schwer, mir selbst einzugestehen, was ich getan habe“, berichtet eine ehemalige israelische Soldatin. Der Einsatz in den besetzten Gebieten habe sie härter gemacht, gewalttätig. Gefangene habe sie mit Absicht schlecht behandelt, denn Gefangenentransporte haben meistens „die Wochenenden gestohlen“, eine Beschwerde beim Vorgesetzten hätte mehr Wochenenddienste bedeutet – also hat sie ihre Wut an den Palästinensern ausgelassen. Kein Wasser, keine Nahrung, enge Hand- und Fußfesseln, unmenschliche Behandlung – so, wie die anderen es auch gemacht haben.

In Silvina Landsmanns neuem Dokumentarfilm „Silence Breakers“ schaut sich ein Mann die Zeugenaussage der Soldatin auf Video an, es ist eine von tausenden, die seine Organisation gesammelt hat, aus den besetzten Gebieten, aus dem Krieg gegen Gaza im Jahr 2014. „Breaking the Silence“ ist eine Organisation ehemaliger Soldatinnen und Soldaten der israelischen Armee, die mit Sammeln und Veröffentlichen von Erinnerungen auf die Situation in den besetzten Gebieten aufmerksam machen, den militärischen Alltag und den Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung öffentlich machen wollen. Denn nur so, sagen sie, kann die Besatzung beendet werden. Sie treten in Schulen und an Universitäten auf, verteilen Flugblätter und machen Führungen durch das besetzte Hebron. Dafür werden sie kritisiert, schikaniert, gehasst und angefeindet. Von aktiven Soldatinnen und Soldaten, von jungen Frauen, die sich als „konservative Aktivistinnen“ bezeichnen, von Politikern, Siedlerinnen und der Staatsanwaltschaft.

Die in Argentinien geborene und in Israel aufgewachsene Filmemacherin Silvina Landsmann („Hotline“) begleitet die Aktivistinnen und Aktivisten von „Breaking the Silence“ nicht nur bei ihren öffentlichen Auftritten und Aktionen, sondern auch in den internen Besprechungen, in den Vorbereitungen von Auftritten, und das zu einem Zeitpunkt, als die Bekämpfung der Anit-Besatzungs-Organisation in Israel eskalierte, sie nicht mehr nur als Nestbeschmutzer beschimpft, sondern als Landesverräter verfolgt wurden. So ist man dann hautnah dabei, wenn die ehemaligen Soldatinnen und Soldaten gemeinsam erarbeiten, wie einzelne von ihnen ihre Erfahrungen formulieren werden: „Sie sind Rassisten, aber das darf man nicht sagen“, sagt zum Beispiel eine der Soldatinnen über die Siedler. „Warum nicht“, fragt der andere nach. Wenn das ihre Erfahrung sei, solle sie dies genauso formulieren. Und was wird passieren, wenn einer der Soldaten öffentlich betont, dass er nie Hand an eine Palästinenserin oder einen Palästinenser gelegt habe? Erweckt das nicht den Anschein, als hätten die Soldatinnen und Soldaten die Wahl, wie sie sich verhalten, und die Macht, die Besetzung anders zu gestalten? Den Eindruck möchte die Rechte in Israel gern erwecken: Wenn etwas Grausames in den besetzten Gebieten passiert, sind die Soldatinnen und Soldaten schuld. Diese halten entgegen, dass die Besetzung das Grausame ist, sie prangern das System an. Dafür nutzen sie ihre persönlichen Geschichten.

Wenn ein ehemaliger Soldat erzählt, dass sie ständig den Befehl hatten, palästinensische Häuser als Armeestützpunkte zu besetzen, gibt es bei vielen Zuhörerinnen und Zuhörern den Impuls, auf den Terrorismus der Palästinenser zu verweisen. Wenn der Soldat das konkrete Vorgehen beschreibt und erklärt, dass Schin Beth (der israelische Geheimdienst) die Besetzung nur für Häuser „unschuldiger Familien“ freigibt, weil dann kein Feuergefecht zu erwarten ist, bleiben viele sprachlos zurück.

Ob sie denn nicht gewusst hätten, was sie in der Armee erwartet, werden die Soldaten gefragt. Sie hätten ihr Land verteidigen wollen, nicht Besatzer werden, ist ihre Antwort. Die Essenz von „Breaking the Silence“ ist laut Silvina Landsmann „Schweigen dient der Besatzung“. Ihr Film ist ein Mosaikstein im Kampf dagegen.


Silence Breakers
Regie und Kamera: Silvina Landsmann
Israel, Frankreich, Deutschland 2021
Im Kino


  • Aktuelle Beiträge
Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Laut sagen was ist", UZ vom 1. April 2022



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz aus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]