Warum ein IT-Ingenieur von der DKP begeistert ist

Mitmachpartei gegen Konzerndiktat

Als er zum ersten Mal zu einem DKP-Treffen ging, war er begeistert. „Die DKP ist eine Mitmachpartei, in der kollektiv diskutiert und entschieden wird“, sagt Stefan Mitschke, der für die DKP bei der Bundestagswahl auf der bayerischen Landesliste kandidiert. „Das kenne ich aus dem Arbeitsleben nicht – da gibt es am Ende immer einen Chef, der entscheidet.“

Mitschke ist Betriebsrat und Entwicklungsingenieur bei Cariad, der Software-Tochter des VW-Konzerns. Seit 2020 gibt es dieses Unternehmen, der Name soll für „Car, I am digital“ stehen. Elektrisch angetrieben, umfassend vernetzt: So sollen die Autos sein, mit denen VW auch in Zukunft Profite zu machen hofft. Cariad entwickelt die Software für diese Autos – wie das Betriebssystem „vw.os“, das ab 2025 in allen Autos aller Marken des VW-Konzerns eingesetzt werden soll.
In der Softwareentwicklung ist die Arbeit anders organisiert als in der Fertigung. „Agiles Arbeiten“ ist eines der Modewörter, die für IT-Manager zum Mantra geworden sind. Für den Cariad-Personalvorstand („Chief People Officer“) Rainer Zugehör heißt das: „Arbeiten in Teams mit flacher Hierarchie und schnellen Entscheidungswegen.“

Mitschke sieht im „agilen Arbeiten“ Organisationsformen, die eine demokratische Zusammenarbeit im Betrieb möglich machen. „Das geht in Richtung einer Demokratisierung – aber diese Demokratisierung hat Grenzen.“ Wo verläuft diese Grenze? „Das ist nicht ganz greifbar“, sagt Mitschke. Das Team entscheidet, wie es seine Arbeit organisiert, wie es Aufgaben verteilt, wie es Probleme löst. Das trägt dazu bei, dass Mitschke Spaß an seiner Arbeit hat. Die Vorgaben für seine Arbeit und die des Teams „rieseln über die Lastenhefte runter in die Abteilungen“ – welche Funktionen sie entwickeln müssen, gibt der Vorstand vor. Die Autos sollen Profit bringen, sollen dem Konzern auch gegen Konkurrenten wie Google und Tesla Marktanteile bringen – die Strategie dafür kann nicht demokratisch entwickelt werden. Die Pseudo-Demokratie in agilen Teams ändert nichts an den Eigentumsverhältnissen – in einer kapitalistischen Wirtschaft gibt es immer eine Grenze, hinter der die Entscheidungen nicht demokratisch, sondern vom Unternehmer getroffen werden.

Wenn Mitschke erzählt, warum er in der DKP aktiv ist, geht es auf zwei verschiedenen Ebenen um diese Grenze. „Wenn die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, auf systemischer Ebene liegen, dann müssen wir das System angehen“, sagt er. Für ihn heißt das: Es ist gut, wenn sich Gewerkschaften oder Linkspartei für einen höheren Mindestlohn einsetzen. Aber es reicht nicht. Deshalb ist er Mitglied der Kommunistischen Partei geworden – „Wir müssen dafür kämpfen, dass die Gesellschaft demokratisch bestimmt, was wir produzieren“. Die zweite Ebene ist: Die DKP organisiert sich nicht in agilen Teams, sondern in Grundorganisationen. Sie diskutiert nicht in gestylten Gemeinschaftsbüros, sondern in kleinen Parteizentren oder in Kneipen. Sie benutzt nicht die immer neuen Modewörter, sondern die Begriffe der marxistischen Klassiker. Über das erste Parteitreffen, das Mitschke in München besucht hat, sagt er heute: „So etwas habe ich noch nie erlebt. Das hat mich begeistert.“

Er kannte politische Diskussionen aus seiner Familie, im Freundeskreis oder auf einer Party. Hier war es anders, organisiert, wertschätzend, „wirklich kollektiv“ – weil hier ein Kreis von Genossinnen und Genossen auf Grundlage einer gemeinsamen Weltanschauung die gemeinsamen Aktionen plante und auswertete. Dieses Diskutieren ist anders als das unverbindliche Gespräch auf einer Party, das kein Ergebnis haben soll und sich im Kreis dreht, es ist anders als bei der Arbeit. Die Parteigruppe diskutiert zu einem bestimmten Zweck, auf ein Ergebnis hin, dazu will sie die Erfahrungen aller am Tisch nutzen. Dieses demokratische Kollektiv – gemeinsam diskutieren, entscheiden, umsetzen und auswerten – enthält für Mitschke den Kern dessen, was mit dem „Agilen Arbeiten“ versprochen, aber nur begrenzt verwirklicht wird.

Mitschke will nicht Teil einer Partei sein, deren Mitglieder zum großen Teil nur ihre Beiträge zahlen, aber nicht aktiv sind. Er übernahm schnell Verantwortung in seiner Parteigruppe, schrieb Flugblätter, organisierte Demoblöcke, arbeitete in der Redaktion der Kleinzeitung „Auf Draht“ mit, die die DKP München gemeinsam mit der KAZ-Gruppe herausgibt. „Es läuft nicht so, dass man erst zwei Jahre Plakate kleben muss und den alten Leuten zuhören, bevor man sich einbringen kann. Das schätze ich an der DKP.“

Die Diskussionen in der DKP seien für die Gewerkschaftsarbeit „Gold wert“. Die marxistische Analyse helfe zu verstehen, warum das Unternehmen welche Schritte macht – „Die müssen eben Profit machen, weil das System sie dazu zwingt. Sie müssen Löhne drücken. Nicht weil sie geldgierig sind wie Dagobert Duck, sondern weil sie sonst untergehen.“ Während der Pandemie arbeitet er zu Hause, die Kollegen trifft er selten. Trotzdem konnte er einige Kollegen im Betriebsrat überzeugen, zu unterschreiben, damit die DKP zur Wahl antreten kann. In den meisten Gesprächen geht es eher darum, die Kollegen für die Gewerkschaft zu gewinnen: Anders als im Rest des VW-Konzerns sind die meisten bei Cariad nicht organisiert. Für IT-Ingenieure ist der Schritt in die IG Metall groß, aber auch hier gibt es Konflikte zwischen Belegschaft und Management. „Da merken die Kollegen: Hier gibt es nichts geschenkt“, sagt Mitschke.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Mitmachpartei gegen Konzerndiktat", UZ vom 17. September 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Haus aus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]