(Sexuelle) Gewalt gegen Frauen ist global und allgegenwärtig

Nicht nur an Silvester

Von Birgit Gärtner

Nein, (sexuelle) Gewalt gegen Frauen ist kein Privileg nordafrikanischer Männer. Die 30 Tatverdächtigen, gegen die die Kölner Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit den Vorfällen von Silvester ermittelt, haben offiziellen Angaben zufolge die marokkanische, albanische, tunesische syrische, libysche, iranische, türkische, somalische und algerische Staatsangehörigkeit. Bei zwei Personen war die Herkunft nicht feststellbar. Von den 30 Verdächtigen sind 15 Asylbewerber (davon elf, die erstmals nach Anfang September 2015 in Deutschland registriert wurden) und elf Personen, die sich ohne Status in Deutschland aufhalten, zwei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sowie zwei Personen mit Aufenthaltsgenehmigung.

Allerdings wird nur gegen sechs von ihnen im Zusammenhang mit Sexualstraftaten ermittelt. Obwohl nicht bekannt ist, welcher Nationalität diese sechs angehören, lässt sich feststellen: sexuelle Gewalt ist weder an Nationalität noch an Religionszugehörigkeit gekoppelt – die Anzeigen wegen Sexualstraftaten z. B. beim Oktoberfest bestätigen dies, sondern sie ist männlich.

Weltweites Pick-up-event wurde abgeblasen.

Sexuelle Gewalt gibt es nicht nur in Köln, Hamburg, Bielefeld oder München, sondern rund um den Globus. Nicht selten endet Gewalt gegen Frauen tödlich, sei es durch die gezielten Abtreibungen in Indien, Albanien, Armenien oder Dänemark von weiblichen Föten – also schon vor ihrer Geburt, durch Jagdunfälle vom bayrischen Wald bis zur Lüneburger Heide, bei denen häufig „versehentlich“ der weibliche Teil der Familie reduziert wird, in Russland – 12 000 tote Frauen pro Jahr durch häusliche Gewalt, eine tote Russin alle 40 Minuten – und in der Türkei, wo allein im vergangenen Jahr 305 Ehrenmorde registriert wurden.

Kurzum: (sexuelle) Gewalt gegen Frauen ist männlich und international – und die Täter sind in Zeiten des WorldWideWeb global vernetzt. Das stellten die für vergangenen Samstag geplanten heimlichen Treffen von sich selbst „Aufreißkünstler“ nennenden Männern eindrucksvoll unter Beweis: in 165 Städten in 43 Ländern, darunter auch Aachen, Berlin, Frankfurt, Hamburg, München, Nürnberg und Würzburg, wollten die „Aufreißkünstler“ sich an geheimen Plätzen treffen, um ihrer Forderung nach Legalisierung von Vergewaltigungen im privaten Rahmen Nachdruck zu verleihen.

Hintergrund der Aktion war ein Blogbeitrag des US-Amerikaners Roosh V. (Daryush Valizadeh), in dem er im Februar vergangenen Jahres eine einfache Lösung für das Problem Vergewaltigung vorschlug: diese sollten seiner Ansicht nach legalisiert werden. Zumindest sofern es sich um Vergewaltigungen auf privatem Grund handele. Schließlich fänden Statistiken zufolge Vergewaltigungen primär im privaten Umfeld statt. Frauen würden dann besser auf sich aufpassen, beispielsweise in Gegenwart von Männern, die sie nicht einschätzen können, auf Alkohol verzichten. Oder junge Frauen sich nur in Gegenwart von Daddy mit Vertretern des anderen Geschlechts verabredeten.

Das klingt erst einmal so, als schlüge Roosh V. vor, dass jeder Mann mit „seiner“ Frau machen könne, was er wolle. Aber „privater Grund“ ist ein weiter Begriff. Schließlich hat die eigene Partnerin mal Besuch von Schwestern oder Freundinnen. Außerdem ist letztendlich auch eine Disco ein „privater Grund“, sofern der Besitzer einverstanden ist. Abgesehen davon, dass natürlich auch die eigene Partnerin kein Freiwild ist – mit oder ohne Trauschein – ist es nicht Aufgabe der Frauen aufzupassen, dass sie nicht vergewaltigt werden. Sondern es ist Aufgabe der Männer, nicht zu vergewaltigen, und auch sonst keine (sexuelle) Gewalt auszuüben. Apropos Trauschein: In der BRD ist die Vergewaltigung in der Ehe nach §177 Strafgesetzbuch (StGB) erst seit 1997 strafbar.

Doch zurück zu den Aufreiß­„künstlern“, die sich „Return of the Kings“ (Rückkehr der Könige) nennen: Die Kommunikation fand über das Internet statt. Was genau dort passieren sollte, war nicht klar. Aber weltweit befürchteten Frauen, dass Horden von Männern in den genannten Städten sich aufmachen würden, um regelrechte Frauenjagden zu veranstalten. Befürchtet wurde sowohl, dass Frauen sozusagen in freier Wildbahn angequatscht und zum Mitkommen in private Räume bewegt würden, als auch Anmache in Diskotheken, z. B. durch heimliche Verabreichung von Drogen, um die Frauen willenlos zu machen und abschleppen zu können.

Die Berichte von der Silvesternacht – möglicherweise organisierte Banden, die in Dutzenden Städten Hunderte von Frauen sexuell belästigen, nötigen und z. T. vergewaltigen und ganz nebenher noch berauben – stellte ein reines Horrorszenario auch für nicht-betroffene Frauen dar. Das allerdings von der Vorstellung Frauen jagender Männerhorden in 165 Städten weltweit bei weitem übertroffen wird. Entsprechend formierte sich in vielen Städten Protest. In Hamburg z. B. gab es Anzeigen gegen Roosh V., das LKA hatte indes schon eigenständig gegen ihn, beziehungsweise in der Sache, zu ermitteln begonnen. In Toronto hatte ein Frauen-Boxclub angekündigt, sich der Herren anzunehmen. Aufgrund der Proteste wurde die Aktion zwei Tage vorher überraschend abgeblasen.

Nun scheint der Zeitraum von Februar 2015, wo Roosh V. seinen Vorschlag unterbreitete, bis Februar 2016, wo die globale Frauenjagd stattfinden sollte, ein langer Zeitraum zu sein. Doch stellen wir uns mal vor, es sollte eine globale, dezentrale Friedensaktion, oder Protest gegen TTIP organisiert werden. Weltweit an einem Tag zur selben Zeit. Alle Aktiven wissen: nach dem Ostermarsch ist vor den Ostermarsch. Insofern ist es nicht ein langer Zeitraum zur Vorbereitung eines Events, sondern eine eindrucksvolle Demonstration männlicher Machtansprüche – eine globale Kriegserklärung an das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen.

Roosh V. erklärte inzwischen in sozialen Netzwerken im Internet, sein Vorschlag sei lediglich „ein satirisches Gedankenexperiment“ gewesen. Doch er und die „wiedergekehrten Könige“ sind Aktivisten der so genannten Pick-Up-Artists: manipulative, frauenfeindliche Aufreißer, die einem mehrstufigen Plan vom ersten Ansprechen bis zum Sex folgen, und eine große Zahl von einstudierten Verhaltensmustern und Tricks nutzen, um möglichst viele Frauen ins Bett zu kriegen. Da scheint es doch mehr als fraglich, dass er seinen Vorschlag nicht ernst gemeint haben soll.

Wie dem auch sei: der Testballon, den Roosh V. startete, ob bewusst oder tatsächlich unabsichtlich, nahm erstaunlich schnell Fahrt auf. Und sieben bekannte bundesdeutsche Orte, an denen solche geheimen Treffen stattfinden sollten, sprechen eine deutliche Sprache. Nämlich die, dass hierzulande Gewalt gegen Frauen nicht nur an Silvester ein Thema ist.

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"Nicht nur an Silvester", UZ vom 12. Februar 2016



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