Erinnern an die Pogromnacht: Stolpersteine reinigen in Essen-Steele

Noch nie bemerkt

Von Hannes Schinder

Die Stolpersteine, die an die Opfer des faschistischen Terrors erinnern, standen im Mittelpunkt der Aktion, mit der Essener Antifaschisten an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 erinnerten: Das Bündnis „Essen stellt sich quer“ hatte dazu aufgerufen, am Jahrestag die Stolpersteine zu reinigen. 56 000 dieser Steine haben der Künstler Gunter Demnig und seine Mitarbeiter seit 1992 verlegt, 300 davon in Essen.

Einige der Menschen, die anhalten und sich wundern, dass jemand mit Putzlappen auf dem Bürgersteig kniet, haben die Stolpersteine noch nie bemerkt – obwohl sie täglich an ihnen vorbeilaufen. In Essen-Steele reinigen Mitglieder der DKP, der VVN-BdA und des Chores gegen Rechts 25 Steine, bis die Schrift wieder gut zu lesen ist. Kerzen erinnern an die Opfer, Schilder erklären die Aktion, Flugblätter informieren über die Reichspogromnacht. „Ich denke schon, dass viele stehenbleiben, die zunächst nur neugierig sind“, sagt Karin Schnittker. „Da kommt man auch ins Gespräch und viele hören sehr aufmerksam zu.“ Peter Köster, hat am Vormittag schon an der gleichen Aktion der IG BAU in einem anderen Stadtteil teilgenommen: „Viele erzählen aus der eigenen Geschichte, von Verwandten oder Eltern.“ Die kleinen Gedenktafeln zu putzen, ist für sie politische Aufklärungsarbeit.

Einige Passanten loben die Aktion. An manchen Stolpersteinen, an denen die Gruppe vorbeikommt, stellt sie fest, dass schon jemand vor ihnen da war: Die Steine sind sauber, an manchen liegen Blumen oder stehen Lichter. Peter schätzt, dass etwa die Hälfte der Essener Stolpersteine an diesem Tag geputzt worden sind.

In anderen Städten erinnerten Antifaschisten mit Mahnwachen, Veranstaltungen und Demonstrationen an den Jahrestag der Pogromnacht. In Stuttgart-Bad Cannstatt, dort, wo bis 1938 die Synagoge stand, sprach Heinz Hummler, der die Pogromnacht selbst erlebt hat und DKP-Mitglied ist, auf der Kundgebung. Er kritisierte die offizielle Gedenkpolitik, die den Blick auf die Gefahren, die heute von rechten Kräften ausgehen, verdecke.

Wir sollen vergessen, wer die Kriege anzettelt und warum, sagte Hummler und nahm Bezug auf den Krieg des „Sultan“ Erdogan gegen die Kurden im Südosten der Türkei, der durch die Bundesregierung tatkräftig unterstützt wird. Hummler fasste zusammen: „Kriege brechen nicht aus, sie werden gemacht.“ Er machte deutlich, worin für die Antifaschisten der aktuelle Inhalt des Gedenkens besteht: „Damals brannten die Synagogen, heute brennen Flüchtlingsheime.“

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"Noch nie bemerkt", UZ vom 18. November 2016



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