Keine Recherche, kaum lokale Quellen: Medien zu Mali

Reine Propaganda

Eigentlich müsse den Bundeswehreinsätzen im westafrikanischen Sahel „höchstes Interesse“ zukommen, findet David Dembélé, Journalist aus Malis Hauptstadt Bamako. Gerade hat das Bundeskabinett eine Verlängerung und Ausweitung des Militäreinsatzes in Mali beschlossen. Einer Studie der IG-Metall-nahen Otto-Brenner-Stiftung zufolge gibt es aber keine unabhängigen journalistischen Recherchen und Reportagen deutscher Leitmedien dazu. Dembélé findet das „paradox“.

Die Studie „Mediale Routinen und Ignoranz? Die Sahel-Einsätze der Bundeswehr im öffentlichen Diskurs“ des Journalisten und Afrikanisten Dr. Lutz Mükke untersucht, wie die Sahel-Region, die Bundestagsdebatten und Abstimmungen über die Verlängerungen der Bundeswehreinsätze dort 2021 in führenden deutschen Massenmedien abgebildet wurden. Dafür hat er die Berichterstattung von „Zeit Online“, „FAZ.net“, „Bild.de“ und „tagesschau.de“ zwischen 5. April und 4. Juni 2021 analysiert und seine Ergebnisse mit Experten aus Mali, Niger und Deutschland diskutiert.

Die Ergebnisse haben es in sich. Die Parlamentsdebatte spiele in diesen Berichterstattungen so gut wie keine Rolle, heißt es in der Vorabpublikation. Etwa 60 Prozent der Beiträge seien Eins-zu-eins-Abdrucke von Agenturmeldungen oder basierten auf Agenturmaterial, vor allem von AFP und dpa. Die restlichen 40 Prozent stammten zwar aus den Federn von Korrespondenten, die berichteten aber aus Kapstadt, Paris, Berlin und Rabat – weit entfernt vom Geschehen in Mali also.

„Keines der untersuchten Medien hielt es für angebracht, eigene Reportagen aus der Sahel-Region oder komplexere Recherchen, investigative Beiträge oder Storytellings zu platzieren“, stellt Dr. Mükke fest. Leitartikel, Interviews, Porträts oder Rezensionen kämen gar nicht vor. Lediglich zwei Kommentare wichen von rein nachrichtlichen Meldungen ab.
Die Aktivitäten der Bundeswehr würden oft „holzschnittartig hinterfragt“, aber nie vor Ort recherchiert. Als Informationsquellen dienten vor allem hochrangige französische und deutsche Regierungsvertreter. Darauf folgten malische Militärs und Vertreter von EU und UN. Nur 40 Prozent der Quellen seien in den betroffenen Regionen verortet.

Relevante lokale Informationsquellen wie Wissenschaftler, Religionsvertreter, Geschäftsleute, Schriftsteller, Künstler und Studenten allerdings kämen praktisch nie zu Wort. Auch bewaffnete Gruppen, die gegen die örtlichen Regierungen und die Bundeswehr kämpfen, würden kaum abgebildet. „In keinem einzigen Fall wird über sie näher aufgeklärt, obwohl sie als Hauptgrund der Militärinterventionen proklamiert wurden und werden“, kritisiert Dr. Mükke. Das hält auch Ibrahim Manzo Diallo, Chefredakteur von „Aïr Info“ und „Radio Sahara FM“ aus dem nigrischen Agadez, für inakzeptabel. Die Berichterstattung bewege sich in immer gleichen Interpretationsmustern, obgleich Journalismus eigentlich die Aufgabe habe, diese ständig zu hinterfragen. Zudem sei es ein Affront, dass im Untersuchungszeitraum kein einziger Gastbeitrag eines afrikanischen Journalisten veröffentlicht wurde.

Das Fazit der Studie ist vernichtend. „Anhand der analysierten Berichterstattung konnte sich die bundesdeutsche Öffentlichkeit (…) weder substanziell über die Bundestagsdebatten noch hintergründig über die Geschehnisse in der Sahelzone informieren.“

Die Kurzfassung der Studie ist unter kurzelinks.de/medialeignoranz abrufbar. Die vollständige Fassung soll im Sommer erscheinen.

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"Reine Propaganda", UZ vom 20. Mai 2022



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