Ein Bilderbuch

Russische Märchen

Fairy Tales – Märchen, so ist der Titel des Buches. Bei Märchen denkt man zunächst mal an die eigene Kindheit zurück. Sprechende oder wie Menschen handelnde Tiere, Zauberer, Riesen und Zwerge waren die Subjekte der meist fantastischen Geschichten, die uns vorgelesen wurden. Geister und Fabeltiere kamen da auch vor. Märchen können aber auch realistische oder gar utopische Inhalte haben. Wer kennt die großartigen tschechoslowakischen, russischen Märchenfilme und die aus der DDR nicht, die uns noch als Erwachsene in den Bann gezogen haben. Aber all das war erfunden, wenngleich oft mit realistischen Bezügen. Die Darstellung zum Beispiel über Herrschaft und Knechtschaft, Armut und Reichtum, war auch eine niederschwellige Vermittlung sozialer Strukturen. Aber immer noch ausgedacht.

Fotografien, die nicht ausgedacht wurden und die doch so wirken wie aus einer anderen Welt, werden uns in dem Bildband „Russian Fairytales“, Russische Märchen, von Frank Herfort gezeigt. Er verbrachte mehr als zehn Jahre in Russland auf der Suche nach Geheimnis und Mythos des größten Landes der Erde. Sein Buch vereint melancholischen Realismus und absurde Fantasien. Die Bilder der post-sowjetischen Welt sind bunt, cool und vor allem menschlich. Alltagsszenen, Architekturen und Ereignisse entfalten ihre eigenen Erzählungen und verbinden sich zu einer faszinierenden Märchengeschichte.

Der Leser bekommt nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern zwei. Die erste entsteht im Kopf beim Betrachten des Bildes und die zweite steht in der Bildbeschreibung.

Herfort hat die Russen viele Jahre lang als positive, gut gelaunte Menschen erlebt, die den Widrigkeiten des Lebens trotzen. Am Anfang mag eine schwierige Situation stehen, die Geschichte schließt aber dennoch mit einem Happy End – wie in einem Märchen eben. Egal, ob Märchen oder Realität, Herforts Bilder verführen und entführen.
Man blättert wahllos durch das Buch, schon hängt die ganze Aufmerksamkeit an einem Bild oder Detail. Dem Fotografen gelingt es, zum langsamen Sehen zu verführen.

Eine dreisprachige Einleitung macht neugierig, die englischen und französischen und fehlenden deutschen Bilderklärungen zeigen dann aber, dass dieses Buch wohl eher für den internationalen Markt gedacht ist. Bedauerlich ist das Fehlen deutscher Texte zu den Fotos. So ist der volle Genuss nur möglich, wenn man Englisch oder Französisch lesen kann. Aber dann ist dieses Buch wirklich spannend und das Bunte verwandelt sich in Farbe.

Frank Herfort
Russian Fairy Tales
Kerber Verlag
160 Seiten, 88 farbige Abbildungen
geb., 38 Euro

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"Russische Märchen", UZ vom 31. Juli 2020



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