Der Ausweg aus der Pandemie muss erkämpft werden

Solidarität konkret machen

Um die Corona-Pandemie wirkungsvoll zu bekämpfen, fordern die Unterzeichner des Aufrufes #ZeroCovid unter anderem die Stilllegung der Betriebe und bitten die Konzerne zur Kasse. UZ sprach mit dem Schauspieler Rolf Becker, der als einer der ersten den Aufruf unterschrieben hat.

UZ: Warum ist ein Strategiewechsel bei der Bekämpfung von Covid-19 notwendig?

Rolf Becker

Rolf Becker: Die bisherige Strategie besteht nach wie vor in dem Versuch, das Virus so weit wie möglich unter Kontrolle zu halten, damit die Intensivstationen nicht an ihre Grenzen kommen. Dieser Versuch ist gescheitert. Die Bevölkerung versteht immer weniger, warum wir uns privat nur noch mit einer Person aus einem anderen Haushalt zu Hause treffen dürfen, aber Betriebe, Großbüros, Baustellen von den Regelungen völlig ausgenommen sind.

Ich selber erlebe es auch. Ich kann nicht auftreten. Beispiele: Hier in der Nähe gibt es die Schneverdinger Kirche. In die Kirche passen normalerweise über 1.000 Menschen. Zum Gottesdienst sind maximal 150 zugelassen. Aber an Kulturveranstaltungen im gleichen Raum dürfen keine 150 Personen teilnehmen. Entsprechendes gilt für die großen Hamburger Kirchen wie St. Michaelis. Absagen, wie bei allen übrigen Kulturveranstaltungen. Begreife das, wer will.

Zudem darf ich in Fernsehproduktionen zurzeit nicht arbeiten. Die Kolleginnen und Kollegen drehen aber. Ich bin 85 und darf wie andere über 65 nicht arbeiten. Es heißt, wir müssen geschützt werden. In Wirklichkeit geht es um das Aufrechterhalten der Produktion. Der Kulturbereich mit seinen insgesamt 1,3 Millionen Beschäftigten, im Bereich des Fernsehens und des Films mit über 400.00, ist eine beachtliche Industrie.

UZ: Wäre ein Shutdown unter den heutigen Machtverhältnissen überhaupt wünschenswert? Die arbeitende Bevölkerung zahlt jetzt schon für Krise und Pandemie. Würde ein Shutdown die Zeche nicht nur noch teurer machen?

Rolf Becker: Das ist auch die Sorge von Kolleginnen und Kollegen, die in den Großbetrieben arbeiten und weiter arbeiten müssen. Die meisten von ihnen halten sich politisch zurück, weil sie sich fragen: Was kommt dann auf mich und auf meine Familie zu?

Die Debatte um die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes läuft zwar, aber die Unsicherheit bleibt groß. Gewerkschaftskolleginnen und -kollegen, mit denen ich spreche, können nur als absurd wahrnehmen, was sie von Tag zu Tag erleben: Am Arbeitsplatz und auf dem Weg dorthin sind sie weitgehend ungeschützt, aber im Privatbereich müssen sie sich den Schutzverordnungen fügen. Ungeschützt dürfen sie alles machen, was im Interesse der Profitwirtschaft nötig ist, privat so gut wie nichts.

UZ: Der „taz“-Redakteur Thomas Gerlach nennt den Aufruf eine „halbtotalitäre Fantasie“. Vertrauen die Verfasser des Aufrufs zu sehr dem Staat?

Rolf Becker: Gerlach geht davon aus, dass der Staat mit seinen Einrichtungen und Maßnahmen der Bevölkerung Entlastung schaffen kann. Ich halte es für naiv, Forderungen an einen bürgerlichen Staat zu stellen, dessen entscheidende Aufgabe ja gerade darin besteht, die Bedingungen für das Gesamtkapital zu sichern. Er verbreitet Illusionen, die im Widerspruch zu den Erfahrungen stehen, die arbeitende Menschen Tag für Tag machen müssen.

Veränderungen, die notwendig sind, müssen erkämpft werden. Das können die Beschäftigten in den Betrieben nicht alleine schaffen. Das muss gemeinsam geschehen mit allen, die anfangen, die Verhältnisse in Frage zu stellen. Damit meine ich nicht die AfD oder die Querdenker-Demos. Sondern Leute, die sich beispielsweise mit der Frage des Wohnraums auseinandersetzen, sich gegen Krankenhausschließungen wehren, gegen das Sterben im Mittelmeer und das Leiden der ausgegrenzten Flüchtlinge, gegen Rüstungsproduktion und Waffenexporte, gegen Expansionspolitik und Kriegsvorbereitungen, gegen Zerstörung von Natur und Klima. All die verschiedenen Initiativen und Gruppen wehren sich gegen Auswüchse des Kapitalismus, setzen aber jeweils woanders an. Es geht darum, die verschiedenen Kämpfe zusammenzuführen, auch wenn das noch ein langer Weg sein wird, bis wir die Widersprüche untereinander überwinden. Dieser Weg kann aber im Konkreten gefunden werden.

Die Petition #Zero Covid ist dafür ein Denkanstoß. Solidarität im Konkreten: Meine Frau zum Beispiel ist jetzt gerade bei den Beschäftigten des Asklepios-Krankenhauses. Die Geschäftsführung will die Sprecherin der Krankenhausbeschäftigten entlassen, die sich gegen Überbelastung und Einsparungen wehren. Dagegen protestieren ihre Kolleginnen und Kollegen vor dem Krankenhaus und werden aus dem Stadtteil unterstützt. Ein kleines Beispiel, aber ein Ansatzpunkt.

Jeder konkrete Widerspruch – nicht Querdenker, nicht AfDler, die da Geschrei machen – führt weiter, führt auf einen Ausweg zu. #ZeroCovid macht da ein Angebot, damit die Lösung von links kommt, von den Betroffenen, und nicht von rechts außen.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Solidarität konkret machen", UZ vom 22. Januar 2021



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