Warum er als Musiker in der DDR mehr Freiheit hatte und warum er heute für die Linkspartei kandidiert – Ein Gespräch mit Tino Eisbrenner

Sozialismus muss gut klingen

Rockpoet Tino Eisbrenner ist Direktkandidat der Linkspartei bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern für den Wahlkreis 22 (Mecklenburgische Seenplatte V). Als Sänger der Band „Jessica“ wurde er in der DDR der 80er Jahre zum Star. Auf seinem Hof veranstaltet er jährlich das „Hof(Scheunen)festival Musik statt Krieg“. Die DKP kandiert in Mecklenburg-Vorpommern zur Landtags- und Bundestagswahl. Das hält sie nicht davon ab, dem Friedenskämpfer und Direktkandidaten der Linkspartei Tino Eisbrenner viel Erfolg zu wünschen!

UZ: Es sieht so aus, als könnte es eine rot-grün-rote Bundesregierung geben. Macht dir das Hoffnung?

Tino Eisbrenner: Es würde wohl darauf ankommen, welche Kompromisse „Die Linke“ dann machen müsste. Ich glaube, eine rot-grün-rote Regierung könnte tatsächlich ein paar Stellschrauben in Richtung Soziales drehen – die Frage ist, ob „Die Linke“ in so einer Koalition stark genug wäre.

UZ: Um von SPD und Grünen als Koalitionspartner akzeptiert zu werden, müsste die Linkspartei sich wohl deutlich zur NATO bekennen. Kann sie in so einer Koalition noch eine Friedenspartei bleiben?

Tino Eisbrenner: Das geht aus meiner Sicht gar nicht. Wenn „Die Linke“ sich in solchen Punkten anpasst, wird sie alles verlieren, wofür sie noch geachtet wurde. Sie hat schon viel verloren in den letzten Jahren – auch deshalb bin ich jetzt angetreten zur Landtagswahl, um dieser Erosion etwas an älteren Werten entgegensetzen zu können.

UZ: Wenn sich die Linkspartei an Landesregierungen beteiligt hat, war ja immer eine wichtige Frage, dass sie sich von der DDR distanzieren und die DDR als Unrechtsstaat bezeichnen sollte. Wie siehst du das?

Tino Eisbrenner: Na, überhaupt nicht so. Natürlich sind in diesem ersten Versuch, den Sozialismus in Deutschland aufzubauen, sehr viele Fehler gemacht worden, das war alles „Learning by doing“. Aber warum soll ausgerechnet der linken Bewegung nicht erlaubt sein, aus Fehlern zu lernen? Das kapitalistische Deutschland hat den Faschismus, hat Massenvernichtung und Weltkriege hervorgebracht und beteiligt sich bis heute weltweit an politischen Dummheiten und militärischen Untaten, aber wagt es, den Menschen permanent die Mär vom Unrechtsstaat DDR aufzudrücken und damit deren konsequente Friedenspolitik, Sozialpolitik, Bildungs- und Gesundheitspolitik völlig zu diffamieren! Dazu werden immer wieder dieselben Geschichten hervorgeholt, bis die letzte wirkliche Erinnerung an die DDR verloren ist.

Ich gehöre zu denen, die sagen, dieser Sozialismus hat viel hervorgebracht, womit wir der Idee vom Menschsein nähergekommen sind. Das alles in die Tonne zu treten war ungerecht und dumm. Und man hat den Niedergang des Sozialismus dafür genutzt, gleich noch den Sozialstaat BRD runterzufahren. Warum hatte denn im Sozialismus niemand Angst vor Arbeitslosigkeit, davor, seine Familie nicht ernähren zu können oder plötzlich zum Arzt zu müssen?

UZ: Es wird immer gesagt, gerade Künstler seien in der DDR stark gegängelt worden von der Partei. Wie hast du das erlebt?

Tino Eisbrenner: Erstmal können wir festhalten, dass die Künstler aus der DDR zumeist hoch geschulte Fachkräfte waren, nach denen sich nach der Wende alle die Finger geleckt haben. Natürlich hat man in der DDR oft das Prinzip der Heckenschere angewandt – Individuen, die ein bisschen aus der Art schlugen und der Linie nicht voll folgten, wurden gerne gestutzt, damit die Hecke wieder schön gerade wächst. Manfred Krug ist da ein Beispiel in zwei Richtungen: Als Künstlerpersönlichkeit ist der in der DDR in den Himmel gewachsen. Der war unheimlich vielseitig, kam als Multimediastar rüber, den liebten alle. Gefordert und gefördert vom Staat. Und dann aus politischer Dummheit vertrieben.

UZ: Du nennst Manfred Krug einen wichtigen künstlerischen Bezugspunkt für dich.

Tino Eisbrenner: Ja, absolut. Als Musiker hat sich Manfred Krug im Westen nie durchsetzen können, in der DDR aber sehr wohl, weil da das Kommerzielle keine Rolle gespielt hat. Hätte er von vornherein mit Günther Fischer zusammen auf Kommerzialität setzen müssen, wäre nie entstanden, was die gemacht haben. Aber sie entwarfen ihren Sound, wie sie wollten, und sind damit durch die Decke gepfiffen. Im Westen hat Krug dasselbe Konzept nochmal versucht, mit Peter Herbolzheimer, und ist damit baden gegangen – die kommerzielle Welt des Westens hat das überhaupt nicht verstanden und wusste nicht, warum sie das kaufen sollte. Manfred Krug hat sich als Künstler in der DDR entwickelt, mit allen Ecken und Kanten: Verbotene Filme, erfolgreiche Filme, wichtige Filme, Diskussionen mit dem Ministerium über das Warum, Wie und Warum nicht. Dann engagierte er sich in der Biermann-Affäre und politisch Kurzsichtige wollten ihn zähmen. Man darf ja nicht vergessen: Da haben Menschen agiert, mit ihren Schwächen und Stärken. Ihn haben sie damit vertrieben und es zu spät gemerkt.

Ich habe solche Zähmungsversuche auch durchgemacht – meine Band war jung, erfolgreich und frech und man bändigte uns dreimal mit dem Grundwehrdienst, den ja jeder zu leisten hatte. Damit hat man uns „unauffällig“ aus­ein­andergeschraubt. Und gerade waren zwei von uns von der Armee zurück, da kriegte der Keyboarder seinen Reservistenbescheid. Ich bin zum Komitee für Unterhaltungskunst, die haben mich zum Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ geschickt, zur Stasi sozusagen. Da traf ich auf zwei Herren, die mir im Anzug gegenübersaßen und sich anhörten, was ich zu sagen hatte. Und ich habe gesagt: „Wir als Band sorgen dafür, dass der Sozialismus ansehnlicher, bunter und attraktiver wird und Spaß macht. Wollt ihr uns loswerden? Warum?“ Die haben dann gesagt: Sagen sie mal Ihrem Kollegen, er kann den grünen Zettel vergessen.

Natürlich hätte ich sagen können: Scheiß Osten, wir hauen alle ab. Ich habe aber das Gegenteil gesagt. Und diese Feinarbeit, die das gesellschaftliche Leben ausgemacht hat, wird heute völlig ignoriert. Das Etikett Unrechtsstaat kann man der DDR leichter umhängen und die Details ausblenden.

UZ: Ihr wolltet also mit „Jessica“ dafür sorgen, dass der Sozialismus Spaß macht?

Tino Eisbrenner: Wir waren jung, wir wollten Musik machen. Dieses Argument, wir sorgen dafür, dass der Sozialismus schmackhafter wird, war ein Argument in dieser Situation, wo man uns schlecht behandelte. Außerdem war es geklaut aus dem Buch und der Verfilmung „Daniel Druskat“. Da sagt Manfred Krug: „Ja, alles gut und schön, dein Sozialismus. Aber ihr Kommunisten vergesst immer: Sozialismus muss auch gut riechen, gut schmecken, gut aussehen. Er muss Spaß machen.“ Ich fand das Argument immer stark.

UZ: Macht Sozialismus mehr Spaß als Kapitalismus?

Tino Eisbrenner: Wenn jemand an der Armutsgrenze rumkratzt und immer Angst hat, ob ein Inkassobüro ihm auf den Pelz rückt oder er aus der Wohnung fliegt, dann hätte der im Sozialismus auf jeden Fall mehr Spaß. Wenn man natürlich genug Geld hat und die Bank dauernd anruft, weil das Konto zu voll ist, dann hat man mehr Spaß im Kapitalismus. Die Warenvielfalt und das sich ständig ändernde Angebot am Markt machen dem, der die Taschen voll Geld hat, mehr Spaß als der Sozialismus von damals.

Mit Spaß geht es mir aber auch um den Spaß am Denken, am Diskutieren, am Miteinander, an der Anregung zu Neuem – das ist ja alles ein Spaß, nur weiß das heute keiner mehr. Ich kann mich erinnern, wir haben über Bücher diskutiert, über Filme, haben Musik gemacht, uns gebildet. Schon was in der Schule gelernt wurde, war von viel größerem Umfang, war immer von der Idee geprägt, herauszufinden, was Menschsein bedeutet. Heutzutage ist alles von der Idee geprägt, herauszufinden, womit man am meisten Geld machen kann, damit man gut durchs Leben kommt.

UZ: Nun wird oft gesagt: Alles schön und gut, aber die Freiheit in der DDR hat gefehlt. Du kennst die Arbeit als Künstler in der DDR und in der Bundesrepublik. Bist du heute freier als damals?

Tino Eisbrenner: Auf gar keinen Fall – weil heute alles davon abhängt, ob ich genug Geld umsetze, um das nächste Projekt machen zu können. Ich kenne so viele Künstler, die große Ambitionen haben. Manchmal hört man das auf ihren CDs. Aber wenn sie losfahren, sitzen sie zur Gitarre da und können gar nicht umsetzen, was ihre Idee ist. Alles hängt davon ab, ob irgendwo Geld genug liegt oder nicht. Das war in der DDR nicht so. Wir haben von der ersten bis zur letzten Minute gemacht, was wir machen wollten. Das hing nicht vom Geld ab. An unserem Erfolg verdiente auch der Staat, weil wir trotz tausender Fans in den Konzerten immer dieselbe Einstufungsgage bekamen. Den Gewinn machte das Kulturministerium, weil so die Kultur auch subventioniert wurde und jeder preiswert Zugang zu Kunst und Kultur hatte. Und als wir mit größerem Aufwand zum Album touren wollten, beantragten wir eine höhere Einstufung und bekamen mehr Geld. Keiner von uns hatte den Gedanken, dass doch die vielen Fans unseretwegen ihr Geld ausgaben, wir also viel mehr in die eigene Tasche hätten stecken können. Wir hatten, was wir brauchten und lebten für die Kunst – das war gelernter und gelebter Sozialismus.

Die meisten Leute heute in unserem Land kriegen nur noch Schlager ab. Mit anderen Kulturformen kommen sie gar nicht in Berührung – zu teuer und zu fremd. Damit verödet der kulturelle Verstand einer Gesellschaft. In der DDR hatte jeder alles zur Verfügung, konnte alles sehen. Daraus ist auch die Freiheit der Kunst entstanden, dass das Publikum da war, dass der Staat verpflichtend wusste, Kunst und Kultur sind der Ausdruck der Gesellschaft.

Natürlich hat es auch das Ideologische gegeben. Man ging auf die Liedermacher, auf die Schlager- und Rockmusiker zu und hat gesagt, ach, diesen Text, den wollen wir nicht. Mir ist auch mal ein Text rausgestrichen worden, „Bring mir die Sonne“. Da hat einer im Lektorat gesagt, das spielen wir nicht im Rundfunk. Und ich bin losgetobt und habe eine vernünftige Begründung erfragt, aber die gab es nicht. Das Lied ist dann einer unserer größten Hits geworden.

Jetzt wird in der Corona-Pandemie gesagt, Kultur sei nicht systemrelevant. Was folgte, waren Berufsverbot. Einreiseverbote, Denunziation, wer protestierte, wurde diffamiert und wird es bis heute. Wer sich nach all diesen Corona-Entscheidungen noch hinstellt und die DDR als Unrechtsstaat etikettiert, muss völlig blind sein für das, was heute in Deutschland vorgeht.

UZ: Du hast gesagt, du stehst mit deiner Kandidatur für ältere Werte. Sind das die Werte der DDR?

Tino Eisbrenner: Das sind die Werte des Humanismus, mein Aufwachsen in der DDR ist da nur ein Baustein. Es müssen viele Sachen viel grundsätzlicher betrachtet werden. Das ist auch eine Kritik, die ich an der „Linken“ habe – wobei ich gleichzeitig größtes Verständnis habe. „Die Linke“ und vorher die PDS ist ja immer in die Ecke gestellt worden mit dem Argument, ihr kommt doch aus der DDR. Die PDS hat versucht, in die Mitte vorzudringen, um gehört zu werden, das hat sie ja auch vollbracht. Und dafür hat sie Opfer gebracht, auch in ihrem eigenen Selbstverständnis. Heute wächst eine Generation bei den „Linken“ heran, die Artur Becker googeln muss, den Spanienkämpfer und ermordeten Reichstagsabgeordneten, oder die von Ernst Busch nichts wissen. Aber die Kulturtradition der Linken muss man vermitteln. Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader, die kann man doch nicht alle ins Schubfach tun und sagen: Das war früher.

UZ: Ernst Busch, aber auch Degenhardt und Wader haben ja den Ruf, dass ihre Sachen ganz verstaubt sind und uns heute nichts mehr zu sagen haben.

Tino Eisbrenner: Ja, aber wenn man das anhört, weiß man sofort, dass dieser Ruf ein Rufmord ist. Diese kulturelle Kraft ist nach wie vor Ausdruck der linken Idee.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, diesen Appell in die linke Szene zu tragen. Es braucht linkes, humanistisches und kulturvolles Denken, um die profithörige Verrohung der Gesellschaft wenigstens abzubremsen. Darum kandidiere ich für den Landtag. Bewusst für „Die Linke“, nicht für die DKP – obwohl die konsequenteren Aussagen der DKP den „Linken“ generell ein Motor sein könnten. Ob ich in meinem Wahlkreis, der doch stark AfD-lastig ist, eine Chance habe, sei mal dahingestellt. Aber die rote Fackel ist in die Erde gehauen – darauf kam es in erster Linie an.

UZ: Auf deinem aktuellen Album, in dem Lied „In veilchenblauer Nacht“, singst du: „Ich fühle mich verbannt/steck‘ bis zum Kopf im Sand/sehe, wie sie euch dressier’n/und kann nicht reagier’n“. Das klingt im Vergleich zu dem, was du gerade gesagt hast, sehr pessimistisch.

Tino Eisbrenner: Das Lied ist ein paar Wochen nach Beginn des Lockdowns im letzten Jahr entstanden. Wenn man plötzlich sagt, Kultur ist nicht systemrelevant und die einfach ausschaltet und in den Lockdown schickt, dann entsteht eine Situation der Verbannung. Dann ist man auf einmal draußen und kann auf nichts reagieren, weil man sein Podium nicht hat, von Facebook mal abgesehen.

Später kam meine Erkenntnis, wie ich mich doch einbringen kann – zuerst ist uns die Initiative „Kultur ins Grundgesetz“ eingefallen. Dann habe ich beschlossen zu kandidieren – als Künstler, der sich politisch engagiert. Es wird immer so getan, als würden Kunst und Kultur nur so nebenbei mitlaufen zur Unterhaltung der Menschen, aber Kunst und Kultur feuern den Diskurs an und bilden.

Da war der Sozialismus auch schon weiter. Dort hat sehr wohl eine Rolle gespielt, was Gorki schreibt oder Stefan Heym oder Christa Wolf. Oder Brecht, als größtes Beispiel. Heute werden Kunst und Kultur meist darauf reduziert, ob sie kommerziell erfolgreich sind. Hat man vergessen, welche Rolle Künstler in den politischen Debatten und Bewegungen gespielt haben oder will man uns genau deshalb auf die kommerzielle Unterhaltung der Massen einschwören und reduzieren? Dadurch, dass die Kunst in unserer Gesellschaft so reduziert wird, passiert es mir jetzt im Wahlkampf, dass die Leute gucken und sagen: Ach, ich dachte, der ist Musiker, aber worüber der alles nachdenkt und spricht … Wenn ich so was höre, stehe ich staunend da.

Das Interview musste redaktionell gekürzt werden. Die Langfassung gibt es unter kurzelinks.de/eisbrenner


Konzerte:
24. September: „Eisbrenner & Tatanka Yotanka“, Burg Stargard, Burg 1, 17091 Burg Stargard, 19.30 Uhr
29. September: „Eisbrenner & Tatanka Yotanka“, Berlin, Neu Helgoland, Neuhelgoländer Weg 1, 12559 Berlin, 20 Uhr
16. Oktober: „Das Lied vom Frieden – Ein Buch, ein Mikrofon, eine Gitarre – Tino Eisbrenner liest, erzählt und singt“, Dessau, Schwabehaus, Johannisstraße 18, 20 Uhr
www.eisbrenner.de


✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Sozialismus muss gut klingen", UZ vom 24. September 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Flugzeug aus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]