Aktienmärkte und Notenbanker reagieren panisch auf Corona – Berlin beendet Austerität

Stresstest für das Finanzsystem

Der in diesem Frühjahr geplante „Stresstest“ für die EU-Banken wird verschoben. Das teilte die EBA (Europäische Bankenaufsicht) mitten im Getümmel fallender Aktienkurse am Donnerstag vergangener Woche mit. Die EBA veranstaltet in unregelmäßigen Abständen derartige Tests. Dabei wird abgefragt, wie die von den Banken vergebenen Kredite und sonstigen Investitionen sich im Fall einer Krise (leichte Rezession und schwache Aktienmärkte) verhalten und wie viel Eigenkapital der Bank davon gefährdet sein kann. Die EBA hat recht mit ihrer Absage, denn der Test wird von der Realität überholt. Die Aktienkurse fallen tatsächlich.

Eine Seuche, die sich zügig verbreitet, hat nicht nur gesundheitliche, sondern auch wirtschaftliche Konsequenzen. Die professionellen Volkswirte stellten denn auch schon, als der Coronavirus nur in China – und da auch nur in Wuhan und der Provinz Hubei – sein Unwesen trieb, Modellrechnungen bereit, welche ökonomischen Wirkungen so eine Pandemie hätte, wenn sie ein ganzes Land wie etwa Deutschland erfassen sollte: Je nach Dauer und Schwere könnte die Coronaseuche Produktion und Nachfrage vielleicht zwei, im schlimmeren Fall sogar drei Quartale (Produktionsausfälle, Stillstand des Tourismus etc.) beeinträchtigen. So lange würde dann Rezession herrschen, und das Wachstum des Jahres 2020 dürfte um ein bis zwei Prozentpunkte niedriger ausfallen als bisher angenommen. An Prognosen dieser Größenordnung halten die Ökonomen auch jetzt noch fest.

Am Aktienmarkt sah man das offensichtlich etwas anders. Binnen vier Wochen fielen die Aktienindizes der Weltbörsen in immer neuen Fieberanfällen um 30 bis 40 Prozent. Negativrekorde wurden schaudernd vermeldet. Der Absturz des Dax am 12. März um satte 12 Prozent war der zweittiefste Sturz, den der Index seit seiner Geburt (1988) je erlebt hatte. Die heftige Reaktion der Spekulanten zeigt an, dass sie noch andere Sorgen umtreiben als nur die Auswirkungen des Virus auf Konjunktur und Profite. Der Börsenkrach kam ja nicht unerwartet. Selbst in der eher börsenfernen UZ war schon vom lange erwarteten Crash die Rede gewesen und davon, dass Kurse und Profitboom der nur mäßig wachsenden wirklichen Ökonomie zu weit nach oben enteilt waren. Die oben angestellte Modellrechnung von bis zu zwei Punkten Wachstumsverlust mag für Länder wie China tragbar erscheinen. Für Länder wie Japan, Italien oder Deutschland, deren Wirtschaft ohnehin kaum noch wächst, bedeuten sie eine schwere Wirtschaftskrise und heraufschnellende Arbeitslosigkeit.

Die Angst der Spekulanten richtet sich auf die Frage, ob das Finanzsystem dem Coronaschock standhält. Die Verschuldung der produzierenden und Handelsunternehmen ist seit der letzten Finanzkrise unter dem Druck, hohe Eigenkapitalrenditen zu erzielen, und dank des übergroßen Kreditangebots auf das Doppelte gestiegen. Das Risiko, die Kredite bei einem Nachfrageschwund nicht mehr bedienen zu können, ist damit deutlich gestiegen. Ob die Banken den massenhaften Kreditausfall aushalten, wird gerade in der Realität getestet. Um die Zweifel daran zu mäßigen, haben die Notenbanken ihre Liquiditätsspritzen ins Bankensystem massiv (um Billionenbeträge) ausgeweitet. Auch die US-Notenbank hat ihren Leitzins, panisch wirkend, in zwei Schritten auf null Prozent gesenkt.

Wirklich spektakulär war aber die Kehrtwende der deutschen Regierung: Am vergangenen Freitag stellten Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier ein Nothilfeprogramm vor. Es soll allen deutschen Unternehmen eine Liquiditätshilfe (= weiterer Kredit) „in unbegrenzter Höhe“ bieten. Es soll aus dem Bundeshaushalt finanziert werden, wofür mehr als 500 Milliarden. Euro schon bereitgestellt wurden, und – symbolträchtig – damit umfangreicher als das legendäre Bankenrettungsprogramm des Jahres 2008 sein. Die rigorose „Spar“-Politik der Merkel-Regierung, die ganz EU-Europa elf Jahre lang gefesselt hat, ist damit beendet.

Der Aktienmarkt, nun ungewohnt realistisch, ließ sich bis Anfang der Woche von der Liquiditätslawine noch nicht beeindrucken. Ob das verrückte Finanzsystem dem Virus standhält, bleibt offen.

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Über den Autor

Lucas Zeise (Jahrgang 1944) ist Finanzjournalist und ehemaliger Chefredakteur der UZ. Er arbeitete unter anderem für das japanische Wirtschaftsministerium, die Frankfurter „Börsen-Zeitung“ und die „Financial Times Deutschland“. Da er nicht offen als Kommunist auftreten konnte, schrieb er für die UZ und die Marxistischen Blättern lange unter den Pseudonymen Margit Antesberger und Manfred Szameitat.

2008 veröffentlichte er mit „Ende der Party“ eine kompakte Beschreibung der fortwährenden Krise. Sein aktuelles Buch „Finanzkapital“ ist in der Reihe Basiswissen 2019 bei PapyRossa erschienen.

Zeise veröffentlicht in der UZ monatlich eine Kolumne mit dem Schwerpunkt Wirtschaftspolitik.

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"Stresstest für das Finanzsystem", UZ vom 20. März 2020



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