Fotoausstellung sollte über den Spätkapitalismus erzählen

Tolle Technik, nix dahinter

Matt Black ist ein gefeierter Fotograf und kontrastreiche Schwarzweißfotos sind sein Markenzeichen. In München lädt eine Ausstellung seiner neuesten Fotos bei freiem Eintritt zum Besuch ein, die „den Zusammenhang zwischen Migration, Armut, Landwirtschaft und der Umwelt in seiner Heimat Kalifornien und in Süd-Mexiko dokumentiert“.

Also watschelt man mit der Vorstellung hin, eine Neuauflage eines Walker Evans (1903 bis 1975) zu sehen. Dieser hatte im Auftrag der damaligen US-Regierung die Vereinigten Staaten durchstreift und fotografiert, um den Wohlhabenden die Armut im Land zu verdeutlichen und so für den „New Deal“ zu werben. Ist also Matt Black der, der uns den Spätkapitalismus mit seiner schön-hässlichen Fratze vor Augen führt? Das wäre „toll … toll … toll …“, wie eine Frau besten Alters ergriffen vor sich hinstammelt, während wir beide zufällig ein und dasselbe Bild anstarren. Wir beide sehen eine Ma­tratze, die auf der Straße liegt, während es schneit. Ich denke aber eher an die Einlegefotos, die man mit dem Kauf eines IKEA-Fotorahmens gratis dazu bekommt. Solche, bei denen man kurz überlegt, ob man sie im Rahmen lässt, weil das Foto eigentlich ganz hübsch ist und in die Wohnung passt.

Auch die anderen Fotos in der Ausstellung rufen bei mir die gleiche Assoziation hervor. Sie sehen schön aus, technisch – ich sag’s – toll gemacht, aber sie bleiben stumm. Die Bilder erzählen – anders als die Fotografien Walker Evans – keine Geschichte. Die auf Wände abgedruckten Tagebucheinträge Matt Blacks untermauern mein Gefühl. Black ist einer, der alles was die Fotografie hergibt, kann, aber nichts damit rüber bringen will. Das ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass die US-Regierung keinen neuen „New Deal“ plant, sondern die Fotografien sind Postmoderne allererster Sahne. Inhalte, nennen wir sie mal Klassenstandpunkt, hat man überwunden und so sieht der Arbeiter und der CEO das Gleiche im Bild, nämlich nichts.

Aber der Besuch der Ausstellung ist keine vergeudete Zeit. Ein nebensächliches Detail erzählt ungewollt davon, wem das alles nützt. Nicht das Gewerkschaftshaus oder ein städtisch finanziertes Kulturzentrum beherbergt die Ausstellung, sondern die Versicherungskammer Bayern. Eine Institution, die verdammt reich ist und täglich noch reicher wird. Vor ihren Türen liegen keine Matratzen, sondern saudische Königssöhne und Spielerfrauen des FC Bayern suchen Parkplätze, um auf Münchens Luxusmeile Maximilianstraße shoppen zu gehen. Verdammter Spätkapitalismus …


Matt Black: American Geography
bis zum 12. September 2021
Kulturstiftung der Versicherungskammer Bayern
Kunstfoyer, Maximilianstraße 53, 80538 München
Vor dem Besuch müssen Onlinetickets unter kurzelinks.de/mattblack gebucht werden.


Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Tolle Technik, nix dahinter", UZ vom 13. August 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Flugzeug aus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]