Regionalligen: Die Debatte um die Aufstiegsreform und was sie uns über die deutsche Fußballordnung lehrt

Trotz großer Mehrheit gescheitert

Raphael Molter

Am 29. Juni 2026, also an dem Tag, an dem die deutsche Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale der Weltmeisterschaft nach Elfmeterschießen an Paraguay scheiterte, ging die seit Jahren geforderte Reform der deutschen Herrenfußball-Regionalligen vor die Hunde. Über die WM und den Zustand des deutschen Fußballs schwadronierte die hiesige Öffentlichkeit in gewohnter Manier – man kennt die Stammtischforderungen bei frühem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft: Jetzt müsse sich im gesamten deutschen Fußball etwas ändern. Doch die vergeigte Regionalliga-Reform sagt mehr über die Verfasstheit des deutschen Fußballs aus als jede Turnierpleite seines größten Aushängeschilds. Denn diese Reform, die fast alle Beteiligten wollten, scheiterte letztendlich an einer Handvoll Verbandsinteressen. Um die Bedeutung dieses Vorgangs für den deutschen Volkssport nachvollziehbar zu machen, drehen wir das Rad der Zeit um knapp vierzehn Jahre zurück.

Eine eingebaute Ungerechtigkeit

Seit der Saison 2012/2013 gibt es fünf Regionalliga-Staffeln, aber nur vier Plätze, über die man in die 3. Liga aufsteigen kann. Wer Meister wird, steigt also nicht zwangsläufig auf. Der DFB-Bundestag goss diese Knappheit im Jahr 2019 in eine bis heute geltende Regel, die die Ungleichheit festschreibt: Die Regionalligen Südwest und West stellen dauerhaft je einen Direktaufsteiger; der dritte Direktaufstieg rotiert zwischen Nord, Nordost und Bayern; der vierte muss in Ausscheidungsspielen zwischen den beiden übriggebliebenen Meistern ermittelt werden. Begründet wurde die Bevorzugung von Südwest und West mit deren Bevölkerungs- und Mitgliederzahlen. Eine Rechnung, die den bayerischen Landesverband mit dem gesamten Nordostdeutschen Fußballverband, der aus sechs Bundesländern besteht, auf eine Stufe stellt.

Die Folgen sind bekannt und immer dieselben. Der 1. FC Lokomotive Leipzig scheiterte gleich dreimal als Nordost-Meister in den Aufstiegsspielen – 2020 am SC Verl, zuletzt in zwei aufeinanderfolgenden Saisons am TSV Havelse (2025) und an den Würzburger Kickers (2026). Auch der BFC Dynamo (gegen den VfB Oldenburg) und Energie Cottbus (gegen die SpVgg Unterhaching) zogen als Meister in solchen Entscheidungsspielen den Kürzeren. Dass diese Spiele wenig mit der tatsächlichen Stärke der Ligen zu tun haben, zeigt der aktuelle Vergleich: Cottbus, 2023 noch Verlierer eines solchen Duells, spielt inzwischen in der 2. Bundesliga, während der Gegner von damals längst wieder viertklassig kickt. Der Ausgang solcher Aufstiegsspiele hängt primär von situativen Faktoren ab: verletzte Schlüsselspieler, wenige Tage zuvor zu spielende Landespokalfinals und so weiter. Er ist eben nicht Ausdruck des sportlichen Wertes einer gesamten Saison.

Die Reform, die es nicht gab

Aus diesem Dauerzustand erwuchs im Jahr 2025 Gegenwehr. Am 12. Februar gründeten Vereine der Regionalliga Nordost in Chemnitz die Initiative „Aufstiegsreform 2025“ mit einer einzigen, schlichten Forderung: Wer Meister wird, muss aufsteigen. Der Zuspruch war beträchtlich, und binnen eines Jahres wuchs das Bündnis von siebzehn auf weit über siebzig Klubs von der Bundesliga bis zur Oberliga, vom 1. FC Union Berlin über Schalke 04. Der DFB reagierte, setzte eine Arbeitsgruppe ein und ließ zwei Modelle ausarbeiten. Das „Kompassmodell“ hätte aus den fünf Staffeln vier Ligen zu je zwanzig Mannschaften gebildet, jede Saison neu nach Reisewegen sortiert und die attraktive Nordost-Staffel weitgehend erhalten. Das „Regionenmodell“ hätte West und Südwest unangetastet gelassen und Nord, Nordost und Bayern neu zusammengelegt – im Ergebnis die Zerschlagung der Regionalliga Nordost.

Der Prozess wurde auf den letzten Metern gekippt; zu groß schien die Gefahr für einige Verbandspfründe. Bei einem Treffen von je zwei Vertretern der Regionalverbände am 2. Juni 2026 wurde das Kompassmodell verändert: Statt zwanzig sollten nur noch achtzehn Mannschaften pro Staffel spielen. Diese Änderung wurde nicht offen kommuniziert, sondern die Vereine erfuhren davon erst aus den Wahlunterlagen, vier Tage vor der Abstimmung. Zugleich wurde – ebenfalls kurzfristig, in den Monaten der Debatte war das kein Thema – die Bedingung eingeführt, dass eine Reform nur bei einem einstimmigen Votum aller fünf Regionen umgesetzt wird; Enthaltungen waren nicht gestattet. Der Effekt war absehbar und trat prompt ein: Die zuvor geschlossene Front der Kompass-Befürworter bekam Risse. BSG Chemie Leipzig und die SpVgg Bayreuth protestierten öffentlich, die „Fanszenen Deutschlands“ (ein bundesweites Ul­tras-Bündnis) riefen zum Boykott auf, und auch Hansa Rostock und Dynamo Dresden schlossen sich an.

Die Abstimmung am 29. Juni bestätigte das Kalkül der Verbandsfunktionäre. Das Kompassmodell gewann im Nordosten (76,3 Prozent), im Norden (61,5) und im Westen (60,9). Der Südwesten stimmte mit 93,1 Prozent für das Regionenmodell, Bayern votierte mit knapper Mehrheit (52,4 Prozent) für die Ausarbeitung neuer Modelle. Damit war die Einstimmigkeit verfehlt und die Reform vorerst gescheitert, obwohl sich nur eine Handvoll aller Klubs mit dem bestehenden System zufrieden zeigte. Über 90 Prozent wollten eine Veränderung. Verhindert wurde diese am Verfahren.

Protest und Einigungsversuche

Die Initiative „Aufstiegsreform 2025“ fiel nicht vom Himmel, sondern wuchs aus einem Vernetzungszusammenhang, der Monate zuvor unter einem anderen Titel Gestalt angenommen hatte: „Verbandsstrafen abschaffen!“ Unter dieser Losung hatten sich im Bereich des Nordostdeutschen Fußballverbandes Fans und Vereinsverantwortliche zusammengetan, um gegen die verbandsrechtliche Bestrafung nicht missbräuchlich verwendeter Pyrotechnik vorzugehen. Die Unterzeichner dieser Erklärung waren nahezu deckungsgleich mit dem späteren Reformkern: Carl Zeiss Jena und die Südkurve, Zwickau und die Fankurve E5, der Chemnitzer FC und seine Fanszene, Lok Leipzig, der BFC Dynamo, Dynamo Dresden, Aue, Erfurt, Babelsberg und Plauen. Es war, in den eigenen Worten dieser Erklärung, eine „Einheit aus Fankurven und Vereinsverantwortlichen“ – dieselben Leute, die dann für den fairen Aufstieg stritten.

Darin nur eine Überschneidung mancher Personalien sehen zu wollen, greift zu kurz. Die „Verbandsstrafen-abschaffen!“-Kritik hatte den entscheidenden Mechanismus bereits benannt: Die Vereinsverantwortlichen werden mittels Lizenzvereinbarungen gezwungen, die sportgerichtliche Sanktionspraxis zu akzeptieren, wodurch ein Keil durch die Vereine getrieben wird. Die Kollektivstrafe macht den Klub zum Aufpasser gegen die eigene Kurve. Die Ordnung des Fußballs regiert, indem sie spaltet: Verein gegen Fans, Region gegen Region. Die Neuerung dieses Widerstands bestand gerade darin, den Keil zu verweigern. Kurve und Verein handelten gemeinsam, verfeindete Szenen unterschrieben dasselbe Papier, Klubs aus allen fünf Regionen fanden sich zu einer Forderung zusammen. Wer die Solidaritätserklärung liest, mit der Fanszenen von Lok bis zu den Würzburger Kickers, von Hertha bis Heidenheim nach dem gescheiterten Votum protestierten, sieht die gleiche Denkrichtung: die bewusste Absage an das Gegeneinander, das die Verbände sonst bewirtschaften.

Und so schließt sich für uns der Kreis zur Reform. Die kurzfristige Änderung von 20 auf 18 Mannschaften, die vier Tage vor der Abstimmung nachgeschoben wurde, folgte exakt derselben Logik: Sie trieb einen Keil in eine zuvor geschlossene Front. Was die Fans an der Strafenpraxis erkannt hatten, wiederholte sich im Reformverfahren auf höherer Ebene. Der Widerstand hatte gelernt, sich nicht spalten zu lassen, und die Ordnung antwortete mit ihrem bewährtesten Mittel: der Spaltung.

Ordnungslehre

Aufschlussreich ist die Struktur, die solches Handeln erzeugt und belohnt. Die deutsche Fußballordnung ist unterhalb von DFB und DFL föderal verfasst: fünf Regionalverbände, jeder ein Herrschaftsbereich mit einem Präsidenten, dessen Macht am Fortbestand seiner Staffel hängt. Eine Reform, die eine Regionalliga auflöst oder neu zuschneidet, ist für die Betroffenen eine Existenzfrage ihres Apparats. Von hier aus wird verständlich, warum ausgerechnet die Regionen, die vom Status quo profitieren, sich sperrten, und warum Bayern lieber „neue Modelle“ forderte, anstatt sich festzulegen.

Der entscheidende Zug war aber prozeduraler Natur. Indem man die Reform an die Einstimmigkeit aller fünf Regionen band und die Enthaltung verbot, erhielt jeder einzelne Regionalfürst ein Vetorecht. Eine Reform, die über 90 Prozent der Klubs wollen, kann so an der kleinsten involvierten Partei scheitern. Das ist die eigentliche Lehre über die Selbstorganisation des deutschen Fußballs: Den Vereinen muss nichts verboten werden; die Regeln müssen nur so gesetzt sein, dass sich der mehrheitliche Wille nicht durchsetzen kann. Der Wille der Basis wird somit verfahrensmäßig kaltgestellt.

Bezeichnend ist der Vorschlag, der nach dem Scheitern aus den Regionalverbänden kommt: die 3. Liga von zwanzig auf zweiundzwanzig Mannschaften aufzustocken, damit alle fünf Meister direkt aufsteigen könnten. Auf den ersten Blick löst das die Ungerechtigkeit. Auf den zweiten Blick hält es jedoch die fünf Regionalligen und damit alle fünf Verbände und ihre Präsidenten an der Macht. Von allen denkbaren Lösungen präsentiert sich nun ausgerechnet diejenige als am wahrscheinlichsten umsetzbar, die den Apparat unangetastet lässt. Und das alles, weil jede Instanz aus eigenem Antrieb ihren Bestand verteidigt.

Hier liegt zugleich die Grenze des Widerstands, so eindrucksvoll seine Geschlossenheit war und weiter sein wird. Vereine und Fans haben einen Führungskonflikt eröffnet: Da fordert man in Statements eine „faire Aufstiegsregelung“ und verlangt, dass „Leistung wieder gleich viel zählt“ und die „Integrität des Wettbewerbs“ wiederhergestellt werde. Eine solche Sprache akzeptiert die sportliche Selbstbeschreibung der fußballerischen Verbandsarchitektur und bittet nur um ihre konsequente Anwendung. Gegen ein Veto-Konstrukt ist mit dem Argument der Fairness aber nicht anzukommen. Die Frage lautet dort ja nicht, wer den Meistertitel verdient, sondern wer darüber entscheidet, wie entschieden wird. Wer das Fußball-Verbandswesen nur an seinen eigenen Versprechen misst, bleibt bei jenem „Eigentlich-müsste“ stehen, das die Berechtigung der Verbandsmacht schon voraussetzt. Die Reform scheiterte aber vorerst nicht, weil das Argument zu schwach war, sondern weil es auf die falsche Ebene zielte: auf die bessere Verwaltung des Fußballs statt auf die Macht, die ihre Verfahren bestimmt.

Wie es weitergeht

Nüchtern betrachtet ist die Bewegung damit in eine offene Konstellation geraten. Der DFB kündigte an, sich „aktiv“ einzubringen. Seine Spitze wirbt gemeinsam mit der DFL für das viergleisige Kompassmodell, während mehrere Regionalverbände am Erhalt ihrer fünf Ligen und an der Aufstockung der 3. Liga festhalten. Die Proteste laufen weiter und werden erfinderischer: Zum Auftakt der Regionalliga-Saison vor wenigen Wochen ruhte in den Nordost-Stadien in der ersten Minute der Ball, Lok-Fans warfen ihre Siegerpokale aufs Feld, selbst die zweite Mannschaft des FC Bayern richtete eine Choreografie gegen den DFB-Präsidenten und den bayerischen Verband, dutzende Ultragruppen erklärten in einem gemeinsamen Schreiben zudem ihre Unterstützung für das Kompassmodell.

Realistisch sind drei Wege. Der erste: Der DFB setzt eine Lösung über das regionale Veto hinweg durch. Das wäre möglich, hieße aber, dass die Zentrale die föderale Struktur überstimmt, auf die sie sich lange gestützt hat. Das wäre eine Machtverschiebung nach oben – und aktuell kein Sieg der Basis, sondern ein verschachtelter Kompromiss der Fußballfürsten. Der zweite: der Kompromiss der Zweiundzwanziger-Liga, der die Fürstentümer schont, dafür die Zahl englischer Wochen erhöht und nichts an der Struktur ändert. Der dritte: die Fortdauer des Patts, in dem sich alle empören und niemand bewegt. Am wahrscheinlichsten ist die Option, die den geringsten Widerstand erzeugt und die meisten Ämter erhält.

Die Stärke des fan- und vereinsseitigen Widerstands, über Rivalitäten und Regionen hinweg, ist jedoch real und im deutschen Fußball selten. Die Grenze ist aber aktuell darin gefunden, dass man im Rahmen dessen argumentierte, was nun Ende Juni den Prozess in Gänze ausbremste. Ob eine Reform kommt, entscheiden nicht die über 90 Prozent, die sie wollen, sondern das verbandliche Kräfteverhältnis zwischen denen, die den Fußball regieren. Die deutsche Fußballordnung wird nicht von denen bestimmt, die den Fußball tragen. Sie stellt sich über Verfahren ihrer Verbandsapparate her und verändert sich erst, wenn sich ihr inneres Machtgefüge verschiebt. Darauf zu zielen, dürfte für diejenigen, die es mit dem Fußball ernst meinen, erfolgversprechend sein.

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"Trotz großer Mehrheit gescheitert", UZ vom 4. September 2026



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