Verhängnisvolle Euro-Liebe

Kolumne von Lucas Zeise

Warum eigentlich sind die griechische Regierung und, wenn man den Meinungsumfragen glauben will, auch der größte Teil des griechischen Volkes so begierig, den Euro als Währung zu behalten? Schließlich rechnen ihnen kluge Ökonomen, wie zum Beispiel der in den deutschen Medien viel zitierte Hans-Werner Sinn vor, dass mit einer neuen, natürlich niedriger bewerteten Drachme die griechischen Unternehmen sich im heimischen Markt und auf den Auslandsmärkten viel besser behaupten könnten als jetzt mit dem teuren Euro. Warum waren die DDR-Bürger (oder zumindest eine nennenswerte Zahl davon) 1990 so wild auf die D-Mark. Damals schon rechneten ihnen kluge kapitalistische Ökonomen vor, dass die Währungsunion mit Westdeutschland den DDR-Betrieben nicht bekommen würde. Dennoch (besser wohl: deshalb) wurde damals die DDR mit der D-Mark beglückt, was ganz wesentlich mit zum Kahlschlag in der Industrie der DDR geführt hat.

Lucas Zeise

Lucas Zeise

Die klugen Ökonomen wussten auch bei der Schaffung des Euro, dass den schwächeren Euro-Ländern die feste und teure neue Währung, in der die deutschen, exportstarken Konzerne dominierten, nicht bekommen würde. Denn wozu wurde der Euro ersonnen? Natürlich, um den großen Unternehmen einen wirklich hindernisfreien großen Binnenmarkt zu schaffen, in dem nicht irgendeine Regierung immer mal wieder ihre nationale Währung, die Lira, den Franc, die Pesete und die Drachme abwerten würde, um so den Inlandsmarkt vor der übermächtigen Konkurrenz zu schützen. Das ist ja das Schöne an einem wahrhaft freien Markt: Die Starken können ihre Stärke ausspielen und werden stärker, die Schwachen werden schwächer und scheiden schließlich aus. ‚Schöpferische Zerstörung‘ hat der kluge Ökonom Joseph Schumpeter 1942 das genannt. Zerstörung findet seit sieben Jahren in Griechenland statt. Auf das Schöpferische warten wir noch.

Haben die griechischen regierenden Politiker den Beitritt zur Eurozone betrieben, weil sie die Gefahren nicht kannten? Oder wussten sie es und wurden sie auch in dieser Angelegenheit von Siemens und anderen Konzernen im Zentrum der EU bestochen? Ausnahmsweise lautet die Antwort nein. Der Euro hat – oder besser hatte – für die schwachen Länder auch Vorteile. Er ist eine Weltwährung, für das Finanzkapital fast so attraktiv und groß und schön wie der Dollar. Für Bank- und Industriekapital gleichermaßen sind in der Eurozone daher die Kreditzinsen niedrig, viel niedriger als außerhalb dieses Clubs. Als der Euro beschlossen war, strömte Kapital aus dem Norden Europas in die vormals abwertungsverdächtigen Euro-Länder des Südens. Die erlebten einen Anpassungsboom, während Deutschland damals als kranker Mann Europas gescholten wurde.

Man kann so verstehen, dass die griechische Groß- und Kleinbourgeoisie, ihre Presse und ihre Regierungen, sowie ein erheblicher Teil des übrigen Volkes gern im Euro-Club bleiben wollen. Dennoch ist es ein Irrtum. Die Strafe dafür, ein schwacher Teil im imperialen Markt zu sein, wird noch schlimmer ausfallen als für die Bürger der DDR.

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Über den Autor

Lucas Zeise (Jahrgang 1944) ist Finanzjournalist und ehemaliger Chefredakteur der UZ. Er arbeitete unter anderem für das japanische Wirtschaftsministerium, die Frankfurter „Börsen-Zeitung“ und die „Financial Times Deutschland“. Da er nicht offen als Kommunist auftreten konnte, schrieb er für die UZ und die Marxistischen Blättern lange unter den Pseudonymen Margit Antesberger und Manfred Szameitat.

2008 veröffentlichte er mit „Ende der Party“ eine kompakte Beschreibung der fortwährenden Krise. Sein aktuelles Buch „Finanzkapital“ ist in der Reihe Basiswissen 2019 bei PapyRossa erschienen.

Zeise veröffentlicht in der UZ monatlich eine Kolumne mit dem Schwerpunkt Wirtschaftspolitik.

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"Verhängnisvolle Euro-Liebe", UZ vom 24. Juli 2015



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