Der Hungertod von Millionen Menschen in Ostafrika scheint unabwendbar

Vor der Katastrophe

In Ostafrika droht wieder eine Hungerkatastrophe. In ganz Somalia, Südost-Äthiopien und im Nordosten Kenias hat eine anhaltende Dürreperiode zu einer weit unterdurchschnittlichen Getreideernte geführt, gleichzeitig ist durch Wassermangel ein massenhaftes Viehsterben zu erwarten.

Durch den anhaltenden Bürgerkrieg im Südsudan ist es für Hilfsorganisationen immer schwieriger, die dort ebenfalls von der Dürre betroffenen notleidenden Menschen zu erreichen. Im Jemen haben Krieg und Dürre dazu geführt, dass sieben Millionen Menschen unter Nahrungsknappheit leiden. Vorräte sind inzwischen weitgehend aufgebraucht.

Auch große Teile von Burundi, Ruanda, Tansania und Uganda sind von Nahrungsmittelknappheit betroffen.In den letztgenannten Ländern ist dies mitverursacht durch die Flüchtlingsströme aus den Bürgerkriegsländern Burundi und Südsudan.

Im aktuellen Rundbrief der Hilfsorganisation „medico international“ heißt es dazu: „Drei unmittelbare Gründe für die aktuelle Krise hier sind zuerst zu nennen: Natur, Markt, Gewalt. Es herrscht seit Monaten Dürre und Trockenheit. Bis zu 90 Prozent der Viehbestände sind bereits tot. Nomaden kommen in die Städte, auf der Suche nach den letzten verbliebenen Grünstreifen. Und während sie für ihre teils notgeschlachteten Tiere auf den Märkten keinen Preis mehr erzielen, steigen die Kosten für die zum Leben benötigten Nahrungsmittel. Dazu kommen bewaffnete Auseinandersetzungen, die ein systematisches Bewirtschaften von Feldern häufig unmöglich machen. Laut einem Spendenaufruf der Vereinten Nationen werden 24 Millionen US-Dollar allein für die Soforthilfe in Somalia benötigt. Davon sind bislang 0,4 Prozent finanziert.“

„medico international“ verweist auf die Verantwortung der Industrie­länder: „Zum Beispiel: Wasser. In Somalia stehen einer Familie derzeit nicht mehr als drei Liter davon pro Tag zur Verfügung. In Deutschland verbraucht eine Einzelperson rund 120 Liter. Berechnet man den „virtuellen Wasserverbrauch“, also die Menge des Wassers, das benötigt wird, um all die Produkte des täglichen Bedarfs herzustellen, verbraucht jede und jeder Deutsche rund 5000 Liter am Tag. An weiteren Beispielen mangelt es nicht. Der globale Norden importiert fossile Energie zum großen Teil aus dem Süden und treibt damit den Klimawandel an. Dessen Folgen wiederum spüren die Menschen in den Ländern des Südens als Erste. Das Zeitalter der sozialen Netzwerke verlangt nach seltenen Erden, wie z. B. Coltan, die unter extrem gesundheits- und umweltgefährdenden Bedingungen gewonnen werden. Auf den Müllbergen des Südens versuchen Kinder dann die noch verwertbaren Teile aus dem Elektronikschrott wieder heraus zu holen.

Dieser tägliche Wahnsinn, der allen bekannt ist, die davon wissen wollen, ist weltweit zur Normalität geworden. Nicht zuletzt der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, macht seit Jahren auf die mörderischen Folgen unseres Wirtschaftssystems aufmerksam. Es gibt einerseits also eine reale, gesellschaftlich auch anerkannte Zunahme von Krisenphänomenen und Widersprüchen. Auf der anderen Seite sind aber die gesellschaftspolitischen Maßnahmen offensichtlich seit Jahrzehnten nicht in der Lage, an diesen Krisen und Prozessen der sozialen Ausschließung und Vernutzung natürlicher Ressourcen wirklich etwas zu ändern.“

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"Vor der Katastrophe", UZ vom 24. März 2017



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