Die Beschäftigtenbefragung zur Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie ist abgeschlossen. Erste Ergebnisse liegen vor. Rund 267.000 Kolleginnen und Kollegen aus 2.285 Betrieben haben teilgenommen. Am 22. September entscheiden die Tarifkommissionen der Tarifgebiete über die Forderung. Eine konkrete und bundesweite Tarifforderung für die bundesweit über 3,7 Millionen Beschäftigten will der Vorstand der Gewerkschaft am 23. September beschließen. Am 7. Oktober starten die Tarifverhandlungen. Die Friedenspflicht endet am 31. Oktober.
Knapp die Hälfte der Befragten möchte eine moderate, 35 Prozent wollen eine kräftige Erhöhung, nur 4,1 Prozent wollen keine. Verzicht scheint somit kein Thema, da die wirtschaftliche Situation gar nicht so schlecht eingeschätzt wird wie oft in den Medien dargestellt. Leider wurde keine konkrete Forderungshöhe abgefragt. Aus Baden-Württemberg ist zu hören, dass die Forderung in der Größenordnung von 5 Prozent liegen soll. Bei Mercedes Untertürkheim halten die Vertrauensleute eine Forderung von über 6 Prozent für angemessen. Auch in Bayern gibt es Beschlüsse über eine Forderungshöhe zwischen 5 und 6 Prozent.
Nur etwas über 20 Prozent meinen, dass die wirtschaftliche Lage ihres Betriebes schlecht oder sehr schlecht ist. Je ein Drittel meint, „Geht so“, beziehungsweise schätzt die Lage als „Gut“ ein, 14,5 Prozent sogar als „Sehr gut“. Gut läuft es zum Beispiel in den Rüstungsbetrieben, der Luft- und Raumfahrt, im Schiffbau, in der Medizintechnik und im Energiesektor; vor allem in der Autoindustrie sowie bei einigen Zulieferern läuft es nicht so gut – also eine sehr gemischte wirtschaftliche Lage.
Die größten Sorgen bereiten den Befragten die gestiegenen Kosten für Lebenshaltung (68,9 Prozent) und Gesundheit (58,5 Prozent), gefolgt von der Absicherung im Alter (58,1 Prozent). Aber auch die Sicherheit des Arbeitsplatzes (56,3 Prozent) beziehungsweise die Zukunft des Betriebs (56,7 Prozent) bewegt mehr als die Hälfte der Befragten.
Außer einer tabellenwirksamen Entgelterhöhung hat Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen, eine Differenzierung bei der Sonderzahlung Tarifliches Zusatzgeld (T-Geld) eingebracht. Dieses beträgt zurzeit 18,4 Prozent des Monatsgehalts, kann aber bei weniger als 2,3 Prozent Profit verschoben beziehungsweise gestrichen werden. Jetzt wird vorgeschlagen, in den Betrieben, in denen die Geschäfte gut laufen, das T-Geld zu erhöhen. Christiane Benner, die Vorsitzende der IG Metall, wird in der „Wirtschaftswoche“ wie folgt zitiert: „An der Küste, wo im Marineschiffbau die Auftragsbücher voll sind, ist die Erwartung der Beschäftigten eine andere als in einer krisengebeutelten Region. Wir müssen versuchen, solche Unterschiede im Tarifabschluss abzubilden.“ Mit der Erhöhung des T-Geldes sollen die Kollegen in den gut laufenden Betrieben mit einem kleinen Bonbon beschwichtigt werden, die anderen sollen mit einem niederen Abschluss abgespeist werden. Das Ergebnis wird dann als „krisengerechter Abschluss“ verkauft werden.
Ob die Kolleginnen und Kollegen da mitziehen? Bei den extrem gestiegenen Lebenshaltungskosten, die alle gleich treffen, brauchen alle ordentlich was in die Tasche – egal, ob es im Betrieb gut oder schlecht läuft. Schon der letzte Tarifabschluss war mehr als bescheiden: gerade mal 5,5 Prozent – gestreckt auf zwei Jahre, plus eine Einmalzahlung.
Die Vorteile für die Kapitalseite, die ja immer noch Gewinne macht – nur eben nicht so große, wie sie es sich wünscht –, wären, dass die Mehrheit keinen Aufschlag entrichten müsste und ihren geforderten geringen Tarifabschluss erhielte.
Auf der Tarifkommissionssitzung in Baden-Württemberg stieß der Vorschlag zur Differenzierung auf Ablehnung. In der Resolution, die auf der Sitzung vom 10. September 2026 verabschiedet wurde, heißt es unter anderem: „Wir werden während der Tarifrunde 2026 grundsätzlich keine Verhandlungen über betriebliche Abweichungen vom Flächentarifvertrag aufnehmen. Ausnahmen sind nur in besonderen Härtefällen möglich.“
Das ist gut so, ebenso die klare Absage, über Arbeitszeitverlängerung oder tarifliche Verschlechterungen zu verhandeln. „Damit setzt die Tarifkommission ein klares Zeichen zur Verteidigung der Tarifbindung und tariflicher Standards“, heißt es dort. Wichtig ist auch der Beschluss, die „erste Tarifverhandlung am 7. Oktober 2026 in Ludwigsburg mit einer großen und sichtbaren Aktion der Beschäftigten zu begleiten, um den Forderungen der Beschäftigten Nachdruck zu verleihen und die Entschlossenheit der IG Metall sichtbar zu machen“. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn meistens gab es bei der ersten Verhandlungsrunde keine große Aktion, sondern erst ab der zweiten oder dritten. Gut ist auch, dass soziale Themen in dieser Tarifrunde eine Rolle spielen werden: „In dieser Tarifrunde geht es nicht allein um Einkommen. Es geht darum, den Angriffen auf die Rechte der Beschäftigten entgegenzutreten und soziale sowie tarifliche Standards zu verteidigen.“
Diese positive Entwicklung hängt sicher auch damit zusammen, dass durch die vielen Aktionen gegen die Angriffe des Kapitals und ihrer Regierung im Juli, durch die Offenen Briefe von Mercedes-Vertrauensleuten an Kanzler Merz und an den Vorstand der IG Metall Druck von unten aufgebaut wurde. Mitte letzter Woche startete zudem die Petition „Gegenwehr JETZT“ – mit 130 Erstunterzeichnern und 1.500 weiteren Unterstützenden (Stand: 14. September).
Gut, dass viele Kolleginnen und Kollegen in der Befragung erklärt haben, dass sie bereit sind zu streiken. Insbesondere bei der Jugend scheint diese Bereitschaft hoch zu sein. In Stuttgart erklärten sich 70 Prozent von ihnen für streikbereit.
Als nächstes steht der bundesweite Aktionstag in der Automobilindustrie am 21. September an. Die IG Metall erwartet laut „Stuttgarter Zeitung“, dass sich mehr als 100.000 Beschäftigte daran beteiligen werden. Geplant sind mehr als 200 dezentrale Aktionen. Ein Schwerpunkt soll die Region Stuttgart sein.








