Rund 175.000 Beschäftigte haben am vergangenen Montag beim Automobil-Aktionstag der IG Metall demonstriert. Sie setzten damit ein Zeichen gegen die Angriffe des Kapitals auf ihre Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen in der Automobilindustrie sowie die Angriffe der Bundesregierung auf soziale Errungenschaften.
Bundesweit gab es rund 280 Aktionen. Für diesen Tag wurden eigens Betriebsversammlungen anberaumt, aktive Mittagspausen oder Betriebsratssprechstunden durchgeführt. Es gab Kundgebungen vor den Werkstoren oder Demonstrationen auf öffentlichen Plätzen. Beschäftigte aller großen Autohersteller sowie Dutzender großer und kleinerer Zulieferer beteiligten sich unter dem Motto: „Zukunft statt Kahlschlag – Zusammenhalt ist unsere stärkste Marke“. Bei vielen dieser Aktionen wurde deutlich, dass auch der Sozialabbau der Regierung auf Ablehnung stößt.
Allein in Baden-Württemberg beteiligten sich an knapp 50 Orten rund 48.000 Beschäftigte, unter anderem bei Mercedes-Benz in Sindelfingen und Untertürkheim, Daimler Truck in Gaggenau, Bosch, Porsche, Mahle. Die größte Protestveranstaltung fand bei Mercedes in Sindelfingen mit rund 20.000 Kolleginnen und Kollegen statt, gefolgt von Audi in Neckarsulm mit über 6.000 und Mercedes Untertürkheim mit über 5.000 Beschäftigten.
Ein aus drei Demozügen gebildeter Sternmarsch zog bei Mercedes Untertürkheim zum Kundgebungsort. Auf den Fronttransparenten stand „Streikbereit“ und „Ohne Streik wird sich nichts verändern“, dazu die Parole „Widerstand“.
Der Betriebsratsvorsitzende Michael Häberle stellte den ganzen Horrorkatalog der Konzernleitung vor: Angefangen von der Forderung nach der 40-Stunden-Woche – die bezahlt werden soll wie 35 Stunden –, der Streichung von Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie bezahlten Pausen bis zu höheren Leistungsanforderungen in der Produktion. Er verurteilte diese Angriffe auf tarifliche und betriebliche Errungenschaften und betonte, dass diese von den Kolleginnen und Kollegen erkämpft wurden und sie diese deshalb auch nicht hergeben würden. Denn: „Was weg ist, kommt nie wieder“, so Häberle. Empörend findet der Betriebsratsvorsitzende, dass der Vorstand Verzicht und mehr Arbeit fordert und dennoch Standorte schließen will, darunter das Motorenwerk in Cannstatt. „In 40 Jahren habe ich eine solche Kompromisslosigkeit bei Verlagerungsdrohungen nicht erlebt“, sagte Häberle.
Die Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV), Sila Demirci, stellte dar, warum die Jugend und jüngere Beschäftigte am stärksten von den Angriffen betroffen sind. Sie rechnete vor, dass bei einer 40-Stunden-Woche 2.000 Menschen weniger im Werk gebraucht würden. Die 35-Stunden-Woche sei eine rote Linie, die gemeinsam gehalten werden müsse, so Demirci.
Auch bei Liane Papaioannou, Vorsitzende der IG Metall Stuttgart, stand die 35-Stunden-Woche im Zentrum ihrer Rede. Arbeitszeitfragen seien Machtfragen. Es gehe darum, wie lange wir arbeiten, wie viel Zeit übrig bleibe für ein gutes Leben. Sie betonte, dass die Beschäftigten noch nie etwas geschenkt bekommen hätten, dass alles hart erkämpft werden musste. Papaioannou stellte die Verbindung her zum Kampf um die Arbeitsplätze und um soziale Standards. Beides müsse verteidigt werden, denn der „Sozialstaat ist kein Almosen“. Auch er sei erkämpft worden. Deshalb forderte sie alle auf, am Samstag zu den DGB-Demonstrationen gegen den Sozialabbau zu gehen und eine starke Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie zu organisieren.
Miguel Revilla, Leiter des Vertrauenskörpers der IG Metall bei Mercedes Untertürkheim, betonte die Kampf- und Streikbereitschaft der Belegschaft und bekam dafür viel Beifall. Er wies auf konkrete Beispiele hin, die belegen, dass es Kämpfe braucht, um Erfolge zu erzielen: den Erhalt der Gießerei, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und den Protestmarsch über die B10 im Jahr 2004, mit dem sich die Beschäftigten gegen Erpressungsversuche des Vorstandes wehrten. „Källenius, nimm dich in Acht. Wir können uns wehren, wenn es sein muss, viel härter“, so Revilla. „Wenn die Regierung den Klassenkampf ausruft, können sie ihn haben“, lautete sein Schlusswort.
Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Michael Clauss wandte sich direkt an Mercedes-Chef Ola Källenius. Es gelte der alte Spruch: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“ Und, so Clauss weiter: „Die wollen nur die Rendite, die Kohle für Aktionäre und Vorstände wieder erhöhen. Von deren Geld können noch Enkel und Urenkel leben. Das waren noch nie unsere Partner.“ Er verwies auf die Betriebsversammlung kommenden Montag. Auf dieser müsse klar gezeigt werden, was von den Vorstandsplänen zu halten sei. Die Ansage, dass es gegen den Generalangriff des Konzerns mit seinen Vasallen aus der Politik Generalmobilmachung braucht – das brachte viel Beifall und laute Sprechchöre: „Widerstand“.
Alles in allem eine kämpferische, Mut machende Protestaktion, die auf eine ebensolche Tarifrunde, große Sozialproteste und einen heißen Herbst hoffen lässt.








