Wehrkraft zersetzt

So richtig rund läuft es nicht für Kriegsminister Boris Pistorius (SPD). Immer noch will kaum jemand zur Bundeswehr. Von denen, die wollen, können viele nicht. Und von denen, die schon da sind, geht kaum jemand freiwillig an die „Ostflanke“ nach Litauen.

Knapp zwei Drittel der jungen Menschen, die im zweiten Quartal dieses Jahres den Fragebogen zur Wehrerfassung ausgefüllt haben, haben auf einer Skala von null bis zehn angegeben, „null“ Inte­resse am Dienst in der Bundeswehr zu haben. Weil das aber schlecht aussieht, hat Pistorius‘ Ministerium diese „Null“-Antworten aus der Statistik gestrichen und verkündet, dass das durchschnittliche Inte­resse an der Bundeswehr bei „fünf“ liege. Dass es anders ist, weiß man nun dank einer Anfrage der Linksfraktion im Bundestag. Werden die „Null“-Antworten mit eingerechnet, liegt das durchschnittliche Inte­resse bei 1,7. Und es kommt noch dicker. Im gleichen Zeitraum wurden knapp 31 Prozent der Wehrdienstwilligen ausgemustert. Und das, obwohl man die Musterungen schon vereinfacht hat, um möglichst viel Kanonenfutter in kurzer Zeit an Land zu ziehen.

Aber nicht nur bei den potentiellen Rekruten herrscht ein gewisser Unwille, sich durch den Fleischwolf drehen zu lassen. Auch in der Truppe gibt es Vorbehalte. Anfang der Woche wurde bekannt, dass Pistorius die Verpflichtung von hunderten Soldatinnen und Soldaten für den Dienst in der Litauen-Brigade angeordnet hat. 4.800 Soldaten sollen an der NATO-„Ostflanke“ – aus der man bei Gelegenheit eine Ostfront machen möchte – dienen. Bislang sind nach Angaben des Ministeriums aber nur 80 Prozent der Posten besetzt. Eine Niederlage für Pistorius, der doch (wie beim Wehrdienst) stets das Hohelied der freiwilligen Auslandsstationierung angestimmt hat.

Beim Streben nach „Kriegstüchtigkeit“ wird aus der vermeintlichen Freiwilligkeit eben schnell ein Zwang. Insofern hat der Kriegsminister sein Bestes gegeben, um zehntausende Schülerinnen und Schüler für den kommenden Schulstreik am 25. September gegen die Wehrpflicht zu motivieren. Prädikat: pädagogisch wertvoll.

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"Wehrkraft zersetzt", UZ vom 18. September 2026



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