Von der Unfähigkeit, das Virus auszusperren

Weltbürger am Werk

Die „Tagesschau“ kündigte das „virtuelle Benefizkonzert“ am vergangenen Samstag an. Am nächsten Abend wurde die Veranstaltung vom Vortag in der ARD-Nachrichtensendung noch einmal abgefeiert. Das lag natürlich an den großen Namen der beteiligten Sänger und Musikanten. Für die Zuschauer und Hörer war die Veranstaltung mit dem inspirierenden Titel „One World – Together at Home (Eine Welt – Zusammen zu Hause)“ kostenlos. Organisator war Hugh Evans, der beruflich ansonsten „Global Citizen“ anführt, die eine, wie es im deutschen Text dazu heißt, „Aktivistenbewegung“ ist. Diese sich menschenfreundlich gebende und kulturell engagierte Bewegung wurde 2008 mit Sitz in New York gegründet. Im kontrollierenden Beirat finden sich Vertreter großer Konzerne, bedeutender Private-Equity-Fonds (in Deutschland als „Heuschrecken“ bekannt) wie Bridgewater und CVC Capital und selbstverständlich auch der „Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung“. Sie ist dank des Geldes aus dem Microsoft-Monopol laut Wikipedia die größte Privatstiftung der Welt.

Wir werden in diesen Tagen oft daran erinnert, dass der weise (und reiche) Bill Gates schon 2015 die Weltöffentlichkeit gewarnt hat, dass der größte Schrecken für die Weltgesellschaft nicht der Krieg und die Atombombe, sondern eine Attacke durch ein Virus sein könnte. Und siehe da – so ist es gekommen. Bill und Melinda und deren schwerreiche Freunde haben Regierungen, Gesundheitsbehörden, Hilfsorganisationen, UN-Unterorganisationen und NGOs mit Worten und hübschen Geldsummen animiert, ihre Gesundheitssysteme so effizient zu organisieren, wie das in den USA Praxis ist. Wichtigster Grundsatz dabei: der Kampf für Gesundheit und das Gute findet weltweit statt. Der Titel des Konzerts „Eine Welt“ und der Name der Veranstalter „Global Citizen“ oder auch „Weltbürger“ sind Programm: Die Gesundheit der Menschen ist ein zu kostbares Gut, als dass man sie den Staaten und ihren inkompetenten Regierungen überlassen darf. Plausibel wird diese Pseudowahrheit, weil die Regierungen sich, wie etwa die deutsche, in der Tat als inkompetent – oft auch als korrupt und/oder einfach mittellos – erweisen.

Die am meisten – man möchte kalauern – epidemisch verbreitete Inkompetenz unter den Regierenden bestand darin, das Virus ins eigene Land zu lassen. Nur einige ostasiatische Länder – Vietnam, Singapur, Südkorea, Taiwan beispielsweise – schlossen ihre Grenzen gegenüber Reisenden aus China oder unterwarfen sie zumindest einer Gesundheitskontrolle und anschließenden Quarantäne. China selbst hatte diese Option nicht, sperrte aber mit dem Einsatz erheblicher Mittel mit ziemlichem Erfolg das Virus in Wuhan und der Provinz Hubei ein. In Europa aber schienen die Regierenden von einer Verblendung in der Art griechischer Tragödien erfasst, dass das Virus das eigene Land verschonen würde. Der deutsche Gesundheitsminister, ein gewisser Jens Spahn, gefiel sich in Ersatzhandlungen, etwa der, ein Flugzeug für die Heimholung von Deutschen aus Wuhan zu chartern und diese öffentlich einer Quarantäne zu unterziehen.

Grenzen sperren, das gehört sich im globalen Regime einfach nicht. Diese Weisheit ist nicht nur in den EU-Verträgen (die Bewegungsfreiheit für Kapital, Waren und Personen ist unantastbar) verankert. Auch Staaten außerhalb der EU (etwa Russland, Norwegen oder die Schweiz) folgten diesen auch von Bill & Melinda propagierten Grundsätzen – bis das Virus sich im jeweiligen Heimatland verbreitet hatte. Als das Kind dann im Brunnen lag, wurde der Brunnen abgedeckt, wurden die Grenzen dann (endlich) geschlossen.

Inkompetenz und Verblendung sind sicher die falschen Wörter für dieses Verhalten. Zumal die größeren Verbrechen mit erklärtem Vorsatz schon vorher begangen wurden: Die Gesundheitssysteme wurden dem Profitinteresse zum Fraß vorgeworfen. Sie sind zur Bekämpfung der Epidemie, ja selbst zur Beschaffung zuverlässiger Daten über die Seuche, unfähig. Spahn absetzen sowie Bill (Melinda & Co) entmachten sind die erste Lehre aus der Corona-Seuche.

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Über den Autor

Lucas Zeise (Jahrgang 1944) ist Finanzjournalist und ehemaliger Chefredakteur der UZ. Er arbeitete unter anderem für das japanische Wirtschaftsministerium, die Frankfurter „Börsen-Zeitung“ und die „Financial Times Deutschland“. Da er nicht offen als Kommunist auftreten konnte, schrieb er für die UZ und die Marxistischen Blättern lange unter den Pseudonymen Margit Antesberger und Manfred Szameitat.

2008 veröffentlichte er mit „Ende der Party“ eine kompakte Beschreibung der fortwährenden Krise. Sein aktuelles Buch „Finanzkapital“ ist in der Reihe Basiswissen 2019 bei PapyRossa erschienen.

Zeise veröffentlicht in der UZ monatlich eine Kolumne mit dem Schwerpunkt Wirtschaftspolitik.

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"Weltbürger am Werk", UZ vom 24. April 2020



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