Noch ist die Zahl der chinesischen Autoren gering – aber mit staatlicher Hilfe streben sie nach globaler Dominanz

Zukunft der Science-Fiction

Heute beginnt das chinesische Frühlingsfest und damit das Jahr des Büffels. Die Interpretation, was der Büffel in der Astrologie bedeutet, überlassen wir anderen. Wir nehmen an dieser Stelle das Frühlingsfest zum Anlass, um eine kleine, aber feine Gruppe von Menschen in den Blick zu nehmen, die ohne Horoskop in der Hand zu den Sternen blicken und dabei über die Zukunft spekulieren: chinesische Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren.

Was ist das Besondere an chinesischer Science-Fiction? Erst einmal nur, dass sie von Chinesinnen und Chinesen geschrieben wird, die ihre Geschichten an ihnen vertrauten Orten stattfinden lassen. Chinesische Protagonisten, die in China leben? Damit unterscheiden sich diese Geschichten bereits von 99 Prozent der hier bekannten Science-Fiction.

Gerade bei Verfilmungen, die das Genre einem breiteren Publikum zugänglich machen, steht im Zentrum der Handlung in der Regel eine US-Metropole. Und so haben wir New York in zig Variationen untergehen sehen – von Wassermassen überflutet, zerbombt, verstrahlt, verrottet, von Grün überwuchert und die Skyline verdunkelt durch riesige Alien-Raumschiffe. Städte wie Shanghai oder Hongkong tauchen meist nur als kurz eingeblendete Beispiele für eine asiatische Metropole auf – wenn die Wahl auf Tokio fällt, geht es auch ohne chinesische Stadt – und auch nur dann, wenn verdeutlicht werden soll, dass die Apokalypse global ist.

Kommerziell erfolgreiche Science-Fiction ist heute vor allem die effektvolle Darstellung der drohenden Katastrophe, deren Auswirkungen erst dann spürbar werden, wenn sie die USA erreichen. Wo sonst sollte das Schicksal der Menschheit entschieden werden?

Dieses Weltbild hat sich in den von Hollywood verarbeiteten Skripten bisher kaum verändert. Eine zaghafte erste Abweichung gab es in der Serie „Firefly“, in der Drehbuchautor Joss Whedon Chinesisch als Lingua franca wählte, also als Verkehrssprache zwischen Menschen mit verschiedenen Muttersprachen. Damals, Anfang der 2000er, war dies eine kleine Sensation. Plot und Protagonisten des „Space-Westerns“ blieben allerdings wie gewohnt, das Casting kam überwiegend mit Bleichgesichtern aus.

Trotz des wirtschaftlichen Aufstiegs der Volksrepublik China ist das Interesse westlicher Verlage und Filmproduzenten an „neuen“ Geschichten aus chinesischer Perspektive gering bis nicht vorhanden. Selbst Firmen wie Netflix, die gerne dafür bekannt sein möchten, dass sie auch innovative Formate finanzieren, scheuten sich bisher davor. Hellhörig wurde die SF-Fangemeinde, als Netflix letztes Jahr ankündigte, die „Trisolaris“-Reihe von Liu Cixin als TV-Serie umsetzen zu wollen. Hier handelt es sich allerdings um eine Ausnahme ohne zweites Beispiel. Die Tendenz geht weiterhin zum x-ten Aufguss alter Geschichten, bei denen sich Investoren selbst bei schlechter Umsetzung sicher sein können, einen finanziellen Erfolg zu generieren. Dabei haben sie den chinesischen Markt durchaus im Blick: Seine schalen Aufgüsse versucht Hollywood durch Anheuern von in China bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern auch dort erfolgreich zu vermarkten.

Chinesische Autorinnen und Autoren müssen sich im Wesentlichen auf ihre heimische Basis stützen, wenn sie vom Schreiben leben wollen. Science-Fiction galt in den 1980er Jahren in China noch als etwas, das sich an Kinder richtet, was paradoxerweise bedeutete, dass es einen niederen Stellenwert hatte. Als Liu Cixin mit einer Delegation des Schriftstellerverbandes der Provinz Shanxi eine Auslandsreise machte, habe man ihm laut „Beijing Review“ mitgeteilt, er solle lieber nicht offen darüber sprechen, dass er Science-Fiction schreibe.
Diese Zeiten sind vorbei. Zwar ist die SF-Gemeinde in China relativ klein, doch 2015 soll die Zahl derer, die sich für das Genre interessieren, bereits bei 80 Millionen gelegen haben. Mit der Verfilmung von Lius Kurzgeschichte „Die wandernde Erde“ hat Science-Fiction auch diejenigen begeistern können, die nicht ohne Visualisierung auskommen. In China spielte der Film 2019 innerhalb der Urlaubswoche zum Frühlingsfest zwei Milliarden Renminbi (260 Millionen Euro) ein.

Das Interesse an SF-Geschichten ist in China also durchaus vorhanden, doch der Nachschub stockt. Yao Haijun, Redakteur beim Magazin „Science Fiction World“, zeichnete das Bild einer Pyramide, deren Spitze (Liu Cixin) hoch hinausrage, deren stützendes Fundament aber deutlich zu schwach sei. So könne das große Interesse an SF-Geschichten derzeit nicht genutzt werden.

Um dieses Fundament zu stärken, haben sich die „Chinesische Gesellschaft für Wissenschaft und Technik“ und das Nationale Filmbüro zusammengetan und im vergangenen Jahr einen Leitfaden veröffentlicht. Demnach ist das Thema Science-Fiction an Schulen und Universitäten zu etablieren. Vorbild ist die Beijing Normal University, an der bereits seit einigen Jahren Studien zu Science-Fiction gefördert und Schreibkurse zum Genre angeboten werden. Für Autorinnen und Autoren wird es künftig mehr Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten in Talentschmieden zu erweitern. Wettbewerbe, Auszeichnungen und Preise sollen zudem helfen, weitere Autorinnen und Autoren zu entdecken, zu fördern und ihnen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Weitere Maßnahmen sehen vor, den Bereich der VFX, also der digitalen Spezialeffekte bei Filmproduktionen, zu stärken. Banken sind angehalten, Kredite für entsprechende Projekte bereitzustellen, damit chinesische Firmen neue und eigene VFX-Technologie entwickeln. Diese sei für die filmische Umsetzung von SF-Geschichten besonders wichtig.

Der Gedanke einer staatlichen Förderung für chinesische Science-Fiction stieß unter anderem in der Hongkonger Tageszeitung „South China Morning Post“ (SCMP) auf Kritik. Schließlich basierten die bekanntesten SF-Geschichten darauf, dass es um „böse Unternehmen“ und „scheiternde Regierungen“ gehe, so die SCMP. Der Leitfaden spreche jedoch von „positiver Energie“, die von den Geschichten ausgehen solle. Interessante Skripte seien da nicht zu erwarten.

Nun sind Liu Cixin, Wang Jinkang und Han Song, die jüngeren Autorinnen und Autoren Vorbild sind und als die „Drei Generäle der chinesischen Science-Fiction“ bezeichnet werden, nicht dafür bekannt, eine rosige Zukunft frei von Widersprüchen zu zeichnen.

Han Song, im Hauptberuf Journalist bei der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, ist sogar der Ansicht, dass das Publikum außerhalb Chinas ein dialektisches Verständnis erst noch entwickeln müsse, um die Widersprüche in den düsteren Geschichten zu verstehen. Chinesische Autorinnen und Autoren versuchten oftmals, alle Seiten eines Phänomens herauszuarbeiten.

Science-Fiction solle durchaus ein Spiegel der Realität sein, sagt Han Song. Er sieht Science-Fiction als Möglichkeit, Extremsituationen zu erdenken und zu schauen, wie ein Land wie China darauf reagieren könnte. Mit dem Anspruch, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen sollten, um sie nicht zu wiederholen, unterscheidet er sich vom Großteil der im Westen verbreiteten Science-Fiction.

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Über den Autor

Lars Mörking (Jahrgang 1977) ist Politikwissenschaftler. Er arbeitete nach seinem Studium in Peking und war dort Mitarbeiter der Zeitschrift „China heute“.

Mörking arbeitet seit 2011 bei der UZ, zunächst als Redakteur für „Wirtschaft & Soziales“, anschließend als Verantwortlicher für „Internationale Politik“ und zuletzt – bis Anfang 2020 – als Chefredakteur.

 

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"Zukunft der Science-Fiction", UZ vom 12. Februar 2021



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