Die Ukraine wirbt um internationale Söldner für die Drecksarbeit im Kriegsgeschäft. Inzwischen kommen nur noch wenige

Zum Sterben angereist

Am 3. März 2022 gründete sich in der Ukraine auf direkte Anordnung des Präsidenten Wladimir Selenski die „Internationale Legion der Territorialverteidigung“ (IL). Zur gleichen Zeit wartete die „Washington Post“ mit der Eilmeldung auf, es hätten sich bereits 16.000 ausländische Freiwillige in die Rekrutierungslisten eingetragen. Wiederum vier Tage später teilte der ukrainische Brigadegeneral Kyrylo Budanow gegenüber dem US-amerikanischen Nachrichtensender „CNN“ einen Anstieg der Zahl ausländischer Söldner auf 20.000 mit.

Im Internet und auf Facebook schossen unzählige Rekrutierungswebseiten wie Pilze aus dem Boden. Darunter auch regierungsamtliche wie die „fightforua.org“ oder „uacrisis.org“. In sechs Schritten wird dort erklärt, welche Dokumente erforderlich sind, mit welchem Sold man rechnen kann und welche Ausrüstungsgegenstände möglichst mitgebracht werden sollen. Die ukrainischen Botschaften legten weltweit Rekrutierungslisten aus.

In den folgenden Monaten wurde es in der internationalen Presse – außer vereinzelten Todesnachrichten – still um das Schicksal, das die ausländischen Söldner erwartete. Bis sich am 17. August 2022 die englischsprachige ukrainische Internetplattform „Kyiv Independent“ (KI), ein Propagandaorgan, das sicher nicht im Ruf steht, besondere Sympathien für Russland zu hegen, unter der Überschrift „Selbstmordmissionen, Missbrauch, körperliche Bedrohungen: Kämpfer der Internationalen Legion sprechen sich gegen das Fehlverhalten der Führung aus“ mit dem Alltag der Söldner in der IL beschäftigte. Unter Bezug auf einen offiziell geheimgehaltenen Bericht über die Zustände in der Einheit berichtete KI über Kommandeure, deren Tagesgeschäft der organisierte Waffenhandel und die Plünderung von zivilen Warenhäusern war, wie auch über grassierende sexuelle Belästigungen, Körperverletzungen und von der Führung befohlene Selbstmordmissionen.

Mit Vorliebe wurden ausländische Söldner zu Minenräumunternehmungen eingesetzt. Beschwerden der Soldaten würden von den ukrainischen Behörden ignoriert. Ein Jahr nach Kriegsbeginn haben tausende Söldner wegen der Gräuel in der Legion der Ukraine wieder den Rücken gekehrt. Der US-Veteran des Irakkriegs Carl Larson, seit März 2022 bei der IL und einer ihrer Kommandeure, schätzt in einem Interview mit der US-Nachrichtenplattform „Vice“ die Zahl der verbliebenen Söldner auf höchstens 3.000. Mehrheitlich stammen die Söldner aus den USA, Großbritannien, Georgien und Polen. Die Zahl der Deutschen in der Legion sei gering zweistellig. Der weitaus größte Anteil der Söldner in der Ukraine übte zuvor einen militärischen Beruf aus.

Zuletzt erneuerte Selenski im März dieses Jahres seinen Aufruf an die Adresse der westeuropäischen Söldner: „Wenn Sie Kampferfahrung in Europa haben, können Sie zu uns kommen und mit uns Europa verteidigen.“ Die Einladung blieb ohne zahlenmäßig spürbare Resonanz. Von deutschen Politikern ist ab und an zu hören, wer als Deutscher in der Ukraine kämpfe, mache sich strafbar. Das ist wohlweislich falsch: Nach Paragraf 109h Strafgesetzbuch (StGB) steht nur das Anwerben eines Deutschen zum Militärdienst und das Zuführen zu einer fremden Streitkraft unter Strafe – und von einem Strafverfahren gegen die ukrainische Botschaft oder Selenski hat man bisher nichts gehört. Auch die Seite „fightforua.org“ ist inzwischen abgeschaltet. Auf dem Schlachtfeld als Kanonenfutter verbluten zu müssen ist augenscheinlich keine sonderlich attraktive Option.

Über den Autor

Ralf Hohmann (Jahrgang 1959) ist Rechtswissenschaftler.

Nach seinen Promotionen im Bereich Jura und in Philosophie arbeitete er im Bereich der Strafverteidigung, Anwaltsfortbildung und nahm Lehraufträge an Universitäten wahr.

Er schreibt seit Mai 2019 regelmäßig für die UZ.

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"Zum Sterben angereist", UZ vom 14. Juli 2023



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