Über das selbstgemachte Schneechaos

Auf die Schippe genommen

Am Sonntag vorletzter Woche war es soweit: In Essen schneite es und die weiße Pracht war nicht wie üblich am nächsten Tag wieder verschwunden, sondern blieb für mehrere Tage liegen. Wortwörtlich. Nicht die Menge an Schnee verursachte das in den Medien rauf und runter beklagte Chaos, sondern die Tatsache, dass der Schnee tatsächlich einfach überall liegen gelassen wurde. Selbst große Verbindungsstraßen wurden nicht geräumt.

Um dem Chaos Herr zu werden riefen die Obrigen ihre Untertanen auf, selbst den Schnee wegzuräumen. Die Bevölkerung folgte dem Flehen und kratzte mit allerlei geeignetem und ungeeignetem Werkzeug den Schnee von den Bordsteinen. Dass Schneeschippen nur die halbe Miete ist, wenn man ohne Knochenbrüche von A nach B gelangen möchte, war dabei vielen wohl nicht bewusst. So konnte man über fein polierte Eisplatten schlittern, die noch nie ein Körnchen Streusand gesehen hatten. Die Versicherungen wird es freuen.

Und warum nun das ganze unnötige Chaos? Die Stadt Essen wie auch viele andere Kommunen in eher schneearmen Regionen Deutschlands haben ihre Räumfahrzeugflotten in den letzten Jahren massiv verkleinert oder ganz abgeschafft. In schneearmen Jahren kein Problem, aber wie man jetzt sehen konnte, reichen ein Tag Schnee und tiefe Temperaturen an den Folgetagen aus, um eine ganze Region wie das Ruhrgebiet komplett lahmzulegen. Ohne geeignetes Gerät fährt kein Zug, wird die Autofahrt zum Himmelfahrtskommando und Fußgänger sollten Michael Jacksons „Moonwalk“ beherrschen, um heil zu bleiben.

Das Ganze passiert nicht zufällig. Die öffentliche Daseinsvorsorge wird seit Jahren verhökert. Was man nicht losbekommt, wird eingespart. Kommunen füllen so ihre leeren Kassen, damit der Laden weiterläuft. Ein Bombengeschäft für das anlagesuchende Kapital. Verhängnisvoll für die Menschen, die in den Kommunen leben müssen. Denn der Ausverkauf bringt den Kommunen nur kurzfristig etwas, auf Dauer gesehen verschlimmert er die Lage nur noch. Städte können nicht wie ein Unternehmen Pleite gehen und abgeschrieben werden. Die Menschen und ihre Städte bleiben, wie beschissen es auch sein mag. Da ist es so ekelhaft wie nachvollziehbar, dass bürgerliche Medien die schippenden Bürger feiern und über die Ursachen schweigen.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Auf die Schippe genommen", UZ vom 19. Februar 2021



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