Zehntausende demonstrieren gegen Wehrpflicht. Bundeskanzler redet von Freiheit

Bis einer heult

Nach Monaten des öffentlichen Scheiterns sahen die PR-Berater der Bundesregierung den Zeitpunkt gekommen, Friedrich Merz (CDU) als besorgten Vater, Großvater und Gönner mit menschlichen Eigenschaften zu präsentieren. Also wurde der Kanzler losgeschickt, um persönlich den Deutschen Schulpreis zu verleihen. Der Aufgabe beinahe gewachsen, lobte Merz „das Wertvollste, was wir haben“ (Kinder), die „wichtigste Berufsgruppe unseres Landes“ (Lehrer) und „das Wertvollste, was wir in unserer Demokratie haben“ (Freiheit). Dann brach kurz der alte Merz durch, als er seine Hoffnung ausdrückte, „dass ihr vielleicht eines Tages, rückblickend auf diesen heutigen Tag sagen könnt“, der Bundeskanzler habe damals etwas Wichtiges gesagt, „was ich vielleicht noch so ganz richtig nicht verstanden habe“. Den kleinen Seitenhieb nahmen die handverlesenen Schüler im Publikum mit freundlichem Applaus hin, was den Bundeskanzler offenbar so rührte, dass er bei der anschließenden Preisübergabe in Tränen ausbrach.

Wie gut die meisten Schülerinnen und Schüler sehr wohl verstehen, was Merz von ihnen will, hatte sich am vergangenen Freitag gezeigt. Zehntausende junge Menschen waren im Kampf gegen die Wehrpflicht durch mehr als 100 Städte gezogen und hatten den Kanzler dazu aufgefordert, seine Zunge an im Dutzend erhältlichen Hühnererzeugnissen zu reiben. Wieder kam es zu Repressionen. In Berlin wurde ein junger Streikender festgenommen, weil er vom Lautsprecherwagen aus darauf hingewiesen haben soll, dass die Parole „Krieg, Krise, Inflation – Friedrich Merz, du Hundesohn!“ von der Polizei verboten wurde. Als er den Warnhinweis samt Parole dann noch einmal wiederholte, wurde er laut Augenzeugen verhaftet.

Aber nicht nur die Polizei ging auf die Schülerinnen und Schüler los. Auch Teile der „wichtigsten Berufsgruppe“ beteiligten sich an der Unterdrückung der Proteste. Aus Bonn, Essen und weiteren Städten wurde berichtet, dass die streikwilligen Schüler in den Schulgebäuden eingesperrt worden waren.

Umso bedeutender ist die Feststellung, dass es sich dabei keineswegs um die Mehrheit der Lehrerschaft handelt. Mehrere Landesverbände der Bildungsgewerkschaft GEW hatten sich mit den Streiks solidarisiert. Die GEW in Thüringen stellte klar, dass sie „sich ausdrücklich als antimilitaristisch“ verstehe und gegen „eine Militarisierung von Bildung, Wissenschaft und Gesellschaft“ wende. Auch die GEW Bremen erklärte sich solidarisch und forderte, dem Anliegen der Schüler „Raum in der demokratischen Debatte zu geben“. Unterstützung gab es auch aus Landesverbänden Hessen und Bayern.

Inzwischen haben die verpflichtenden Musterungen begonnen. Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, forderte kürzlich auf Instagram eine schnellere Kriegstüchtigkeit: „Aufsitzen, weiter vorwärts marschieren, Geschwindigkeit erhöhen, Feuer frei!“. Damit rückt die Zeit näher, in der sich auch die bislang passiv gebliebenen Lehrerinnen und Lehrer entscheiden müssen, wie sie mit dem Griff des Militärs nach der Jugend umgehen wollen. Dabei dürfte die Entscheidung nicht schwer fallen. Schließlich gilt es nur einen weinenden Merz gegen potentiell hunderttausende weinende Eltern, Großeltern und Geschwister abzuwägen.

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"Bis einer heult", UZ vom 2. Oktober 2026



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