Olympische Winterspiele in Peking lösen Schüttelanfälle im Westen aus

Boykott-Springprozession

Es gilt – außer bei sogenannten Identitätsaktivisten, die sich für links halten – zu Recht als unfein, das heißt völlig daneben, Äußerungen eines Menschen auf sein Geschlecht, sein Alter, seinen Hormonstatus oder – falls er nicht sich selbst fröhlich die Kante gab – auf Benebelung zurückzuführen. Höflichkeit und Humor konzentrieren sich nicht erst seit Knigge auf Inhalt. Beim Sprecher des US-Außenministeriums, Edward „Ned“ Price (geboren 1982), scheint es allerdings angebracht zu fragen, von was oder wem er am 6. April gesteuert wurde. Price teilte nämlich mit, wegen der „ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzungen Pekings, einschließlich des Genozids im Fall von Xinjiang“ dächten die USA über ein Fernbleiben von den Olympischen Winterspielen in China ab 4. Februar 2022 nach. Taucht in Washington das Stichwort „Völkermord“ auf, fallen in kleineren Staaten bald US-Bomben. Boykott ist die zivilisierte Variante.

Kaum aber hatte Price den „Genozid“ seinem Außenminister nachgeplappert, ging es zu wie bei einer Springprozession. Deren Fortbewegungsart – zumeist zwei Schritte vor, einen zurück – sublimiert mittelalterliche Dankbarkeit für Befreiung von Seuchen. Was einst ein Virus bewirkte, löst heute die Erwähnung der Länder China und Russland im Westen aus: Anhaltende Schüttelanfälle mit Opfern wie Mr. Price. Immerhin erhielt er eine Sofortimpfung: Jen Psaki, Pressesprecherin von US-Präsident Joe Biden, dementierte am 7. April, man werde nicht über „irgendeinen Boykott mit Verbündeten und Partnern diskutieren“.

Seitdem hätte Ruhe herrschen können, wären da nicht deutsche Fachleute wie zum Beispiel der emeritierte Professor für Philosophie und Soziologie des Sports der Freien Universität Berlin, Gunter Gebauer. Er wurde am 7. April in „Deutschlandfunk Kultur“ nach einem Boykott befragt und diagnostizierte, es sei in jedem Einzelfall eine schwierige Abwägung, ob Menschenrechtsverletzungen vorlägen, „die so gravierend sind, dass die Spiele, die ja auch Aufmerksamkeit auf die Menschenrechte lenken sollen, nicht stattfinden können“. Dass sich diese Frage im Hinblick auf die Spiele in Peking stellen würde, „hätte man bei der Vergabe schon sehen können“. Bereits vor den Sommerspielen 2008 in Peking habe es am Rande des Fackellaufs durch die USA heftige Zusammenstöße von tibetischen Aktivisten mit chinesischen Sicherheitskräften gegeben, die den Fackellauf begleiteten. „Da wusste man schon: Mit den Menschenrechten ist es in China nicht so weit her“, schloss Gebauer messerscharf.

Entschlossener zeigte sich der Mitherausgeber des Herrengeistorgans „Merkur“, Christian Demand, im Gespräch mit demselben Sender. Er setzte Olympische Spiele in China heute mit denen von 1936 in Nazideutschland gleich: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass heute noch allzu viele Leute davon überzeugt werden könnten, dass ein Boykott der Olympischen Spiele 1936 dem Sport Unrecht getan hätte. Wer damals den Speer am weitesten geworfen hat, ist heute völlig vergessen, und zwar zu Recht. Und so würde es auch bei Olympischen Spielen in China sein.“ Im Klartext: China-Boykott ist Antifaschismus.

So könnte die deutsche Front stehen, aber es gibt besorgniserregende Risse. Beispiel „FAZ“: Am 7. April freute sich dort Politikredakteur Peter Sturm, ein Boykott könne „Pekings Propagandashow 2022 verderben“. Am Sonnabend aber nannte Sportredakteurin Evi Simeoni das „eine absurde Idee“ und kommentierte unter der Überschrift „Dumme Pläne aus Amerika“, ob denen in den USA nicht mal was anderes einfalle als vor 41 Jahren. Die Enttäuschten der boykottierten Spiele von 1980 und 1984 trügen „das Trauma noch mit sich herum“. In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ schließlich legte Korrespondent Jürgen Kalwa nach und nannte das Gedöns ein „Spiel mit dem Feuer“.

Prognose: Die Boykott-Springprozession geht weiter, westliche Veitstänze inbegriffen.

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"Boykott-Springprozession", UZ vom 16. April 2021



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