Der künftige Linkspräsident und das reaktionäre Erbe. Kolumne

Chile tanzt

„Chile tanzt“ nannte ich 1970 den Song, in den ich meine Freude über den Sieg der Volksfront legte: „Allende zog ein in die Arbeiterstuben, Allende hat sich in Bauernhütten verschanzt.“ Derweil gingen die Lieder von Victor Jara, Quilapayún und Inti Illimani als Botschaften der Hoffnung um die Welt. Als sie zu den X. Weltfestspielen in Berlin erklangen, ahnten wir nicht, dass der Triumph schnell in tiefe Trauer stürzen würde. „Die Herren Generale haben uns verraten“ – die spanische Erfahrung aus der Franco-Diktatur ist leider auch ein altes Lamento in Lateinamerika, wo dem Volkswillen zugeneigte Regierungen unter Kommunismusverdacht weggeputscht wurden. Árbenz in Guatemala, Goulart in Brasilien, Juan Bosch in der Dominikanischen Republik … Dann Chile. Pinochets Junta vollstreckte, was im CIA-Plan „Centaur“ angelegt war: Ausrottung des volksnahen demokratischen Bazillus im „Vorhof“ der nördlichen Herrenmacht. Und natürlich Sicherung der wirtschaftlichen Pfründe. Fast die Hälfte des Aktienkapitals der 30 größten Industrieunternehmen Chiles befand sich in ausländischem Besitz und der Bergbau mit seinen Weltkupferreserven wurde von US-Konzernen beherrscht. Präsident Allende konnte, als der Moneda-Palast schon brannte, noch die Vision von den breiten Alleen in den Äther rufen, auf denen das befreite Volk einst in eine bessere Zukunft gehen wird. Dann verstummte der Sender. Die Mörder jagten die Anhänger der Unidad Popular. Die anständige Welt schrie auf und übte Solidarität.

Nun, fast ein halbes Jahrhundert später, wurde Allendes Porträt mitgetragen, als Hunderttausende auf den Alleen den Sieg ihres künftigen Präsidenten Gabriel Boric feierten. Nach der ruinösen Amtszeit von Sebastián Piñera hatte sich das Volk bei der Präsidentenwahl zwischen dem ultrarechten Pinochet-Anbeter José Antonio Kast und dem Linksbündnis des 35-jährigen ehemaligen Studentenführers Boric zu entscheiden. Fast 56 Prozent der Wählerstimmen gingen an den jungen Hoffnungsträger. Aber der wird es schwer haben. Die nötigen Reformen in der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik, Gerechtigkeit für die indigenen Ethnien, der unerlässliche Schulterschluss mit den sich aus der Yankee-Umklammerung lösenden Völkern Lateinamerikas werden auf harten Widerstand der inneren und äußeren Reaktion stoßen. Für die USA und ihren südlichen Satrapenstadel steht viel auf dem Spiel. Kuba geht unbeirrt seinen Weg. Venezuela und Nicaragua ergeben sich nicht. In Bolivien hat die Bewegung „Movimiento al Socialismo“ die Macht zurückerlangt. Linke siegten bei Präsidentschaftswahlen in Peru und Honduras. Ginge Brasilien schon heute an die Wahlurnen, erhielte der linke Ex-Präsident Lula 56 Prozent der Stimmen. Boric‘ Wahlsieg könnte Signalwirkung haben. Schon weiß der „Spiegel“, dass die junge chilenische Protestgeneration den „Alt-Linken“ nicht geheuer sei und weissagt vorlaut einen Spaltpilz. „El País“ schreibt zwar, Boric bringe „frischen Wind nach Chile und Lateinamerika“, aber man liest die bourgeoise Hoffnung mit, sein Vorsatz, den Neoliberalismus zu beerdigen, werde im Zwang der Realismen kapitalfreundlich abgeschwächt. Ob sich Washington mit derselben Hoffnung begnügt, ist zweifelhaft. Eher steht zu befürchten, dass die Regime-Change-Pläne schon entworfen werden – mit dem Kalkül, die von Kast demagogisch gesetzte Parole „Ordnung und Fortschritt“ entfalte bei äußerer Hilfe genügend reaktionäre Explosivität. Das Lied „Chile tanzt“ endet mit der Zeile „Neben Gewehren atmet das Volk und tanzt“. Volkes Nähe zu Volkes Gewehren – die Geschichte hat meinen damaligen Irrtum blutig korrigiert. Wer diese Lehre begriffen hat, feiert mit neuer Hoffnung, aber nicht sorglos.

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"Chile tanzt", UZ vom 14. Januar 2022



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