Zu weit gesprungen

Von Heide Janicki, Braunschweig
|    Ausgabe vom 3. August 2018

Zwei Punkte möchte ich anmerken:
1. Manfred Sohn schreibt: „Am Anfang des Kapitalismus steht die Verwandlung der elementaren Bedürfnisse in die Warenform“. Dazu zählt er unsere Bedürfnisse auf (Essen, Trinken, Kleidung, Wohnen usw.) und stellt dies an den Anfang des Kapitalismus im 18. und 19. Jahrhundert.
Der Anfang des Kapitalismus ist m. E. in der Umwandlung des Geldes vom Tauschwert in den Warenwert zu sehen, was die Gründung von Banken zur Folge hatte. Dieses „Verdienst“ kommt dem Augsburger Jakob Fugger zu, der damit im 15./16. Jahrhundert den europäischen Geld- und Warenverkehr revolutionierte. Die Ware Geld (z. B. Leih- und Zinsgeschäfte) wurde zur Triebkraft der Entwicklung in den folgenden Jahrhunderten. Das geschah nicht von ungefähr in einer Zeit, in der Kolumbus die Augen und Hirne der Menschen für die Welt außerhalb ihrer Vorstellungskraft öffnete, Gutenberg das vorhandene Wissen aus den Klöstern holte und für die Menschen lesbar machte; was Martin Luther in den Stand setzte, kirchliche Mysterien zu entzaubern, indem er die Bibel aus dem Lateinischen übersetzte. Bis zur Profitmaximierung im Manchester-Kapitalismus und der vollen Entfaltung der industriellen Entwicklung vergingen weitere 200 Jahre.
2. Der Ansatz zur Abschaffung des Geldes ist mir zu weit gesprungen, weil es für uns heute und auch morgen noch keine Option ist. Es wird zwar diskutiert, Geld durch Scheckkarten und/oder mobile Medien zu ersetzen. Ersetzt wird aber nur eine Ware durch eine andere Ware, die Triebkräfte bleiben die gleichen. Es handelt sich also lediglich um einen neuen Schritt auf einem alten Weg: die Ersetzung durch digitale mobile Medien. Das kann aber auch angesichts der Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern heute keine Lösung im Sinne internationaler Solidarität sein.
Bis die Ware Geld zur Deckung unserer menschlichen Bedürfnisse überflüssig wird, müssen wir uns also zunächst darüber den Kopf zerbrechen, welche Schritte wir gehen müssen, um die vorherrschenden Bedingungen zu überwinden. Karl Marx zufolge ist die Lösung in den Problemen selbst schon angelegt. Sie zu erkennen und für sie zu kämpfen, wird uns niemand abnehmen!


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