Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 10. August 2018

Schirmherrschaft
Das Grimm‘sche Wörterbuch kennt den mittelalterlichen Begriff „Schirmherr“, „der den schutz über eine Stadt, Land und dergleichen oder über gewisse Personen ausübt“, also eine Art Vormund, „der einem in gfaren beystadt und in schirmpt, patronus, schirmherr unnd erhalter der freyheit, libertatis praeses“. Und die Schirmherrschaft „für die Schutzherrschaft über eine Stadt, Kloster u. dergl.“
Diese ehrenvolle Aufgabe ist in unserer Zeit zur Beliebigkeit geworden, irgendein Promi wird gebeten, für irgendeine Organisation oder Initiative sich zur Verfügung zu stellen. Beide wollen sich damit gegenseitig schmücken bei Events, Benefiz oder Charity, es gibt salbungsvolle Grußworte, und das Konterfei des Promi wird für Flyer und ähnliches verwendet. Mit „Schutz“ hat dies heute nichts mehr tun und wenn ein Horst Seehofer beleidigt ist, dann gibt er das Ehrenamt zurück, anstelle sich der Kritik an seiner Politik zu stellen. Wer glaubt, dass ein Schirmherr seinen Schutzschirm über die Seinen hält, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.

Der amerikanische Traum
Die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende, Nichte des 1973 ermordeten Präsidenten Salvador Allende, wünscht sich mehr Verständnis für Flüchtlinge aus Lateinamerika. „All jene Menschen, die versuchen, die Grenze zu den USA auf gefährlichem Weg durch die Wüste zu überqueren, die kommen heute doch gar nicht mehr wegen des amerikanischen Traums. Niemand glaubt mehr an den amerikanischen Traum“, und weiter „Die Menschen flüchten, weil sie in ihren Heimatländern um ihr Leben fürchten.“ Niemand verlasse einfach so seine Heimat, seine Sprache, seine Familie, betonte Isabel Allende, die selbst 1975 vor dem Pinochet-Regime aus Chile nach Venezuela flüchtete. Viele Menschen, die heute aus Lateinamerika in die USA kämen, wüssten, „dass man ihnen dort eher feindselig gegenübersteht. Niemand nimmt so etwas in Kauf, wenn er nicht wirklich verzweifelt ist.“ Dies kann ohne Abstriche von der Situation der Flüchtlinge gesagt werden, die nach EU-Europa fliehen und – wenn sie die Flucht überhaupt schaffen – die Ablehnung, ja Feindseligkeit kennen. Wenn sie dennoch fliehen, kann sich jeder vorstellen, welche katastrophalen Verhältnisse in ihren Heimatländern herrschen.

Noch ein Projekt
Unsere Lieblingsministerin, Monika Grütters (Kulturstaatsministerin im Bundeskanzleramt), hat das nächste „Projekt“ angeschoben. Junge Menschen sollten sich „stärker mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen und dem erschreckenderweise wieder wachsenden Antisemitismus entgegentreten“. Das sind die Gründe, die sie vorbringt zur Gründung der Initiative „Jugend erinnert“. Vom kommenden Jahr an sind in ihrem Haushalt dafür zunächst zwei Millionen Euro vorgesehen. In Zusammenarbeit mit Historikern und Bildungsexperten würden derzeit praxisnahe Programme entwickelt werden, so die CDU-Politikerin. „In Ergänzung zu den üblichen Schulklassenfahrten wollen wir in Zusammenarbeit mit den Gedenkstätten für junge Menschen jeder Herkunft qualifizierte Angebote eröffnen, die eine persönliche Auseinandersetzung mit Diktatur und Gewalt ermöglichen“, sagte sie. Zudem soll die pädagogische Arbeit der vom Bund geförderten Gedenkstätten durch 22 neue Stellen gestärkt werden. Wenn diese Stellen halbwegs ordentlich bezahlt werden, bleibt von den zwei Millionen nicht viel übrig. Ihre Behauptung eines wachsenden Antisemitismus kann sie nur begründen, wenn sie auch die berechtigte Kritik an der israelischen Siedlungspolitik und der rassistischen Apartheid der Regierung Israels zu Antisemitismus erklärt. Zu den bevorzugten „Gedenkstätten“ zählen für die Ministerin besonders die „Einrichtungen zur Aufarbeitung des SED-Unrechts“, also alles, was Hubertus Knabe und Kollegen so anrichten.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 10. August 2018





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