Tanzen mit Angela

Eine Ikone der Solidarität: Angela Davis zum 75.
|    Ausgabe vom 25. Januar 2019

Eine Frau als Symbol: Vom FBI wegen „Mord“ und „Entführung“ gesucht, von Revolutionären weltweit verteidigt.

Eine Frau als Symbol: Vom FBI wegen „Mord“ und „Entführung“ gesucht, von Revolutionären weltweit verteidigt.

( Thierry Ehrmann / Lizenz: CC BY 2.0)

Eine gefährliche Terroristin“ – so nannte sie US-Präsident Richard Nixon, als das FBI sie verhaftet hatte und eine rassistische Justiz sie auf den elektrischen Stuhl bringen wollte. Heute greifen Reaktionäre Angela Davis an, weil sie die Solidarität mit den Palästinensern gegen israelischen Staatsrassismus und Besatzung unterstützt: Am 7. Januar verkündete das „Institut für Bürgerrechte“ in ihrer Heimatstadt Birmingham, Alabama, ihr nicht wie geplant einen Menschenrechtspreis zu verleihen.
Für uns war und ist sie ein Symbol der Solidarität: Weil sie für die Rechte der Schwarzen kämpfte, weil ihr Freispruch ein Erfolg der internationalen Bewegung war, weil sie bis heute als Wissenschaftlerin, Aktivistin und Kommunistin für eine andere Gesellschaft kämpft. Zwei UZ-Autorinnen aus BRD und DDR erinnern sich an die Solidaritätsbewegung mit Angela Davis von 1970 bis 1972. Am 26. Januar wird sie 75 Jahre alt.


Eine Million Schlüssel

Durch Gefängnismauern: Solidarität aus der DDR
Am 6. November 1970 veröffentlichte die „Ostsee-Zeitung“ ein Solidaritätsschreiben von Schülerinnen und Schülern der Erweiterten Oberschule (EOS) in Greifswald. Sie forderten „Freiheit für Angela Davis“ und riefen die Jugend der Ostseeregion dazu auf, „Blumengrüße der Solidarität“ in die USA zu schicken. Wenige Tage zuvor hatte das „Neue Deutschland“ zum ersten Mal über die Festnahme der afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivistin und Kommunistin Angela Davis, geboren 1944 in Birmingham (Alabama), durch die Bundespolizei FBI in New York berichtet. Im August 1970 war Davis wegen ihrer angeblichen Mittäterschaft bei einer missglückten Geiselnahme in einem kalifornischen Gerichtsgebäude auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA gesetzt worden. Der ND-Korrespondent Klaus Steiniger berichtete in der Folgezeit ausführlich aus den USA über den Prozess und seine Hintergründe. Mit Sorge lasen wir damals seine Berichte und später die von Horst Schäfer (für ADN) sowie Walter Kaufmann („Junge Welt“), denn Angela Davis drohte sogar die Todesstrafe.
Die Aktion der Schülerinnen und Schüler aus Greifswald war wohl der Auftakt für eine breite Solidaritätsbewegung in der DDR, die bis zu ihrem Freispruch andauerte. Unter dem Motto „Eine Million Rosen für Angela Davis“ organisierte die FDJ vom 16. bis 26. Januar 1971 eine breit angelegte Kampagne. Vorbereitete Postkarten, die mit roten Rosen verziert waren, sollten Davis in ihre Gefängniszelle geschickt werden. Die „Junge Welt“ druckte Vorlagen dieser Postkarten ganzseitig ab. Ergänzt wurden die Postkartenvorlagen durch Artikel. „Eine Million Rosen für Angela“ sollten „die Gefängnismauern durchdringen“ und Davis zeigen, dass „gute Freunde, Gleichgesinnte“ an ihrer Seite stehen, die für ihre „Freiheit eintreten“. Vor allem Schulkinder schickten der jungen Kommunistin Postkarten mit teilweise selbstgemalten Rosen ins Gefängnis.
Am 26. Januar 1971, an Angela Davis‘ 27. Geburtstag, fand in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz eine Solidaritätskundgebung des Zentralrats der FDJ, des Vorstandes des DFD und des Friedensrates statt. Der Chemiker Prof. Dr. Erich Correns, Präsident der Nationalen Front, bezeichnete Angela Davis in seiner Rede „als eine große Persönlichkeit des anderen, des guten Amerika, als unsere Schwester, als unsere Genossin“. „Weil ihre Haut schwarz und ihr Herz rot ist“, so Correns, „soll sie den Henkern ausgeliefert werden.“
Heute wird behauptet, die SED-Führung habe damals die Solidaritätskampagne instrumentalisiert, um das eigene Ansehen und das der DDR in der Welt zu stärken, die Solidarität sei „öffentlich inszeniert“ worden. Aber wer das damals erlebt hat, weiß, dass diese Solidarität nicht nur den Kindern und Jugendlichen Herzenssache war, die sich an der Aktion „Eine Million Rosen für Angela Davis“ beteiligten.
Nach zwei Jahren wurde Davis am 4. Juni 1972 in allen Punkten der Anklage freigesprochen. Im Juli 1972 kam sie zum ersten Mal in die DDR, wo sie jubelnd empfangen wurde.
Später erklärte sie: Eine Million Rosen wurden „zu Schlüsseln, die meine Zellentür öffneten“.

Nina Hager


Uns selbst Mut gemacht

Zwischen Vietnam-Protest und Berufsverbot: Solidarität in der BRD
Vor 50 Jahren,1969, wurde die 26-jährige Angela Davis von der University of California, Los Angeles als Philosophie-Dozentin engagiert, die brillante Lieblingsdoktorandin des linken Professors Herbert Marcuse. Im selben Jahr fing ich in Heidelberg an zu studieren – ich erinnere mich an meine Seminararbeit über Gewaltenteilung in den USA. Ronald Reagan, damals noch Gouverneur, hatte öffentlich geschworen, dass die charismatische Kommunistin in seinem Bundesstaat nie wieder unterrichten würde. Bald darauf wurde sie endgültig gefeuert und als Terroristin vom FBI gejagt.
Die SDAJ reagierte schnell mit einer Solidaritätskampagne; Plakate zeigten die grazile Genossin mit der charakteristischen Afro-Frisur – Kennzeichen der Black-Power-Bewegung –, ihre Hände in Handschellen. Für die Schwarzen sei sie „ein Symbol gegen Ausbeutung und Unterdrückung“, hieß es im Flugblatt der SDAJ Gunzenhausen, aber „in den Augen der Justiz bedeutet sie die größte Gefahr für die Sicherheit der herrschenden Clique“. Sie war nur eine von vielen politischen Gefangenen im „Land of the Free“, darunter in der Mehrzahl Schwarze, darunter diejenigen, die nicht vor der Armee ins Ausland fliehen konnten, die sie in den Vietnam-Krieg schicken wollte.
Gegen diesen Krieg protestierten wir auch in Heidelberg. Die Rote-Punkt-Kampagne gegen Fahrpreiserhöhungen lief, in der Stadt wimmelte es von Polizisten: Der SDS war verboten worden. All das war mehr als aufregend für eine durch die Diskussion um die Notstandsgesetze anpolitisierte Studienanfängerin aus der Provinz.
Nun drohte der jungen Afroamerikanerin die Todesstrafe. Der US-Autor James Baldwin reiste durch Europa und warnte vor dem drohenden Justizmord, die legendäre Sängerin Aretha Franklin sprang mit einer Riesensumme ein, um für Angela Kaution zu stellen. John Lennon und Yoko Ono mit „Angela“ und die Rolling Stones mit „Sweet Black Angel“ beteiligten sich mit Liedern an der Solidarität. In der BRD setzten sich über 20 000 Wissenschaftler, Studenten, Journalisten und Politiker für Angela ein. Zweimal titelte der „Spiegel“ mit einem Porträt der „Schwarzen Jeanne d‘Arc – sie wurde zum Idol, zur „Symbolfigur, eine radikale und eine schöne noch dazu“, schrieb der „Spiegel“. Wir sangen den Song von Franz-Josef Degenhardt: „Angela – wird siegen und ihre Partei“.
Damit machten wir uns auch selbst Mut: In der BRD bekamen Kommunisten Berufsverbot, mich selbst erwischte es 1976, als die CDU-Regierung in Baden-Württemberg mir ein Ausbildungsverbot erteilte.
Angela Davis‘ Freispruch war ein Triumph für uns alle. Sie kam nach Frankfurt am Main, nach Berlin (DDR) sowieso, zum Festival der Jugend in Dortmund. Noch heute schwärmt mein Lieblingsgenosse davon, wie er dort mit ihr tanzen durfte. Vor Hingerissenheit kam er nicht dazu, sie nach den Solidaritäts-Postkarten zu fragen, die er und viele andere SDAJler ihr ins Gefängnis geschickt hatten.

Eva Petermann
(mit Unterstützung von Randolph Oechslein)


Flugblatt der SDAJ

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FBI-Steckbrief von 1970

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Leserbrief zu Artikel »Tanzen mit Angela«, UZ vom 25. Januar 2019





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