Fäden spinnen, mutig sein

Wo der Kommunismus und der Kampf dafür gleichzeitig beginnen: Das war das Festival der Jugend
Von Olaf Matthes
|    Ausgabe vom 14. Juni 2019
 (Foto: Martina Lennartz)
(Foto: Martina Lennartz)

Beim Subbotnik nimmt man ein Stück Kommunismus vorweg“, ruft der DKP-Vorsitzende Patrik Köbele ins Mikro, „damit hatte Lenin ja Recht“. Auf dem Platz vor ihm sitzen und stehen diejenigen, die er meint: Die Besucherinnen und Besucher des Festivals der Jugend, die am vergangenen Wochenende am Kölner Rheinufer diskutierten, feierten und dabei durch ihre gemeinsame Arbeit ein revolutionäres, solidarisches und bezahlbares Festival möglich machten. Die meisten Besucher haben an diesem Festival auch mitgearbeitet, gegrillt und gekocht, für Sicherheit gesorgt oder Cocktails gemixt – ob SDAJ-Mitglied oder nicht spielt dabei keine Rolle.
„Vorhin habe ich eine Mutter zu ihrem Kind sagen hören: ‚Hier sind immer alle so freundlich zueinander“, erzählt Lena Kreymann, Vorsitzende der SDAJ. „Das zeigt ja etwas: Auf dem Platz helfen sich die Leute, ob es um das Festival geht oder um persönliche Probleme.“ Diese Art der Solidarität, die in die Zukunft weist und von der Köbele und Kreymann sprechen, hat Lenin beschrieben als „die Disziplin bewusster und vereint arbeitender Menschen, die über sich keine Gewalt kennen und keine Macht außer der Macht ihrer eigenen Vereinigung“ – mit dieser neuen Disziplin beginne der Kommunismus.
„Klar ist das anstrengend“, sagt Lara Turek, die die Organisation des Festivals geleitet hat, und man sieht ihr an, was sie meint. Sie hat seit Monaten ehrenamtlich, also nach Feierabend, mit Helferinnen, mit Mitveranstaltern und mit Referentinnen abgestimmt, wie das Festival vorbereitet wird. Am Sonntagabend sagt sie: „Aber dann läuft man hier über den Platz und denkt: Geil! Guck‘ mal, was wir hier auf die Beine gestellt haben.“
Rund 2 000 Gäste kamen zum Festival, viele davon für einen Tag, ein großer Teil als Dauergäste, die von Freitag bis Montag blieben und in Zelten übernachteten. Das Festival war damit etwas kleiner als vor zwei Jahren – aber seitdem hat die SDAJ eine innere Auseinandersetzung und die Abspaltung einer ultralinken Fraktion überstehen müssen. Turek wertet deshalb auch die Teilnehmerzahl als Erfolg.
„Der Kampf für den Kommunismus sieht ja manchmal aussichtslos aus“, sagt einer, der als Vertreter der Jugend der Neuen Kommunistischen Partei der Niederlande angereist ist. „Aber so ein Festival gibt Hoffnung, hier kann man etwas lernen, das inspiriert, um zu Hause mit neuen Ideen weiterzumachen“ – da gehe es den internationalen Gästen nicht anders als allen anderen Teilnehmern. Aus zehn Ländern hatten die Schwesterorganisationen der SDAJ Vertreter geschickt, um sich auf dem Festival auszutauschen und ihre Erfahrungen weiterzugeben.
„Beim Festival laufen Fäden zusammen“, sagt Lena Kreymann. Diese Fäden verbinden die SDAJ-Gruppen mit anderen Organisationen: Das Festival wird neben der DKP auch von der Naturfreunde-Jugend NRW mitveranstaltet. Über 50 Organisationen und Medienpartner haben das Festival unterstützt – darunter sechs lokale Gruppen der Linksjugend-Solid und des SDS, außerdem neun lokale oder regionale Gliederungen verschiedener Gewerkschaftsjugenden und mit der Jungen BAU eine Bundesorganisation der Gewerkschaftsjugend.
In ihrer laufenden Kampagne will die SDAJ ihre Gruppen wieder stärker dabei unterstützen, sich auf die alltäglichen Probleme und Auseinandersetzungen in Schulen und Betrieben zu konzentrieren, das Motto: „Geld gibt’s genug – Zeit es uns zu holen!“ Eine Schülerin aus Augsburg erzählt in der Veranstaltung zur Kampagne, wie sie an ihrer Schule einen Protest organisiert haben, ein Pflege-Azubi aus Essen berichtet, wie er mit seinen Kollegen der Essener Uniklinik im vergangenen Jahr gestreikt hat. Im Gespräch mit dem Publikum arbeiten sie heraus, was von ihren Erfahrungen auf andere Städte übertragbar ist – zum Beispiel: „Es lohnt sich, mutig zu sein“, als SDAJ-Mitglied Vorschläge zu machen, um den Konflikt mit Vorstand oder Schulleitung auszutragen. Sie knüpfen die Fäden, die die SDAJ-Gruppen miteinander und die SDAJ-Mitglieder mit Kolleginnen und Mitschülern verbinden. Kreymann erinnert daran, dass sich die Situation der einzelnen SDAJ-Gruppen unterscheidet und die Gruppen sich auch in ihrer Zusammensetzung unterscheiden – nach Alter, nach Berufen, nach Interessen der Mitglieder. Beim Festival sieht sie die Gelegenheit für SDAJ-Mitglieder, die Arbeit in anderen Städten kennenzulernen, und für Freunde und andere Aktive, die SDAJ als bundesweite Organisation kennenzulernen.
Auch ganz neue Fäden werden gesponnen: Das Festival sei auch ein Anlass für einige Gäste, Mitglied der SDAJ werden zu wollen, sagt Lara Turek, „Das war bei mir damals auch so“.
Am Sonntagabend liest die Moderatorin auf der Bühne die Namen derjenigen vor, die in den vergangenen Monaten oder auf dem Festival selbst entschieden haben, sich der SDAJ anzuschließen. 42 Namen sind es, die meisten von ihnen kommen auf die Bühne und lassen sich von ihren Genossinnen und Genossen in der gemeinsamen Organisation begrüßen. Sie wollen beginnen, organisiert für den Kommunismus zu kämpfen.

Fäuste ballen, Hände weg: Nach der Rede Carolus Wimmers, Internationaler Sekretär der Kommunistischen Partei Venezuelas, zeigten die Teilnehmer mit diesem Foto ihre Solidarität mit dem venezolanischen Volk, das sich gegen Angriffe aus den USA verteidigt.

Fäuste ballen, Hände weg: Nach der Rede Carolus Wimmers, Internationaler Sekretär der Kommunistischen Partei Venezuelas, zeigten die Teilnehmer mit diesem Foto ihre Solidarität mit dem venezolanischen Volk, das sich gegen Angriffe aus den USA verteidigt.

( Tom Brenner)


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Leserbrief zu Artikel »Fäden spinnen, mutig sein«, UZ vom 14. Juni 2019





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