Der letzte Betriebsrat

Christoph Hentschel im Gespräch mit Orry Mittenmayer

Kölner Fahrradkuriere haben einen Betriebsrat beim Lieferservice „Deliveroo“ erkämpft (UZ vom 16. Februar 2018). Jetzt läuft der befristete Vertrag von Orry Mittenmayer, dem letzten Betriebsrat, aus, aber der Kampf gegen Befristung und Minilöhne soll weitergehen.

UZ: Wir hatten uns das letzte Mal gesprochen, als ihr kurz vor der Betriebsratswahl standet. Wie ging es weiter?

Orry Mittenmayer

Orry Mittenmayer

Orry Mittenmayer: Genau, dann gab es die Betriebsratswahlen Anfang Februar. Es ist so ausgegangen, dass wir Monat für Monat einen Betriebsrat verloren haben, so dass ich seit knapp drei bis vier Wochen der letzte Betriebsrat bin. Wir haben aber vorausschauend agiert und haben ein paar Beschlüsse auf Vorrat gestapelt, sodass ich immer noch ein bisschen agieren und Deliveroo dazwischenfunken kann bei dem Versuch, demokratische Mitbestimmung auszuschalten.

UZ: Wie sahen die Beschlüsse aus, die ihr vorsorglich getroffen habt?

Orry Mittenmayer: Dazu kann ich leider nichts Genaueres sagen. Wenn ich das mache, dann würde ich dem Betriebsrat, also mir selber, ans Bein pinkeln, weil Deliveroo teilweise bis heute nicht weiß, was wir vorhaben und ich das rechtlich auch gar nicht öffentlich sagen darf. Ich kann aber auf jeden Fall sagen, dass es Deliveroo ordentlich nerven wird. Wir beziehen uns da auf Paragraph 87, „Erzwingbare Mitbestimmung“.

UZ: Wie viele wart ihr zu Beginn und warum mussten deine Betriebsratskollegen gehen?

Orry Mittenmayer: Wir waren zu Beginn fünf Betriebsräte mit einem stellvertretenden Betriebsrat. Dann sind die befristeten Verträge meiner Kollegen ausgelaufen und sie mussten gehen. Aber alle Betriebsräte sind vor das Arbeitsgericht gegangen, um eine Entfristung ihrer Verträge einzuklagen.

UZ: Wie sieht es derzeit bei den Kollegen aus, die bei Deliveroo ohne Betriebsrat arbeiten aus?

Orry Mittenmayer: Wir haben es dank der „Liefern am Limit“-Kampagne geschafft die Öffentlichkeit und auch andere Kollegen zu mobilisieren. Das spricht viele junge Menschen und vor allem Kunden an, die mittlerweile auf unserer Seite stehen.

Wir hatten am Montag, den 30. April einen Gastauftritt bei „Hart aber fair“ in der ARD und seitdem haben wir nochmal mediale Resonanz bekommen, die wir nutzen möchten. Am 1. Mai haben wir mit vielen anderen Fahrern auf der 1.-Mai-Demonstration in Köln demonstriert.

Man kann schon sagen, dass mit jeder Woche der Druck auf Deliveroo immer größer wird und wir immer mehr Solidarität erfahren.

UZ: Bei „Hart aber fair“ meinte der FDP-Chef Christian Lindner nach deinem Gastbeitrag, dass er den Deliveroo-Kurieren immer 2 Euro Trinkgeld geben würde.

Orry Mittenmayer: Als Herr Lindner das gesagt hat, wäre ich ihm am liebsten ins Gesicht gesprungen. Mit 2 Euro Trinkgeld kommt man nicht wirklich aus der Niedriglohnfalle. So was zu sagen, ist halt schon sehr peinlich. Da denke ich mir, wie kann man so realitätsfern leben. Das ist schon ein deutliches Armutszeugnis für die FDP als Ganzes, dass die so einem folgen.

UZ: Was war dein Eindruck von der ganzen Sendung? Du warst ja live dabei.

Orry Mittenmayer: Mein Gesamteindruck war, dass zumindest der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil sich mehr oder weniger auf die Sendung vorbereitet hatte, während Lindner sich mit seinen üblichen Plattitüden versucht hat zu profilieren. Das ist halt so die wirtschaftsliberale Arroganz, die da besonders deutlich zum Ausdruck kam.

UZ: Du meintest, Heil hätte sich zumindest vorbereitet. Glaubst du, dass er jetzt was für euch tun wird?

Orry Mittenmayer: Wir sind gerade in Gesprächen, wann wir bei ihm einen Termin bekommen. Wir haben natürlich die Hoffnung, dass er tatsächlich zu seinem Wort stehen wird und wir erwarten das auch. Wir werden uns da jetzt auch nicht abspeisen lassen mit irgendwelchen Entschuldigungen. Es soll nämlich nicht bei leeren Versprechungen bleiben.

UZ: Euer Arbeitskampf war der erste, der auch digital geführt worden ist. Was können andere von euch lernen?

Orry Mittenmayer: So was gab es in dieser Form noch nie, dieses Zusammenspiel aus traditionellem und digitalem Arbeitskampf. Man muss mit der Digitalisierung mitgehen und mithalten, damit man so was schaffen kann. Unternehmen, gerade im privaten Sektor, versuchen die neusten technologischen Innovationen mit an Bord zu haben. Die haben halt dann auch die besten Social-Media-Berater. Da müssen die Gewerkschaften mithalten und zusehen ihre Sichtbarkeit zu verbessern. Social-Media darf man nicht unterschätzen. Das sind die Kanäle, wo man kommuniziert und sich organisiert.

UZ: Was würdest du Kolleginnen und Kollegen raten, die vor Arbeitskämpfen stehen?

Orry Mittenmayer: WhatsApp ist das Ding, um sich erst mal zu verabreden. Das ist am unkompliziertesten, die Nummern austauschen und dann eine Gruppe gründen und sich organisieren. Da sind wir ja in einem Zeitalter, wo das ja mega-easy ist.

UZ: Wie kommt man mit den Menschen, die einen unterstützen könnten, in Kontakt?

Orry Mittenmayer: Das ist dann ein Mischmasch aus traditioneller Arbeit, wie das die Gewerkschaften machen – das heißt auf die Straße gehen, Protest organisieren, Flyer verteilen, mit den Menschen reden, Veranstaltungen machen –, aber gleichzeitig muss man sich Facebook genauer anschauen. Man zieht eine Seite auf und Facebook stellt dir dann Instrumente zur Verfügung, wo dann Facebook für dich analysiert, welche Zielgruppe du am ehesten mit welchen Beiträgen erreichen kannst. Das heißt, dass Facebook das effektivste Mittel ist, um schnell bundesweit genau die Menschen zu interessieren, die auch Kuriere sind, die politisch interessiert oder gewerkschaftlich organisiert sind. Deswegen haben wir das auch geschafft.

UZ: Wie wird der Kampf bei Deliveroo weitergehen, ohne Betriebsrat, ohne dich?

Orry Mittenmayer: Erstmal gehen alle Betriebsräte vor das Arbeitsgericht. Darüber hinaus werden wir uns ehrenamtlich weiter engagieren, weiter Druck gegen Deliveroo aufbauen, Aufklärungsarbeit leisten. Wir werden uns noch eine Menge mehr einfallen lassen und „Liefern am Limit“ noch größer machen und uns, gerade in anderen Bundesländern, weiter vernetzen. Wir wollen noch mehr Druck ausüben, überall dort, wo Deliveroo ist.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Der letzte Betriebsrat", UZ vom 11. Mai 2018



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