In der Dominikanischen Republik wachsen bei den Menschen Sorgen und Widerstand

Der neue Goldrausch

Rolf Schümer

Nicht zehntausende Glückssucher haben sich auf den Weg gemacht, um in der Dominikanischen Republik das Edelmetall zu schürfen, sondern ein einziger Konzern. Sein Name: Barrick Gold Corporation, ein transnationales kanadisches Unternehmen. Vor Kurzem erreichte es auch über die Börsennachrichten der ARD ein breiteres Publikum in Deutschland, das sich, nach Meinung des Sprechers, von Inflationsangst gebeutelt wieder mehr für Gold interessiert. Der Höhenflug der Barrick-Aktien habe die gesamten Kursverläufe des Tages nach oben gebracht, wurde stolz gemeldet.

Nicht so positiv scheinen diejenigen die Lage zu sehen, die nahe der ertragreichsten Goldmine Lateinamerikas in der Dominikanischen Republik leben. Dort werden im Tagebau knapp 30 Tonnen Gold im Jahr verarbeitet. Nur 100 Kilometer von der Hauptstadt Santo Domingo entfernt lässt Barrick Gold bis zu 2 Kilometer breite und hunderte Meter tiefe Trichter in die gebirgige Landschaft graben. Seit 2013 werden vor allem Gold, aber auch Silber und Kupfer gefördert. Pueblo Viejo, altes Dorf, heißt der Ort, der seinen Namen von den spanischen Eroberern erhielt. Bereits diese hatten im 16. Jahrhundert hier das Gold entdeckt. Doch anhand ihrer damaligen geologischen Befunde und technischen Möglichkeiten stuften sie die Edelmetallmenge für einen lohnenden Abbau als zu gering ein.

Anders bei der heutigen Goldgewinnung, die hochgiftige und tödliche Chemikalien, wie Zyanid und Quecksilber verwendet. Im großindustriellen Goldabbau wird das äußerst umweltschädliche Zyanidlaugeverfahren angewandt. Um eine Tonne Gold zu fördern, müssen durchschnittlich 150 Tonnen Zyanid eingesetzt werden. Bereits wenige Milliliter davon sind tödlich für den Menschen.Wegen der hohen Gefahr und Umweltbelastung ist dieses Verfahren in den meisten Ländern der Welt verboten, nicht jedoch in der Dominikanischen Republik.

Anwohner befürchten Umweltgefahren

In den Dörfern rund um die Kleinstadt Cotui überspannen Protestbänder die Durchfahrtsstraße oder selbstgemalte Plakate vor den mit Wellblech überdachten Holzhütten warnen vor den Gefahren der neuen „Presa de Cola“, dem geplanten Auffangbecken für giftige Abfälle aus der Goldproduktion. Denn Barrick Gold hat angekündigt, die Förderung bis 2040 kontinuierlich auszuweiten, dafür sei eine solche Anlage unabdingbar. Mark Bristow, Direktor des Unternehmens, begründete dies am 4. Oktober 2021 in Toronto. „Unser Ziel in der Dominikanischen Republik wie auch im Rest der Welt ist es, durch unsere Strategie der nachhaltigen Entwicklung langfristige Werte für unsere Interessengruppen zu schaffen. Das Erweiterungsprojekt Pueblo Viejo hat das Potenzial, den enormen Beitrag, den es bereits zur Wirtschaft der Dominikanischen Republik geleistet hat, zu verdoppeln. Ohne dieses Projekt könnte dieser Beitrag jedoch bald enden“, sagte er.

Wer hier eine leise Drohung heraushört, irrt sich nicht. Mark Bristow hat mindestens zwei Mal schlechte Erfahrungen mit Landesregierungen oder Gerichten gemacht. Zuerst, als er als Manager eines südafrikanischen Gold-Unternehmens den Rückzug desselben aus der Kap-Republik einleitete. Zu groß war die Furcht, dass Nelson Mandela und der ANC das Unternehmen für die in den Minen praktizierte Apartheid und schonungslose Ausbeutung der schwarzen Arbeiter zur Rechenschaft ziehen würde. Nachdem 2019 das südafrikanische „Randgold“ von Barrick Gold gekauft worden war, ging Bristows Karriere dort weiter. Doch am 17. September 2020 erfolgte ein weiterer Rückschlag: Das chilenische Umweltgericht fällte ein Urteil, wonach Barrick Gold das Bergbauprojekt Pascua Lama nicht wieder in Betrieb nehmen darf. Dabei berief sich das Gericht auf die Umweltschäden, die Pascua Lama, im Norden an der Grenze zu Argentinien gelegen, verursacht habe.

97 Prozent des Nettogewinns bleibt für Barrick Gold

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In der Stadt Cotui zeigt sich der Widerstand der Bevölkerung. (Foto: Rolf Schümer)

Tulio Pimentel, Redakteur der in Santo Domingo erscheinenden Monatszeitschrift „Trinchera Unitaria“, empört sich: „Von wegen enormer Beitrag für unsere Wirtschaft! 97 Prozent des Nettogewinns sind für das Unternehmen, nur 3 Prozent für den dominikanischen Staat!“ Das hatte der damalige Präsident Leonel Fernández mit Barrick Gold vereinbart, obwohl viele Dominikaner dagegen protestierten. Nicht wiedergewählt, bot ihm Barrick Gold einen Direktorenposten im Unternehmen an. Da hätte er dann neben dem Ex-Präsidenten der USA, George W. Bush, gesessen. „Aber die Angst vor der Empörung im Volk ließ ihn ablehnen“, ergänzt Tulio. Und: „2013 gab es sogar landesweite Streiks gegen Barrick Gold. Der neue Widerstand gegen die Ausbaupläne formiert sich noch.“

Das will Barrick Gold nicht erst abwarten. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass den Einwohnern von Cotui und Umgebung von Beauftragten des Unternehmens, aber auch von regionalen Politikern gesagt wird, sie brauchten sich nicht zu sorgen. Barrick Gold investiere in soziale Projekte der Gemeinden und es stünden auch beträchtliche Summen für den Ankauf von Land zur Verfügung. Nach dem Verkauf können die Bauern dann woanders ihre Landwirtschaft betreiben. Außerdem würden die Umweltgefahren übertrieben dargestellt, seit der Inbetriebnahme von Pueblo Viejo habe sich dort die Wasserqualität in zwei Flüssen sogar verbessert. Auch weist das Unternehmen darauf hin, dass es der „Charge on Innovation Challenge“, einer branchenweiten Initiative zur Bewältigung der Klimaherausforderungen, nicht nur beigetreten sei, sondern auch die Schirmherrschaft übernommen habe.

Die Umweltverbrechen in Pueblo Viejo

Sind die Sorgen der Einwohner unberechtigt? Es ist naheliegend, den nur 20 Kilometer von Cotui entfernten Tagebau in Augenschein zu nehmen und dabei auch das dortige Absetzbecken zu überprüfen. Doch leichter gesagt als getan. Das gesamte Tagebaugelände ist von einem drei Meter hohen und stacheldrahtbewehrten Stahlzaun umgeben. Das Eingangsportal wird von mit Schnellfeuergewehren oder Pumpguns bewaffneten Werkschutzangehörigen bewacht. Warnschilder weisen darauf hin, dass sich nur zugelassene LKW nähern und passieren dürfen. Hundert Meter weiter steht in einer Ecke des Betriebsgeländes ein Informationszentrum für soziale Kooperativen. Der dortige Werkschutzmann legt wie Karl Mays „Old Surehand“ sein Gewehr in die Armbeuge und erklärt: „Es ist geschlossen. Geöffnet wird nur nach vorheriger Anmeldung und auch nur für Vertreter der Gemeinden, nicht für Journalisten.“

Gegenüber befindet sich die Einfahrt zum Absetzbecken. Diese ist für anliefernde LKW täglich geöffnet, da im Tagebau rund um die Uhr gearbeitet wird. Daneben, vor drei niedrigen Steinhäusern, sitzt eine Gruppe von mehreren Männern. Einer von ihnen, Pablo Leon, meint: „Die Mine hat auch positive Seiten. Meine beiden Söhne arbeiten dort.“ Ein junger Mann aus der Gruppe fügt hinzu: „Barrick Gold zahlt hohe Gehälter, 1300 Dollar im Monat.“ Auf die Frage nach negativen Folgen weicht Pablo verschmitzt aus: „Wenn das Gold das Ihre wäre, würden Sie es in der Erde lassen?“

Nur eine Straßenkurve weiter ein ganz anderes Bild. Auf der bunt bemalten Wand eines Hauses steht: „Ja zum Leben“ und „Barrick bedeutet Tod“. Hier halten die „Encadenados“ (die Angeketteten) eine permanente Mahnwache vom „Comité Nuevo Renacer“ (Komitee der Wiederbelebung der Region) ab. Zwei Männer und eine Frau geben im Innern Auskunft. „Vor vier Jahren haben wir die Gruppe gegründet“, beginnt Teresa Jimenez zu erklären, „weil sich die Lage der Familien immer mehr verschlechtert hat.“ Das freundliche Lächeln der etwa Sechzigjährigen ist verflogen, Zornesfalten bilden sich an den Schläfen: „Vor acht Jahren hat alles angefangen. Erst gab es keine Fische mehr in den beiden Flüssen hier, dann versiegte der eine völlig, der andere führte kaum noch Wasser. Plötzlich kippten die Hühner tot um, auch Schafe, Ziegen, Schweine, Rinder und Pferde erkrankten oder verendeten. Bei den Menschen häuften sich die Krebsfälle.“

Hector Zarzuela pflichtet ihr bei: „Früher konnten wir das Flusswasser sogar trinken, heute muss sich jede Familie das Trinkwasser kaufen, mindestens vierzig Liter pro Woche, aber das reicht natürlich nicht für die Tiere.“ Allerdings gehört der Trinkwasserkauf für viele Menschen in der Dominikanischen Republik zum Alltag, da in vielen Orten, auch unabhängig vom Bergbau, die Wasserqualität schlecht ist. Auf den Wassermarkt drängen ausländische Konzerne, zwei der größten sind der französische Multi „Veolia“ und das chinesische Unternehmen „China Water“. Juan Zabalo ergreift das Wort: „Vom Absetzbecken sickern kontinuierlich Gifte ins Grundwasser und gelangen in die Nahrungskette von Tier und Mensch. Aber was ist, wenn der Damm bricht?

Woanders gab es schon solche Unglücke und wir leben in einer Erdbebenzone!“ Angesprochen auf die sozialen Leistungen von Barrick Gold und die hohen Löhne schüttelt sich Teresa vor Lachen. „Die wohnen vor dem Absetzbecken, also auf Werksgelände, da würde ich auch nichts Schlechtes über Barrick sagen. Die Arbeiter verdienen den dominikanischen Durchschnittslohn, maximal 300 US-Dollar im Monat. Und von den sozialen Leistungen der Kanadier habe ich in unserer Gegend nicht viel gesehen, vielleicht ein paar neue Bürgersteige oder Parks in der Stadt, aber hier auf dem Land geschieht nichts. Aber wir werden den Menschen in den Dörfern, die von der geplanten Erweiterung und dem neuen Auffangbecken betroffen sind, von unseren Erfahrungen berichten.“ Als die drei erfahren, dass Barrick Gold in Chile eine Niederlage einstecken musste, ist die Freude groß. Hier im Landesinneren werden kaum Zeitungen gelesen, viele Menschen sind Analphabeten, das dominikanische Schulsystem belegt nach den PISA-Studien den letzten Platz auf der internationalen Rangliste.

Das eine Gold gegen das andere

Der industrielle Goldabbau benötigt Unmengen an Wasser. Durchschnittlich sind es 140.000 Liter Wasser pro Stunde,was dem Jahreswasserverbrauch eines Dreipersonenhaushalts in Deutschland entspricht. Bei der geplanten Erweiterung der Goldmine sind dafür vier weitere Flüsse als Wasserlieferanten vorgesehen. Aber der hohe Wasserverbrauch des Tagebaus bedroht eine andere Goldader, das „grüne“ Gold, die Avocados.

Nachdem die Weltmarktpreise für Zuckerrohr stark gefallen waren, haben viele Landwirte auf den Avocado-Anbau umgestellt. Die Dominikanische Republik ist derzeit weltweit der drittgrößte Exporteur dieser Früchte. Ganze Täler sind bereits von den Plastikplanen der Plantagen bedeckt, es kommt einem sehr spanisch vor. Die Nachfrage boomt, vor allem die chinesische Mittelschicht hat den Geschmack entdeckt und kann ihn sich auch leisten. Nachteil: Avocadobäume sind extrem durstig. Und dann ist da noch das zweibeinige Gold. Das Land mit seinen 10 Millionen Einwohnern empfängt jährlich mehr als acht Millionen Touristen, davon 220.000 Deutsche, Tendenz steigend. Aber die meisten Touristen wollen täglich duschen, zwischendurch in einem großzügigen Hotelpool planschen, auch das braucht Wasser. Wie sollen diese vielen konkurrierenden Interessen auf einen Nenner gebracht werden?

„Wasser ist ein Schatz, der wertvoller ist als Gold“ hatte der bereits zitierte Redakteur seinen Artikel in der „Trincheria Unitaria“ überschrieben. Hier würden auch „Veolia“ und „China Water“ zustimmen. Soll ein Land wegen Umweltgefährdung auf die Förderung seiner Goldvorkommen verzichten? Es gibt Konzepte zum nachhaltigen Goldabbau, zum Beispiel unter Verwendung von zusätzlichen Wasserrückhaltebecken, um das benötigte Wasser mehrfach zu nutzen.

Es gibt Verfahren, die ohne Verwendung giftiger Substanzen funktionieren. Stünden die Einnahmen aus einer solchen Goldförderung in vollem Umfang dem Land zur Verfügung, könnte in soziale Infrastruktur, Bildungswesen, nachhaltigen Tourismus und notwendige Transformationen angesichts des Klimawandels investiert werden. Doch die transnationalen Konzerne, die in den Industrieländern viel Geld für „Greenwashing“ ausgeben (sieht man heute einen Werbeblock im Fernsehen, gibt es nur noch ökologisch und nachhaltig hergestellte Waren), setzen woanders ungehindert ihre Praxis des Neokolonialismus fort und scheren sich nicht um die Natur und die Menschen. Es gibt keinen grünen Kapitalismus.

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"Der neue Goldrausch", UZ vom 24. Dezember 2021



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