Constanze und Dieter Kraft: Einsichten und Widersprüche

Dialektik des Politischen und des Theologischen

Im Jahr 2017 haben wir uns kennengelernt auf einer Reise. Anlass waren die Gedenkfeierlichkeiten zum 80. Jahrestag der Zerstörung Guernicas durch die Legion Condor der deutschen Wehrmacht. Als Leserin der von Hans Heinz Holz und Domenico Losurdo herausgegebenen Zeitschrift „Topos“ wusste ich schon vorher von Dieter Kraft. Er hatte die Zeitschrift als Redakteur betreut.

Mit Einsichten und Widersprüchen legen Constanze und Dieter Kraft nun Vorträge, Referate, Vorlesungen und Essays aus den Jahren 1989 bis 2019 vor. „Die Palette dieser Themen ist vielfältig …, denn auch die Bibel ist nicht nur vielfältig, sie ist geradezu lebens- und geschichtsumfassend. Thomas Mann und Bertolt Brecht wussten das noch. Constanze und Dieter Kraft knüpfen auf ihre Weise an diesen Lebens- und Geschichtsuniversalismus an. Da braucht kein Thema ausgespart zu werden – Hegel nicht, die Dialektik nicht, Peter Hacks nicht. Und natürlich geht es um biblische Topoi, um gesellschaftliche Frauenbilder, um das adäquate Verständnis von Utopie und Reformation, um Kirche im Kapitalismus, um Macht und Sprache, um Ethik und Bildung, um Opportunismus und Standhaftigkeit, um Mythos und Ideologie – und sogar Stalin muss da nicht fehlen.“ So stellt uns der Verlag das Buch vor. Im Vorwort führt uns Thomas Metscher ein und stellt die Autoren vor: Constanze Kraft, die Berliner Pfarrerin, „bereits aus Berufsgründen eine Person der Praxis“, verwurzelt in den „sozialrevolutionären Traditionen des frühen Protestantismus“. Dieter Kraft war bis zu seiner „Abwicklung“ im Jahr 1992 „im Rahmen der Reconquista der neoliberalen Weltordnung“ ordentlicher Universitätsdozent für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die Krafts sind Meister der Sprache, führen uns durch ihre Gedanken zur „Dialektik des Politischen und des Theologischen“. Der begrenzte Platz erlaubt mir nur einige kurze besondere Hinweise:

Das Allgemeine im Besonderen – Constanzes Text „Wi(e)der eine christliche Front“. Am Beispiel einer kleinen Westberliner Kirchengemeinde zeigt sie uns die Parallelen „zur Kirchengeschichte Westberlins, zur Geschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland und zur europäischen Geschichte des Kalten Krieges. Kleine Spuren hier widerspiegeln große politische Positionen, die sich im Laufe des Kalten Krieges im Westen Europas durchsetzen.“ Dieses methodische Vorgehen finde ich auch bei Kurt Pätzold in dem Buch „Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz“: Man muss „Jahr für Jahr nachgehen“. Das macht Krafts Text für die Zeit nach 1945 am Beispiel dieser kleinen Gemeinde. Die große Politik, die großen Kämpfe, die kleine und große Suche, das große und das kleine Siegen, das große und kleine Versagen, die Niederlage 1989.

„Stark. Bekämpft. Weinend. Vergewaltigt. Tot.“ – der Titel ist so mitreißend wie der Inhalt dieses Vortrags bei einem Ökumenischen Seminar 2019 zu der Rolle und der – oft verfälschenden – Darstellung der Rolle der Frauen im biblischen Richterbuch. Im Text „Da stand die Sonne still. Biblische Maßgaben für Frauenfiguren im Werk von Peter Hacks“ verhandelt sie ebenfalls am Schicksal der Frauen die Klassenwidersprüche. Denn die Bibel ist kein Kirchenbuch und „auch kein Religionsbuch“, sondern sie „spiegelt gesellschaftliche Situationen zum Zeitpunkt ihrer Erzählungen wider und drängt auf ihre Veränderung zugunsten menschheitlicher Verbesserung“.

Dieter Kraft überprüft „Sinn und Unsinn einer real existierenden Kategorie“ in der Vorlesung „Über den Begriff der Utopie“ und kommt zu dem Schluss: „Eine Erschöpfung utopischer Energien wäre in dieser Zeit gleichbedeutend mit dem Verlust des Überlebenswillens.“ In „Macht und Sprache“ reflektiert er den Einsatz der Sprache als Herrschaftsinstrument. „Da wirkt es eigentlich schon wie Donquichotterie, sich gegen Herrschaftssprache immunisieren zu wollen. Aber wenn wir uns schon nicht der Macht der Medien entziehen können, sollten wir uns wenigstens darum bemühen, die Sprache der Macht transparent zu machen.“

Eine brillante Einführung in die Dialektik gibt Dieter Kraft uns mit seinem Vortrag „Hegels dialektische Philosophie der gesunden Menschenvernunft“. Er meint zu Beginn, er sei „als Theologe für eine Hegel-Interpretation eine glatte Fehlbesetzung“ – aber ich muss ihm ja nicht in allem Recht geben. „In Hegels Phänomenologie des Geistes entdeckt sich der Mensch als Spiegel des Ganzen, und er wird sich bewusst, nichts anderes zu sein als im Ganzen vorliegt.“ Natur, Politik, Geschichte, der Mensch in und mit all dem werden zusammen ge- und erfasst. „In dieser Polyphonie, die dem Wesen des Dialektischen entspricht, geht es also nicht nur um die Natur der Welt, sondern gleichermaßen auch um die Weltgeschichte, denn die Entfaltung des Begriffs vom reinen Sein bis hin zur absoluten Idee als der begrifflich erschlossenen Systematik des Ganzen muss von der Natur in die Geschichte übergehen, weil sie erst hier die Subjekt-Objekt-Einheit findet. Erst in der Geschichte kann es zu dem bewussten Begreifen jenes universalen Prozesses kommen, der in der Koinzidenz von Natur und Bewusstsein gipfelt.“
Dank an den Mangroven Verlag für die Veröffentlichung dieser Texte – auch für die gute Gestaltung und somit Lesbarkeit.

Constanze und Dieter Kraft:
Einsichten und Widersprüche. Texte aus drei überwältigten Jahrzehnten. Mit einem Vorwort von Thomas Metscher.
Mangroven Verlag, Kassel, 2020.

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"Dialektik des Politischen und des Theologischen", UZ vom 30. Oktober 2020



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