Die vor 100 Jahren eröffnete Bundesschule des Arbeiter-Turn- und Sportbundes in Leipzig war ein bedeutendes Haus der Arbeiterbewegung

Die Arbeitersportzentrale

Michael Gellrich

„Das deutsche Proletariat vollbrachte eine große Tat: Ein Haus, sein Herz voll Ideale weiht es der Internationale.“ So stand es im September 1926 in der „Arbeiter-Turn-Zeitung“. Wenige Tage zuvor hatte der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) seine Bundesschule in der Leipziger Fichtestraße eingeweiht, den ersten eigenen Ausbildungskomplex der deutschen Arbeitersportbewegung. Bis dahin hatte sie sich in Turnhallen, Wirtshäusern und auf Wiesen organisieren müssen.

Finanziert durch ­Arbeitergroschen

An der Fichtestraße 28 steht heute ein sanierter Wohnkomplex. Eine Messingtafel erinnert an die ehemalige Bundesschule, die von 1924 bis 1926 errichtet wurde. Die Baukosten betrugen 1,25 Millionen Reichsmark. Etwa ein Drittel davon brachten die Mitglieder mit dem Arbeitergroschen selbst auf, einer solidarischen Finanzierungsform, bei der jedes Mitglied entsprechend seinen Möglichkeiten einen Beitrag leistete. Den Rest finanzierten das Reich, das Land Sachsen, die Städte Leipzig und Berlin sowie der Arbeiter-Turnverlag.

Die Anlage war für die Zeit hochmodern. Der fünfstöckige Hauptbau verfügte über einen Vorlesungssaal, eine Bibliothek, Speise- und Aufenthaltsräume sowie Schlafquartiere. Dahinter lagen eine Turn- und eine Schwimmhalle. Zwischen 1926 und 1933 fanden hier 202 Lehrgänge mit 6.149 Teilnehmern statt. Der ATSB übernahm Fahrtkosten und Unterkunft, teilweise auch den Lohnausfall. Geleitet wurde die Schule von Georg Benedix, einem Leipziger Sportfunktionär und Turnlehrer, der maßgeblich an ihrer Gründung beteiligt war.

Warum Leipzig?

Leipzig war als Standort kein Zufall. Bereits bei der Gründung des Arbeiter-Turnerbundes (ATB) im Jahr 1893 in Gera stammte ein großer Teil der Vereine aus Leipzig. 1919 wurde der ATB in ATSB umbenannt, der Zentralsitz blieb in Leipzig.

Einen Höhepunkt bildete das erste Deutsche Arbeiter-Turn- und Sportfest, das vom 22. bis 25. Juli 1922 auf dem Leipziger Messegelände stattfand. Rund 100.000 Aktive aus neun Ländern nahmen daran teil. Mit Belgien, Frankreich und den USA waren auch ehemalige Kriegsgegner mit Delegationen vertreten. Während das bürgerliche Internationale Olympische Komitee Deutschland erst 1928 wieder zu den Olympischen Spielen zuließ, traten die Arbeiter im Sport bereits gemeinsam an.

32.000 Frauen und Männer beteiligten sich am Massenturnen. Dazu kamen Leichtathletik, Radsport, Gewichtheben, Handball und Fußball. Das Fest war jedoch mehr als nur ein Sportereignis: Die Arbeiterbewegung zeigte ihre Fähigkeit, eine eigene, international ausgerichtete Sport- und Organisationskultur aufzubauen. In seiner politischen und organisatorischen Ausrichtung verstand sich der Arbeitersport als Gegenmodell zum bürgerlich-nationalen Sport. Solidarität und Internationalismus sollten an die Stelle von Nationalismus und militärischer Erziehung treten. Auch die Bundesschule war als Alternative zur bürgerlichen Deutschen Hochschule für Leibesübungen gedacht.

Spaltung

Der gemeinsame Gegenentwurf zum bürgerlichen Sport bedeutete jedoch keine politische Einheit. Am 4. August 1914 hatte die SPD-Fraktion im Reichstag den Kriegskrediten zugestimmt und so die Kriegspolitik der kaiserlichen Regierung sowie den sogenannten Burgfrieden unterstützt. Damit hatte die sozialdemokratische Parteiführung die internationale Solidarität der Arbeiterklasse aufgegeben und sich an die Seite des deutschen Imperialismus gestellt. Auch der Arbeiter-Turnerbund stand als Teil der sozialdemokratischen Massenorganisationen in diesem politischen Umfeld. Die Teile der Arbeiterbewegung, die den Krieg ablehnten und für internationale Klassensolidarität eintraten, empfanden dies als Verrat. Der Bruch vertiefte die bestehenden politischen Gegensätze innerhalb der Arbeiterbewegung und trug wesentlich zur weiteren Spaltung zwischen Sozialdemokratie und revolutionärer Arbeiterbewegung bei.

Diese Gegensätze setzten sich in der Weimarer Republik fort und erreichten schließlich auch den Arbeitersport. Auf dem 16. ATSB-Bundestag im Juni 1928 in Leipzig, von Zeitgenossen als „Schlacht von Leipzig“ bezeichnet, beschloss die Mehrheit mit 163 zu 66 Stimmen: „Der ATSB unterhält zu der KPD und ihren Einrichtungen keinerlei Beziehungen mehr.“ Mit 210 zu 22 Stimmen wurde zudem beschlossen, gegen Mitglieder vorzugehen, die im Auftrag der KPD gegen den Bund arbeiteten. Die sozialdemokratische Verbandsführung zog damit eine klare organisatorische Grenze gegenüber der KPD und ihren Anhängern. Mit diesen Beschlüssen verfolgten die Arbeitersportverbände ein doppeltes Ziel: Sie wollten den Einfluss der starken kommunistischen Minderheit ausschalten, um die Organisationen weiterhin sozialdemokratisch kontrollieren zu können, und sie beabsichtigten, der KPD den Zugang zu den Arbeitersportlern zu verwehren. In Leipzig selbst führten die Beschlüsse zu Massenausschlüssen, nicht nur von Kommunisten, sondern auch von allen, die sich weigerten, eine Erklärung zu unterschreiben, die Sportkontakte mit der So­wjet­union untersagte.

Die ausgeschlossenen kommunistischen Sportler organisierten sich neu. Am 29. Mai 1929 entstand zunächst die Inte­ressengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport, ein Jahr später die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit (KG). Sie entwickelte sich zum stärksten Landesverband der Roten Sportinternationale außerhalb der So­wjet­union und zählte 1931 mehr als 100.000 Mitglieder. In Leipzig vereinigte die KG 1932/1933 etwa 9.240 Mitglieder, mehr als ein Drittel aller Arbeitersportler der Stadt. Ihre Leitung lag in den Händen von Funktionären wie Bruno Plache und Heinz Dose. In Flugblättern wandte sich die KG an die „sporttreibende, werktätige Bevölkerung“ und rief zum Kampf gegen „Kulturreaktion, den Faschismus und Imperialismus“ auf.

380802 Einrichtungen - Die Arbeitersportzentrale - 100 Jahre, Arbeiterbewegung, Arbeitersport, Ausbildungschule, Leipzig - Hintergrund
Einrichtungen in der Arbeiter-Turn- und Sportschule Leipzig, Fichtestraße (1926 – 1933) (Foto: Gemeinfrei)

Die Bundesschule in der Fichtestraße blieb von diesen Vorgängen nicht unberührt. Als zentrale Ausbildungsstätte des sozialdemokratisch geführten ATSB war sie für die ausgeschlossenen Kommunisten fortan unzugänglich. Die KG musste ihre Kaderausbildung außerhalb dieser Strukturen organisieren, in eigenen Vereinen, die sich oft durch Fusionen oder Neugründungen zusammenhielten. Die Führung der Bundesschule selbst blieb personell stabil. Ihr Leiter Georg Benedix war Sozialdemokrat und übte sein Amt bis zur gewaltsamen Schließung im Jahr 1933 aus. Dass die Gegensätze im Angesicht der gemeinsamen Bedrohung zeitweise überbrückbar schienen, zeigt ein Bericht Benedix’, wonach sich „allnächtlich fast hundert schwerbewaffnete Widerstandskämpfer beider Arbeiterparteien“ im Keller der Bundesschule versammelten, um die Einrichtung gegen SA-Übergriffe zu verteidigen. Mit der Machtübertragung an Hitler wurde aus dieser Auseinandersetzung offene Verfolgung.

Zerschlagung

Bis Ende Februar 1933 waren Vorstellungen über ein legales oder halblegales Weiterbestehen der KG-Vereine unter dem Dachverband der Inte­ressengemeinschaft für Arbeiterkultur (IfA) noch weit verbreitet. Die Arbeiter-Sanitäter Leipzig, Kolonne West, luden per Flugzettel für den 11. März zum Frühjahrsvergnügen in das IfA-Heim Böhlitz-Ehrenberg ein. Mit dem Reichstagsbrand gab es keinen Zweifel mehr über die weitere Entwicklung. Anfang März lösten sich alle Vereine der roten Sportler unter Beiseiteschaffung aller beweglichen Vermögenswerte und Vernichtung der Archive auf. Die Landesleitung der KG in der Angerstraße 14 war bereits am 6. Februar von der Polizei besetzt und durchsucht worden. Diese Aktion war schon gescheitert, bevor sie begonnen hatte. Einen Tag zuvor hatte ein Polizist die Genossen der KG gewarnt: „Räumt eure Bude aus, morgen ist Haussuchung!“ – ein Beweis für proletarische Klassensolidarität und antifaschistische Grundhaltung, denn die Leipziger Polizei war zu dem Zeitpunkt noch eine „SPD-Polizei“.

Am 23. März 1933 besetzte die SA die Bundesschule in der Leipziger Fichtestraße. Mit den Worten „Alles raus! Der Saftladen wird geschlossen!“ drang Leipziger und Plauener SA in das Gebäude ein und nahm der größten Arbeitersportorganisation Deutschlands einen wesentlichen Teil ihrer Aktionsfähigkeit. Der ATSB wurde verboten, sein Vermögen beschlagnahmt. Die Schließung der Arbeitersportvereine erfolgte in zwei Wellen: am 1. April 1933 die kommunistischen, am 28. April 1933 die sozialdemokratischen Vereine. Damit zerschlug der Faschismus nicht nur einzelne Vereine, sondern die organisatorische und materielle Infrastruktur der Arbeitersportbewegung.

Auf dem Bundestag 1930 hatte das Bundesvermögen des ATSB noch 25.696.058 Reichsmark betragen. Zum Verband gehörten 2.139 Sportplätze, 342 Übungshallen, 367 Vereinshäuser, 101 Bootshäuser, 128 Badeanlagen und 16 Sprungschanzen. Diese Zahlen zeigen die enorme Dimension dieser Organisation.

Georg Benedix überstand die NS-Zeit trotz einer zeitweiligen Gestapo-Haft. Das Gebäude wurde im Krieg schwer beschädigt.

Wiederaufbau in der DDR

Bereits 1945 wurden Teile des Bundesschulgebäudes provisorisch wieder genutzt. Ab 1947 war dort das Institut für körperliche Erziehung und Schulhygiene der Universität Leipzig ansässig, das 1953 in Institut für Körpererziehung (IfK) der Karl-Marx-Universität Leipzig umbenannt wurde. Die Sportanlagen waren zunächst Ruinen; erst 1961 war der Sportkomplex wiederhergestellt.

Die 1950 gegründete Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig knüpfte ausdrücklich an die Tradition der Bundesschule des ATSB an. Georg Benedix, der bis 1933 ihre Leitung innegehabt hatte, beteiligte sich im Rentenalter am Aufbau der DHfK und arbeitete dort als Archivar. Die Verbindung war damit nicht nur symbolisch: Die Arbeiterbewegung hatte mit dem Arbeitersport eigene Formen der Bildung, Organisation und körperlichen Ertüchtigung geschaffen. Die DHfK führte diesen Gedanken innerhalb der DDR fort.

Was bleibt?

Die Geschichte der Fichtestraße ist mehr als die Geschichte eines alten Sportgebäudes. Die Arbeiterbewegung hatte eigene Vereine, eigene Sportstätten, eine eigene Presse und eigene Bildungsstätten geschaffen. Der Arbeitergroschen finanzierte einen Teil davon. Die Bundesschule verband körperliche Betätigung mit Ausbildung und Organisation.

Heute ist Sport weitgehend in die kapitalistische Verwertungslogik eingebunden. Zugang und Teilhabe hängen damit auch von den materiellen Möglichkeiten der Menschen ab. Eine Arbeiterbewegung braucht für ihren politischen Kampf nicht nur Programme und politische Organisationen, sondern auch eigene materielle und kulturelle Strukturen. Der Arbeitersport war ein Teil dieser Selbstorganisation.

In Leipzig führt der Arbeitersport Leipzig e. V. diese Tradition fort und versteht sich ausdrücklich als Teil der Arbeitersportbewegung. Die Geschichte der Bundesschule verweist damit auf eine Aufgabe, die jede Arbeiterbewegung aufs Neue lösen muss: eigene Strukturen aufzubauen, in denen Menschen sich unabhängig von staatlicher Förderung und kommerzieller Verwertung organisieren, bilden und gemeinsam handeln können.

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"Die Arbeitersportzentrale", UZ vom 18. September 2026



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