Im Rahmen einer Tagung der Marx-Engels-Stiftung (MES) am 8. und 9. August zum Thema „Wirtschaftswunder – Militarisierung – Repression – Die BRD in den 1950er Jahren“ berichtete Jörg Lang als Zeitzeuge von der Nachkriegszeit in Stuttgart. Wir bedanken uns beim Referenten und der MES für die Druckerlaubnis und dokumentieren den Tagungsbeitrag in gekürzter und redaktionell bearbeiteter Form.
1940 in Reutlingen geboren, wuchs ich von Herbst 1945 bis Mitte der 1950er Jahre in Stuttgart auf. Dorthin war mein Vater schon Mitte 1944 als „2. Stadtpfarrer“ an der Leonhardskirche versetzt worden. Wir lebten im inzwischen abgerissenen Pfarrhaus Ecke Christoph-/Schlosserstraße in der Nähe des sogenannten „Bohnenviertels“. Die Umgebung, vor allem die Hauptstätter Straße, war weitgehend zerbombt – ebenso wie auch die Leonhardskirche selbst, die erst Anfang der 1950er Jahre zunächst teilweise wiederaufgebaut wurde. Insgesamt war die Innenstadt in den 1950ern noch immer zum großen Teil zerstört, wenn auch die Straßen geräumt waren und in den Ruinen einstöckige Ladengeschäfte mit Dachpappe-Dächern eingezogen waren. Kinder spielten in den Ruinen und ihren Kellern.
Der Hunger, den wir lange Zeit – vor allem noch in Reutlingen in der „Französischen Zone“ – durchaus verspürt hatten, war seit der von den Besatzungsmächten mithilfe des US-Marshallplans unterstützten Währungsreform weitgehend beseitigt. Auch die Lebensmittelkarten wurden 1950 abgeschafft.
Wiederaufbau
Dann kam die Zeit des Wiederaufbaus und des sogenannten „Wirtschaftswunders“. Stuttgart konnte als erste deutsche Großstadt zunächst „trümmerfrei“ gemeldet werden. Es erlebte dann eine beispiellose Aufbauphase. Wobei bei der Ankurbelung der wirtschaftlichen Produktion vornehmlich die Interessen der Automobilindustrie und des motorisierten Fahrverkehrs im Vordergrund standen. Es war in Stuttgart die Ägide des zunächst von der französischen Besatzungsverwaltung eingesetzten Bürgermeisters Arnulf Klett (parteilos, später immer wiedergewählt bis zu seinem Tod 1974), der alsbald auch mit „seinem“ Porsche durch Stuttgart kurvte. Neubauten in nüchtern-funktionalem Betonstil waren angesagt. Dabei wurden nicht nur anstelle zerstörter Gebäude Bauwerke im neuen Stil aus dem Boden gestampft. Vielmehr wurden auch viele nur beschädigte Gebäude – gerade solche, die das historische Stadtbild geprägt hatten – nun erst richtig niedergerissen und eingeebnet – etwa das Kronprinzenpalais, die alte Liederhalle oder das wunderschöne Büchsenbad, ein Pionierbau vom Ende des 19. Jahrhunderts mit maurischen Fliesen. Die Ruinen des erst später wiederaufgebauten Neuen Schlosses und ebenso der Markthalle entgingen dem Abriss nur knapp. Der endgültigen Zerstörung fielen ganze – in Teilen zwar beschädigte, aber insgesamt noch durch durchaus intakte – Stadt- und Wohnviertel anheim – etwa das Viertel zwischen der Büchsen-/Kronprinzstraße bis hin zum Linden-Museum mit der dazwischenliegenden (ebenfalls erst nach 1945 komplett plattgemachten) Ruine der Garnisonskirche.
Stuttgart, aber auch andere westdeutsche Großstädte – wie etwa das von der SPD dominierte Kassel – prägte damals eine in Teilen durchaus zusätzlich zerstörerische Aufbauphase mit einer an den US-amerikanischen Baustil angelehnten Architektur. In Stuttgart verkörperte diese „Aufbaukultur“ besagter Arnulf Klett, der dann auch für einige Jahre Präsident des Deutschen Städtetags wurde. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als sollte damals mit dieser „Aufbau“-Architektur der Welt ein angeblicher Bruch mit der Vergangenheit demonstriert werden – dies anstelle der in der BRD individuell und gesellschaftlich weitgehend vermiedenen Auseinandersetzung mit dem Faschismus und seinen Funktionsträgern.
Ins Bild gehört, dass Klett nach seiner Ernennung durch die französische und Bestätigung durch die US-amerikanische Besatzungsmacht ein Mitglied der KPD, Otto Kraufmann, zum Wirtschafts- und Verwaltungsbürgermeister ernannt hatte. Dies war damals auch in anderen Großstädten zunächst durchaus keine Seltenheit. Klett hatte Kraufmann wohl schon 1933 während der gemeinsamen Haftzeit im Konzentrationslager Heuberg kennengelernt. Kraufmann, der dann in Stuttgart seit 1946 bis zu seinem Tod 1972 ebenfalls immer wiedergewählt wurde, tat sich bei der Notversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und durch die Schaffung von Notunterkünften hervor und bei der Wohnraumzwangsverwaltung – auch wir hatten in unserer Wohnung in der Christophstraße eine im „Bohnenviertel“ ausgebombte Familie zusätzlich einquartiert bekommen. Später förderte Kraufmann auch den sozialen Wohnungsbau. Nach dem KPD-Verbot 1956 trat er allerdings aus der KPD aus und wurde Mitglied der SPD.
Massenkultur
Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre entstanden in Stuttgart verschiedene Formen der Massenkultur und Sensationsunterhaltung für die „Davongekommenen“ – etwa die Solitude-Rennen, zu denen trotz teils schwerer Unfälle Hunderttausende angereist kamen, oder die Auftritte des Seiltänzerpaars Carlo und Henrico, die mit ihren Balancestangen gegenläufig ein vom Tagblatt-Turm zum Turm des Rathauses gespanntes Seil überquerten.
Und dann begann schon in den 1950ern die bis heute fortdauernde Amerikanisierung der deutschen Unterhaltungskultur. Während unmittelbar nach dem Krieg etwa noch deutsche Volksmusik oder deutschsprachige Schlager die Radioprogramme beherrschten und die traditionellen Männerchöre – oder Kinder und Jugendliche in der Schule – deutsche Volkslieder sangen, setzte sich nun immer mehr die US-amerikanische Unterhaltungsmusik mit Rock’n’Roll, Gospels, Boogie-Woogie, Pop und so weiter durch. Mein Vater und sein Bekanntenkreis sprachen damals noch offen von „dieser Neger-Musik“ – die allerdings die Jugend begeisterte. Der Hype um Elvis Presley – der 1958 im Rahmen seines Militärdiensts nach Deutschland kam – steht beispielhaft dafür. Ich sehe hier eine der „Wiederaufbauarchitektur“ in gewisser Weise vergleichbare Entwicklung, also eine demonstrative Ersatzkultur zum Beweis eines angeblich neuen und fortschrittlichen Deutschlands.
Häusliche Diskussionen
Mein Vater, der während der Nazi-Zeit dem eher konservativen württembergischen Flügel der evangelischen Bekennenden Kirche angehört hatte und wiederholt Schwierigkeiten mit der Gestapo bekam, unterstützte Anfang der 1950er Jahre die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP), die von dem ursprünglichen CDU-Mitglied Gustav Heinemann (der Jahrzehnte später zum Bundespräsidenten avancieren sollte) 1952 gegründet worden war. Heinemann hatte vor 1933 die sozialliberale DDP unterstützt. Er war dann in der Nazi-Zeit leitendes Mitglied der Bekennenden Kirche im Rheinland. Ab 1949 war er zunächst Bundesinnenminster im 1. Kabinett Adenauer. Nachdem Konrad Adenauer dann bereits im August 1950 in zwei Memoranden dem damaligen US-Hochkommissar John McCloy den Beitrag eines deutschen Militärkontingents im Rahmen der vom Kapital erstrebten Westbindung angeboten hatte, war Heinemann als erster Minister überhaupt zurückgetreten.

Ich erinnere mich, dass darüber bei uns zu Hause von meinem Vater immer wieder mit Freunden und Bekannten heiß gestritten wurde, vor allem mit meinem Onkel, einem bekannten Anwalt und Presserechtler in Stuttgart. Letzterer war in der Weimarer Zeit Mitglied von Stresemanns rechtsliberaler DVP gewesen, war im Krieg dann im Afrika-Korps im Einsatz und unter anderem Heeresrichter. Nach dem „Zusammenbruch“ verstand er sich offenbar rasch mit „den Amerikanern“ zu arrangieren, hatte als einer der ersten in Stuttgart einen privaten Buckel-Ford und wurde dann sogar als Verteidiger bei den Nürnberger Prozessen 1945/46 zugelassen. Später avancierte er zum Berater des Deutschen Zeitungsverleger-Verbands und des Axel-Springer-Verlags sowie zum Präsidenten der Stuttgarter Abendgesellschaft. Er vertrat aber als Anwalt zum Beispiel auch Rudolf Augstein in der sogenannten Spiegel-Affäre von 1962. Dieser Onkel lehnte in den 1950er Jahren die Westbindungs- und Aufrüstungspolitik von Adenauer und Franz Josef Strauß ab (ebenso wie etwa damals auch noch die liberale DVP/FDP-Führung in Stuttgart unter dem Ministerpräsidenten Reinhold Maier). Mit Adenauers beziehungsweise Ludwig Erhards wirtschaftsliberalem Kurs war mein Onkel dagegen einverstanden.
Daran, wie mein Vater zum KPD-Verbot stand, erinnere ich mich nicht. Das war jedenfalls kein großes Thema. Über die DDR wurde mehr im Rahmen von dortigen wirtschaftlichen Problemen und eben der gewünschten Wiedervereinigung und einer nationalen Neutralisierung gesprochen.
Schulische Erfahrungen
Beim Schulbesuch, auf dem Karls-Gymnasium in Stuttgart und dann seit 1954 auf dem Parler-Gymnasium in Schwäbisch Gmünd, stieß ich unter den Lehrern auf zahlreiche ehemalige Kriegsteilnehmer und auch Mitglieder der Nazi-Partei und ihrer Organisationen. Dies war informell bekannt. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass die Betreffenden damals je diese Tätigkeiten direkt und offen ansprachen, geschweige denn sich damit auseinandergesetzt oder darüber diskutiert hätten. Die meisten waren bemüht, sich als angeblich politisch völlig „neutral“ darzustellen, predigten die Werte der klassischen deutschen beziehungsweise abendländisch-humanistischen Wissenschaft und Kultur und konzentrierten sich im Übrigen privat auf ihren je persönlichen materiellen „Wiederaufbau“. Der Geschichtsuntericht reichte allenfalls bis in die Zeit der Weimarer Republik. In „Gemeinschaftskunde“ (neu) wurden das Grundgesetz und die bürgerlich-parlamentarische Demokratie vorgestellt und die Bedeutung des Rechtsstaats, der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit herausgestellt. Diese seien in der Nazi-Zeit unterdrückt gewesen – wie sie nun angeblich in der DDR unterdrückt würden. Übrigens wurden aus der DDR „rübergemachte“ Flüchtlinge – so etwa die Familie eines Freundes – damals eher scheel angesehen und wegen der von ihnen bezogenen Entschädigungsleistungen beneidet.
Im Schulunterricht wurde Mitte der 1950er noch regelmäßig geschlagen. Die von mir besuchten Gymnasien waren damals im Übrigen noch reine Jungenschulen.
Wenn im Unterricht von den Verbrechen des deutschen Faschismus gesprochen wurde, so vor allem über die Massenvernichtung der europäischen Juden. Ich erinnere mich dagegen nicht, während meiner Schulzeit je etwas zum Überfall auf die Sowjetunion und die dabei verübten Verbrechen gehört zu haben. All das wurde in der BRD – ebenso wie die Vergangenheit der Hochschullehrer – erst Anfang der 1960er Jahre an den Universitäten Thema – im Zuge der Studentenbewegung und in der Studentenpresse. Ich erlebte sie in Tübingen und Berlin mit und beteiligte mich an den damaligen Aktivitäten.
Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir in der Schule je Substanzielles über den internationalen Kolonialismus einschließlich etwa der Verbrechen Deutschlands in Afrika oder China gehört hätten – ebensowenig wie über die aktuellen Verhältnisse dort, über Befreiungsbewegungen oder über die andauernden Kriege in den immer noch neokolonial unterdrückten und durch den „überlegenen“ Westen ausgebeuteten nicht europäischen Nationen.








