Die Stunde welcher Wahrheiten?

Ein Kommentar von Werner Sarbok

Werner Sarbok

Werner Sarbok

Am 7. Januar griff ein junger Mann eine Polizeiwache in Paris an, war in der Presse zu lesen. Seine Bewaffnung bestand aus einem Messer und einer Sprengstoffgürtel-Attrappe, war in der Presse zu lesen. Was er mit einem Messer gegen Maschinenpistolen hat ausrichten wollen, wie mit einer Sprengattrappe jemand in die Luft gesprengt werden kann, diese Antworten haben ich nirgendwo lesen können. Die Fragen danach allerdings auch nicht.

Dann bleibt es also bei dem gezeichneten Bild, ein allgegenwärtiger „Islamischer Staat“ bedroht jeden und alle in der „freien westlichen Wertegesellschaft“, nutzt selbst meine Heimatstadt Recklinghausen als Ausgangsbasis für seine Terrorpläne. Die Mittel, wie gesagt, ein Messer und eine Attrappe gegen eine mittlerweile bürgerkriegsmäßig aufgerüstete französische Polizei.

Und dann wird uns berichtet, dass dieser Mann sieben Identitäten als Flüchtling hatte. Für alle Beschaffung dieser Identitäten hat er seine Fingerabdrücke abnehmen lassen. Er sei in Deutschland auch mehrfach straffällig und daher verurteilt worden, hat auch Strafen abgesessen, war in der Presse zu lesen. Zu allen erkennungsdienstlichen Behandlungen, bei allen Unklarheiten über die Identität einer Festnahme gehört das Erfassen der Fingerabdrücke.

Und dann, das lesen wir in der Presse, werden diese nicht abgeglichen. Und das gilt nicht nur für die Fingerabdrücke: Im Zeitalter der biometrischen Fotovergleiche sind diese unterschiedlichen Identitäten im Zusammenhang mit Asylanträgen, polizeilichen Untersuchungen, Verurteilungen und Inhaftierungen nirgendwo aufgefallen? Das würde ja in Zusammenhang im Umgang mit dem sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ niemanden verwundern – aber im normalen Leben?

Da wird es bald wieder die Stunde von Wahrheiten geben. Sie werden kaum den Hintergrund klären, was sich überhaupt ereignet hat, weder in Köln noch in Paris. Diese Wahrheiten werden Verschärfung des politischen Klimas in unserem Land sein und Angriffe auf demokratische Grundrechte.

Wenn wir das zulassen. Bei allem bereits geschehenem Abbau, auch hinsichtlich unserer Bürgerrechte und auch des Asylrechtes: Wir haben noch Wertvolles zu verteidigen. Und keinen Grund, uns dann damit zufrieden zu geben.

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"Die Stunde welcher Wahrheiten?", UZ vom 15. Januar 2016



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