Die ehemalige TU-Präsidentin Geraldine Rauch musste gehen, weil sie ein Gewinn für die Hochschullandschaft war

Die unbequeme Präsidentin

Als 2022 die erste Frau an die Spitze der Berliner Technischen Universität (TU) gewählt wurde, sollte mit der Mathematikerin und Professorin für Biometrie Geraldine Rauch ein anderer Wind durchs Präsidium wehen. Über fast vier Jahre schaffte es die unter Studierenden und Beschäftigten beliebte Präsidentin, dem Amt eine ganz neue Stimme zu verleihen: Statt Opportunismus und Karriere galt Rauchs Loyalität den Inte­ressen derjenigen an der TU, die dort lernen, lehren, forschen und arbeiten. Das rückte sie ins Fadenkreuz nicht nur der grauen Lehrstuhl-Eminenzen. Auch der schwarz-rote Berliner Senat biss sich an ihr die Zähne aus, immer auf der Suche nach der einen Gelegenheit, um die unbequeme Präsidentin wieder loszuwerden.

Dann kam der Frühsommer 2024: Israels Völkermord an den Palästinensern wütete bereits einige Monate, Zehntausende wurden bis dato ermordet. Die weltweite Welle der Wut, Empörung und Solidarität rollte auch über die Berliner Universitäten hinweg. Während andere Universitätsleitungen sich der verordneten Staatsräson fügten und die Proteste auf ihrem Campus mit Repressionen überzogen, versuchte die TU-Präsidentin eine vermittelnde Rolle einzunehmen. Sie verurteilte die Polizeigewalt, äußerte Verständnis für die Betroffenheit der palästinensischen Studierenden und den solidarischen Protest. Rauch forderte den offenen Diskurs statt Zwangsexmatrikulationen, Maulkorb und Polizeiknüppel.

Zum Verhängnis wurden ihr Ende Mai 2024 jedoch private Solidaritätsbekundungen per Mausklick: Sie hatte mehrere Beiträge auf der Plattform „X“ mit „Gefällt mir“ markiert, die Israel Kriegsverbrechen und Völkermord vorwarfen. Auf einem Foto hielten Demonstranten die Karikatur des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu hoch – darunter zwei Hakenkreuze. Gefundenes Fressen für die Springer-Bluthunde der deutschen Staatsräson, die Rauchs Erklärung bewusst ignorierten, dass ihr „Gefällt mir“ der Forderung im Text nach einem Waffenstillstand in Gaza galt und sie dem Foto keine Beachtung gewidmet hatte,. „Deutschlands umstrittenste Uni-Präsidentin“, titelte die „Bild-Zeitung“, gepaart mit der üblichen Antisemitismuskeule und Rücktrittsforderungen.

Es sei der breite Zuspruch aus der Universität gewesen, der ihr Mut zum Weitermachen gegeben habe, sagte Geraldine Rauch anschließend zu den gut zweihundert Studierenden und Beschäftigten, die ihr auf einer spontanen Solidaritätskundgebung den Rücken stärkten. Vielen an der TU war klar, dass die Vorwürfe nur als Vorwand dienten für diejenigen, „die sich grundsätzlich an der politischen Einstellung von Frau Rauch stoßen“, hieß es in einer Resolution des Studierendenparlaments. Rauch hielt stand und blieb im Amt. Vom Shitstorm blieb eine Disziplinarverfügung, mit der die Senatsverwaltung eine Strafe im vierstelligen Euro-Bereich verhängte. Die TU-Präsidentin klagte dagegen und bekam zwei Jahre später, Ende Mai dieses Jahres, Recht. Ein nachträgliches Geraderücken für eine Präsidentin, die zu diesem Zeitpunkt bereits keine mehr war. Sie verlor ihre Wiederwahl im Dezember vergangenen Jahres. Im Akademischen Senat fehlte ihr mittlerweile der Rückhalt. Die permanenten Angriffe im Hochschulwahlkampf, der über ganz Berlin die Dynamik einer regelrechten Hetzjagd angenommen hatte, zeigten ihre einschüchternde Wirkung.

Die unbequeme Präsidentin blieb allerdings bis zum Ende ihrer Amtszeit im März eine starke Stimme für die Inte­ressen der Studierenden und Beschäftigten ihrer Universität. Noch im Februar, als die Universitätsleitungen zur Unterzeichnung des mit massiven Kürzungen einhergehenden Hochschulvertrags bei der Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) vorgeladen wurden, bewies die scheidende TU-Präsidentin Rückgrat: Sie erschien nicht zur Unterzeichnung und verweigerte damit ihre Unterschrift. Laut Neufassung des Hochschulvertrags muss allein die TU Berlin bis Ende 2028 satte 15 Prozent des eigenen Etats einkürzen. Man werde „sehenden Auges in die Zahlungsunfähigkeit hineinlaufen“, warnte Rauch. Kürzen in diesem Ausmaß heiße, „es trifft die Geringverdienenden und die normalen Beschäftigten – ein absolutes soziales No-Go“, schoss sie bereits ein Jahr zuvor in einem Interview beim Online-Magazin „capital-beat“ gegen den Senat.

Kaum einen Monat nach Rauchs Abgang aus dem Präsidium folgte der infrastrukturelle Super-Gau: Anfang Mai musste das Hauptgebäude der Technischen Universität wegen schwerer Baumängel geräumt und vorläufig gesperrt werden. Dadurch wurden Tausende Studierende in die Online-Lehre verbannt, zahlreiche Büros geräumt und die Türen des Hauptgebäudes der historischen Universität auf unbestimmte Zeit verschlossen. Im Juni folgten die Bibliothek und ein weiterer Standort. Acht Milliarden Euro seien nötig, um sämtliche maroden Gebäude aller Berliner Hochschulen wieder herzustellen, schätzt der Senat. Die Schließung an der TU ist also nur der Anfang.

Geraldine Rauch nutzte ihre Präsidentschaft an der TU, um gegen diese Politik des Kaputtsparens und Runterwirtschaftens vorzugehen. Damit störte sie bei den Kriegsvorbereitungen, die dieser Senatspolitik zu Grunde liegen – auch deshalb musste sie gehen. Ihre gescheiterte Wiederwahl ist ein Verlust – für die TU, für Berlin und darüber hinaus. Ein Gewinn wäre es, wenn sie jetzt, befreit vom politischen Zwangskorsett des Präsidentinnenamtes, als Professorin für Biometrie an der Charité weiterhin unbequem bleibt.

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"Die unbequeme Präsidentin", UZ vom 19. Juni 2026



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