Antje Rávik Strubels Roman „Blaue Frau“, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2021

Die Welt verbessern – aber wie?

Der Deutsche Buchpreis 2021 ging an diesen anspruchsvollen und vielschichtigen Roman, der mich doch traurig zurückgelassen hat. Er baut, eine seiner Besonderheiten, eine anfangs unbestimmte und langsam sich orientierende Erwartung beim Leser auf, die auf zerstörerische Erlebnisse und Erfahrungen der Protagonistin Adina weist, sich jedoch zu einem Bild einer zerrütteten und zerstörten Welt weitet. Die Andeutungen verdichten sich gegen Ende des 1. Teils: „Ich habe Angst, die Erinnerung löscht mich aus.“

Das alles bestimmende Geschehen spielt sich in einundeinhalb Nachtstunden in einer geplanten kulturellen Begegnungsstätte im Oderland ab. Ein ehemaliger NVA-Unteroffizier hat das verwaiste Gut gekauft und will es nicht Westdeutschen überlassen, „denen das Land über Nacht zugefallen war“. Zur Unterstützung gewinnt er den schwäbischen Multiplikator mit dem historisch anmutenden Namen Johann Manfred Bengel, der an die strengen pietistischen Traditionen Johann Albrecht Bengels (1687 bis 1752) erinnert. Von ihm wird Adina, Praktikantin in dieser Einrichtung, vergewaltigt; ihr Leben ist von da an ein anderes und darauf gerichtet, die Tat anzuklagen und Gerechtigkeit zu bekommen.

Parallel zu diesem Geschehen ruft der Roman Literarisches auf, frühzeitig Brechts Seeräuber-Jenny, die auf die Frage der Richter, welche Männer soll man töten, antwortet: Alle. Das deutet das Thema der tief verletzten Frau an. Außerdem werden Dichter von Shakespeare bis Tucholsky genannt, ein Höhepunkt ist das erschütterndste literarische Zitat, das der Roman aufbietet, und das bitterste: „Der Menschheit klagendes Weh“ von Erich Mühsam. Beschrieben werden Blut, Krieg, Leid und Tod und der Verlust aller Rettung. Ilse Aichinger wird genannt und ihre „Spiegelgeschichte“ kann als eines der Muster betrachtet werden, indem von einer tödlichen Erschütterung her zu Anfängen zurückgekehrt wird.

Der Roman wird durch ein Geflecht von Metaphern getragen, das unterschiedliche Themen bedient und für den Leser wertvolle Orientierungen bringt. Dazu gehören „Vogelbeerbaum“, – die Metapher steht für Heimat –, „Mohikaner“ – steht für den Kämpfer –, „Abendsonne/Dämmerung“. Helsinki ist die Stadt der Menschenrechte und „Scharnier zwischen Ost und West“ (Strubel in einem Interview); dorthin ist Adina gekommen, um vor Gericht eine Aussage zu machen, die „ungeheuerlich“ ist. Adina will ihren Vergewaltiger vor Gericht bringen.

Während des Romans weitet sich das individuelle Schicksal des Mädchens, sein Weg und die Vergewaltigung, zum Beispiel eines Schicksals zwischen West und Ost in Europa, aber auch zum Schicksal einer missglückten Vereinigung, auch weil im Osten keine „blühenden Landschaften“ entstehen, sondern wirtschaftliche Ausbeutung herrscht, „alles haben sie sich unter den Nagel gerissen“. Historische und aktuelle territoriale Grenzen werden deutlich, Grenzen im geistigen Verständnis und in der historischen Sicht sind zu ahnen, nicht überwundene politische Grenzen wirken weiter störend und zerstörend. Spezifische Hinweise darauf sind Territorialangaben, Verweise auf europäische Sprachen, besonders das Englische und das Estnische. Selbst die private Beziehung nimmt einen internationalen Charakter an: Alinas zeitweiliger Liebhaber ist ein estnischer Politikwissenschaftler, EU-Abgeordneter und entschiedener Europäer, der jedoch eine gespaltene Persönlichkeit und von estnischem Nationalismus geprägt ist. Aber auch Adina ist gespalten: Zwar ficht sie für Gerechtigkeit, aber zur Sicherung ihres Lebens stiehlt sie wie ein Rabe, auch bei ihrem estnischen Liebhaber.

Der Roman verläuft in zwei Teilen: Das personal erzählte Geschehen um die Tschechin Adina wird kontrastiert mit Szenen zwischen einer Schriftstellerin – einem Alter Ego der Autorin – und einer „blauen Frau“. Wenn sie im Roman auftaucht, „muss die Erzählung innehalten“. Zwischen ihr und der Autorin besteht eine Beziehung der Übereinstimmung, fast einer Identität zwischen einer realen und einer Traumgestalt (Fast „müsste ich glauben, am Ende mir selbst begegnet zu sein“). Die Szenen mit der blauen Frau sind aus der Adina-Handlung herausgenommen und geben das Geheimnis der Beziehung zwischen beiden Gestalten preis: Die reale Ich-Erzählerin in den Szenen mit der blauen Frau lebt ein Leben in sozialer Spannung und klagt Unmenschlichkeit an; die blaue Frau ist ihr illusionäres Gegenbild ohne soziale Kontakte, dafür verbunden mit der Unendlichkeit des Meeres. Im Nachdenken über die blaue Frau kommt die Ich-Erzählerin zu der Einsicht, glauben zu müssen, „am Ende mir selbst begegnet zu sein“. Während die reale Gestalt sich durchaus als „politische Autorin“ fühlt und sich für die Gegenwart interessiert, ist sie durch die blaue Frau auf den Zugang zu der Unendlichkeit angewiesen, um Lebensziele zu konzipieren. Dazu gehört auch die gleichgeschlechtliche Liebe, die mehrfach thematisiert wird.

Zum metaphorischen Hintergrund der blauen Frau gehört das mehrfach beschriebene „blaue Label“ mit Frau auf der oft benötigten Schnapsflasche, die oft beschworene Abendstunde, der Sonnenuntergang, die blaue Stunde, in der sich die beiden „in einem Hafen“ treffen. 2005 wurde die feministische Theatergruppe „Blaue Frau“ gegründet, die sich dem Thema Sozialkritik verpflichtet und unter anderem auch die Nordische Workshopreihe Blaue Frau (2015 bis 2018) organisiert hat.

Adinas Versuch, Gerechtigkeit zu bekommen, Recht zu erhalten, scheitert: Da gerichtlich nichts vorliege, sei es kein juristischer Fall und „sexuelle Fehltritte unterliefen den Besten“. Adina will ihren Vergewaltiger deshalb ermorden, lässt aber diesen Racheakt fallen. Sie und die blaue Frau sind zu einer Einheit geworden, in der auch Adina aufgegangen ist. Auf die Frage der Ich-Erzählerin, warum die blaue Frau den Vergewaltiger nicht getötet habe, antwortet sie: „Warum ich?“ Gerechtigkeit ist am Ort der Menschenrechte, in Helsinki, nicht möglich. Obwohl Adina alles hinter sich gelassen hat, um Gerechtigkeit zu bekommen, obwohl sie Leistungen dafür erbringt und Konflikte durchsteht, bleibt sie zerstört.

Strubel kennt, so ist anzunehmen, Hermann Kasacks „Stadt hinter dem Strom“ (1947) ebenso – Helsinki wird zu dieser Stadt, nunmehr in Friedenszeiten, die Züge der Kriegsschrecken tragen. Sie hat Romane der Autorin Joan Didion übersetzt, was nicht ohne Folgen für ihren Roman blieb, in dem Didion auch genannt wird. Deren Roman „Blue Nights“ (2011), den Strubel 2012 unter dem Titel „Blaue Stunde“ übersetzte, zeigt die Nähe der beiden Autorinnen. Manches erinnert an Werke Christoph Heins, das Geschehen im Oderland vor allem an dessen Komödie „Randow“ (2002).

Die Auszeichnung dieses Romans mit dem Deutschen Buchpreis setzt eine Linie fort, zu der auch Lutz Seilers „Kruso“ (Deutscher Buchpreis 2014) gehört, mit dem der Roman Ähnlichkeit in der Gestaltung hat, vor allem im Verschwimmen von realer und fiktiver Welt, die sich problemlos überlagern. Und diese Auszeichnungen sind letztlich eine notwendige Korrektur zur Vergabe des Preises an Uwe Tellkamps „Der Turm“ (Deutscher Buchpreis 2008).

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau. S. Fischer Verlag 2021, 429 S., 24, – Euro

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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Die Welt verbessern – aber wie?", UZ vom 3. Dezember 2021



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