Ein zwiespältiger Film aus dem Iran

Doch das Böse gibt es nicht

Seit mehr als zwei Jahrzehnten haben ein rundes Dutzend Regisseure das iranische Kino zu neuer Blüte geführt mit zahlreichen Festivalpreisen weltweit, aber oft ohne entsprechende Wertschätzung seitens ihrer Regierung – was sie postwendend bei den Festivalchefs noch begehrter machte. Die Zensurpraxis unter dem Schahregime war auch nach der Revolution streng geblieben und trieb die ersten großen Namen ins Exil. Abbas Kiarostami ging nach dem Streit um seinen Welterfolg „Quer durch den Olivenhain“ ins Exil nach Paris, wo er 2014 starb. Danach zog es auch Berlinale-Sieger Asghar Farhadi („Nader und Simin – Eine Trennung“) vor, seine Filme lieber im westlichen Ausland zu drehen. Andere folgten oder wandten sich dem unverfänglicheren Kinderfilm zu wie Majid Majidi oder der vielseitige Jafar Panahi, ein langjähriger Regieassistent Kiarostamis, der mit Filmen wie „Der Kreis“ oder dem Fußballfilm „Abseits“ brillierte. Er und viele, die sich nicht anpassen wollten, wurden vom Staat mit Ausreise- und Arbeitsverboten belegt; sie versuchten, für ihre Projekte heikle Szenen heimlich in Autos oder Taxis zu drehen oder mit anderen, oft schlitzohrigen Tricks die Zensur zu umgehen.

Ihr radikalster Vertreter wurde Mohammad Rasulof, der Regisseur des jetzt bei Grandfilm auch als DVD erhältlichen Episodenfilms „Doch das Böse gibt es nicht“, mit dem er 2020 den Goldenen Bären der Berlinale gewann. Da er selbst zum Festival nicht anreisen durfte, erläuterten in der Pressekonferenz die Produzenten die Drehbedingungen, die im Endprodukt deutlich Spuren hinterlassen haben: Weil man keine Chance sah, für das Gesamtprojekt eine Drehgenehmigung zu erhalten, meldete man vier Kurzfilme unter falschen Namen und mit verschiedenen Drehorten an, die dann inhaltlich ein Ganzes bilden sollten. Generalthema: die im Iran in großer Zahl vollzogenen, aber in der Öffentlichkeit eher tabuisierten Hinrichtungen.

Typisch für Rasulofs unverblümten Widerstand gegen die Zensur ist schon die erste und bei weitem beste der vier Episoden: Ihre Hauptfigur Heshmat, ein braver Familienvater, verbringt einen wenig aufregenden Tag mit Frau, Kind und Oma. Alles Alltag. Dann ruft ihn um drei Uhr früh der Wecker zum Rekrutendienst in eine Kaserne. Auch der verläuft unspektakulär in einer Art Bunker mit Gemüseputzen und Knöpfebedienen – und dem vermutlich brutalsten „jump cut“ der Filmgeschichte, der Heshmat als angepassten Henker entlarvt und sich auf ewig ins Zuschauergedächtnis einbrennen wird.

Wie benommen, ja betäubt von dieser Schockbehandlung erlebt man dann die restlichen drei Episoden quasi als Fingerübungen im Genrekino. Alle handeln von Menschen, die mit mehr oder weniger Skrupeln dem Hinrichtungsregime dienen oder gedient haben, und Rasulof gestaltet sie nacheinander als Fluchtthriller, als philosophisches Traktat oder als missglücktes Melodram, wobei Kameramann Ashkan Ashkani das breite Format immer wieder zu spektakulären Landschafts­totalen nutzt. Dazu kommt das grundsätzliche Dilemma der Episodenform: Die wechselnden Handlungsebenen, Besetzungen und Schauplätze lassen den einzelnen Darstellern – Frauen kommen kaum vor – kaum Zeit, Profil oder gar Zuschauersympathien zu gewinnen. Die moralischen Konflikte der Handelnden sind dadurch oft schwer nachzuvollziehen, und der eben beschriebene Stilmix dürfte die Verständnisprobleme in einem landesunkundigen Publikum noch verschärfen. Die Endfertigung des Films fand in Hamburg statt, wo der Regisseur eine Zweitwohnung hat und wo auch seine Tochter lebt, für die er in der letzten Episode eine Rolle fand: Als junge Stimme aus dem Hamburger Exil zwingt die junge Darya ihren Onkel Baram, sich seiner verdrängten Vergangenheit zu stellen.

Grundtenor aller Teile bleibt die Entscheidung zwischen Anpassung und Widerstand, fokussiert auf die Frage, inwieweit staatlicher Druck oder Zwang unmoralische Handlungen wie Hinrichtungen rechtfertigen können. Pouya, die Hauptfigur der zweiten Episode, will sich diesem Druck durch Flucht aus der Kaserne entziehen, um seine Freundin zu treffen. Seine Kameraden beruhigen ihr Gewissen mit der Überzeugung, ihre Opfer hätten die Strafe wohl verdient. Man bagatellisiert die Hinrichtungen als „den Stuhl wegziehen“, für das es drei Tage Sonderurlaub gibt. Oder man setzt auf die Vergesslichkeit wie Daryas Onkel und verdrängt geschehene Taten, bis Darya ihre Anklage mit der Laxheit westlicher Jugend hoch über der Hauptstadt Teheran in ihr einstiges (oder aktuelles?) Heimatland wirft. Ein verbittertes, wütendes Pamphlet, das unter anderen Bedingungen ein Meisterwerk hätte werden können.

Doch das Böse gibt es nicht
Regie: Mohammad Rasulof
Deutschland, Tschechische Republik, Iran 2020
Auf DVD oder gebührenpflichtig bei YouTube

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Über den Autor

Hans-Günther Dicks (Jahrgang 1941), Mathematiklehrer mit Berufsverbot, arbeitet seit 1968 als freier Film- und Medienkritiker für Zeitungen und Fachzeitschriften, für die UZ seit Jahrzehnten.

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"Doch das Böse gibt es nicht", UZ vom 17. Dezember 2021



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