Zum Tarifergebnis in der Chemie- und Pharmaindustrie

Echter Pilotabschluss

Drei lange Tage und Nächte habe man verhandelt, hieß es von Ralf Sikorski, der für die IG BCE den Tarifabschluss in der Chemie- und Pharmaindustrie verkündete. Und er sah bei der Pressekonferenz wirklich müde aus. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass die „Sozialpartner“ trotz schneller Einigung bis spätnachts am Verhandlungsort rumlungerten. Es sieht ja irgendwie doof aus, wenn die Verhandlungsführer frisch und munter nach kurzer Verhandlung die Ergebnisse präsentieren. Diese Einigung aber ist ein echter Pilotabschluss, zumindest für das Kapital: Sonderzahlungen statt tabellenwirksamer Lohnerhöhung, lange Laufzeit und weit unter der Inflation.

„Sozialpartner, die es richtig machen“ – lautete denn auch eine Überschrift der „FAZ“. Zum Januar 2023 und 2024 werden die Löhne um je 3,25 Prozent erhöht. Das „tarifliche Inflationsgeld“ nutzt das „Angebot“ der Bundesregierung, dass Unternehmen bis zu 3.000 Euro steuer- und abgabenfrei zahlen können, voll aus. Das Ganze kann man dann mit viel Kreativität und bösem Willen in Summe zu einer Lohnerhöhung von bis zu 15,64 Prozent für die 580.000 Beschäftigten verklären. Und das tut die Presseabteilung der IG BCE leider auch.

Der Bundesarbeitgeberverband Chemie rechnet nüchterner: „Die Beschäftigten erhalten 3,25 Prozent mehr Entgelt ab Januar 2023 sowie weitere 3,25 Prozent ab Januar 2024. Beide Stufen der Entgelterhöhung sind flexibilisiert; sie können aus wirtschaftlichen Gründen jeweils um bis zu drei Monate verschoben werden.“ Zusätzlich ein „einmaliges“ Inflationsgeld, das in zwei Tranchen von je 1.500 Euro ausgezahlt werde. „Die Laufzeit des Tarifvertrages beträgt 20 Monate, inklusive der Brückenlösung vom April sogar 27 Monate.“

3,25 Prozent im Jahr bei einer Inflationsrate von etwa 10 Prozent und Nullmonaten in 2022. Da müssen die Kollegen nicht lange rechnen, um zu wissen, dass es um einen massiven Reallohnverlust geht. In den „Sozialen Medien“ hagelt es Austrittsdrohungen. Das macht die Sache nicht besser – im Gegenteil.

Die IG BCE ist bisher nicht bereit oder fähig, für Streiks zu mobilisieren. Das Tarifergebnis zeigt, was ohne Streiks derzeit herauszuholen ist. Wer Reallohnverlust verhindern will muss hart dafür kämpfen – nicht nur am Verhandlungstisch.

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Über den Autor

Lars Mörking (Jahrgang 1977) ist Politikwissenschaftler. Er arbeitete nach seinem Studium in Peking und war dort Mitarbeiter der Zeitschrift „China heute“.

Mörking arbeitet seit 2011 bei der UZ, zunächst als Redakteur für „Wirtschaft & Soziales“, anschließend als Verantwortlicher für „Internationale Politik“ und zuletzt – bis Anfang 2020 – als Chefredakteur.

 

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"Echter Pilotabschluss", UZ vom 28. Oktober 2022



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