In der Tarifrunde Stahl fordert die IG Metall erstmals in einer ­Flächentarifrunde eine ­Wochenarbeitszeit von unter 35 Stunden

Es ist an der Zeit

Bella Gruber

Neben 8,5 Prozent mehr in der Tabelle fordert die IG Metall die 32-Stunden-Woche. Die Forderungen werden in der Belegschaft kritisch diskutiert. Dennoch ist die Kampfbereitschaft nach mäßigen Abschlüssen in den letzten Jahren an vielen Standorten der Stahlindustrie hoch. UZ sprach mit der Beschäftigten Anna Siegert (Name redaktionell geändert) bei Thyssenkrupp über die Forderungen der Gewerkschaft und die Situation der Beschäftigten dort.

UZ: Bisher stellt sich die Arbeitgeberseite in der Tarifrunde quer. Vor allem zur Forderung der Arbeitszeitverkürzung verhält sie sich gar nicht. Wie wird diese Forderung denn bei den Kollegen diskutiert?

Anna Siegert: Das wird heiß diskutiert. Grundsätzlich haben wir Wahlarbeitszeit. Das heißt, wir können uns aussuchen, wie viele Stunden wir bezahlt kriegen möchten, und kriegen für die Stunden, die wir nicht bezahlt bekommen, Arbeitszeitverkürzungstage. Die würden mit der Vier-Tage-Woche je nach Modell wegfallen. Deswegen sind manche Kollegen eher gegen die Vier-Tage-Woche, nicht aus prinzipiellen Gründen. Doch wird darüber überall gut diskutiert, und an anderen Standorten wird diese Forderung auch sehr positiv aufgenommen.

Manche Kollegen sagen, wir brauchen jetzt erst mal noch keine Vier-Tage-Woche, sondern vor allem Geld in der Tabelle, weil wir uns keine Lebensmittel leisten können. Vier-Tage-Woche mit 32 Stunden Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich ist super, keine Frage. Die Diskussion ist eher: Ist das jetzt der falsche Zeitpunkt für diese Forderung?

UZ: In den letzten drei Jahren haben alle großen Konzerne Stellen abgebaut. Mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung will die IG Metall absehbarem weiteren Stellenabbau entgegenwirken. Ist dann nicht genau jetzt der richtige Zeitpunkt für die Forderung?

Anna Siegert: Die IG Metall hatte eine Hochrechnung für die nächsten zehn Jahre gemacht. Demnach werden in ungefähr fünf bis acht Jahren Leute früher in den Ruhestand geschickt. Um das zu vermeiden, müssen wir an die Wochenstunden rangehen und die verkürzen, und zwar bei vollem Lohnausgleich. Sonst kann es passieren, dass die Konzerne sich auf verkürzte Arbeitszeit einlassen, aber entsprechend weniger zahlen. Dass die IG Metall die Frage der Arbeitszeitverkürzung heute aufwirft, ist gut.

UZ: Was sagen denn die in der Produktion tätigen Beschäftigten? Wer harte körperliche Arbeit leistet, im Schichtdienst noch dazu, für den ist Entlastung doch ein wichtiges Argument.

Anna Siegert: Bei den Mitarbeitern dort sieht es gemischt aus. Die einen finden es gut, dass diese Forderung jetzt erhoben wird. Andere finden, es ist zu früh. Das Problem für alle ist, das wir nicht wissen, wie das umgesetzt werden soll. Je nachdem kann das für körperlich arbeitende Kollegen eine große Entlastung sein.

UZ: Was würdest du mit deinen drei Stunden Extrafreizeit anfangen, wenn sie durchgesetzt werden?

Anna Siegert: Ich würde meinen Wohnungsputz vorziehen, damit ich am Wochenende komplett frei habe.

UZ: Man braucht das Wochenende schließlich für Erholung von der Arbeit. Bei den Kolleginnen und Kollegen mit Kindern würden drei Stunden pro Woche einen erheblichen Unterschied machen.

Anna Siegert: Ich kenne Teilzeitbeschäftigte, die schon überlegen, in Vollzeit zu gehen, wenn eine richtige 32-Stunden-Woche kommt. Die Stundendifferenz wäre dann nicht mehr hoch. Ich habe eine Kollegin, die geht von Montags bis Donnerstags sechs Stunden am Tag arbeiten. Kommt die 32-Stunden-Woche, sagt sie, bleibe ich doch lieber ein paar Stunden länger pro Tag und habe trotzdem ein dreitägiges Wochenende.

UZ: In der Diskussion um Arbeitszeitverkürzung hört ihr sicherlich oft Sätze wie „Ihr wollt nicht arbeiten“, „Ihr seid faul“ oder in Bezug auf die Lohnforderungen Vorwürfe wie „Die Forderung ist viel zu hoch, das werden wir nicht zahlen“. Wie reagiert ihr auf solche Vorwürfe der Arbeitgeberseite?

Anna Siegert: Da lache ich drüber. Wenn der Arbeitgeber eine Vier-Tage-Woche haben möchte, dann geht das. Wenn wir sie wollen, mit vollem Lohnausgleich, geht es nicht. Bei den Prozenten ist es ähnlich. Jedes Jahr die gleiche Reaktion – das ist nichts Neues. Die Abschlüsse der letzten Jahre waren ziemlich mäßig. Mein Chef zum Beispiel ist selbst IG-Metall-Mitglied und sagt: warum haben wir nicht mehr gefordert? Jeder Standort macht eine Vollversammlung mit allen Vertrauensleuten der IG Metall. An jedem Standort von Thyssenkrupp wurden die Forderungen unterschiedlich diskutiert. Manche haben zweistellige Forderungen aufgestellt, wurden dann aber von der Tarifkommission auf 8,5 Prozent gesetzt.

UZ: Wenn die Beschäftigten mehr fordern, warum setzt die Tarifkommission dann auf 8,5 Prozent?

Anna Siegert: Die Tarifkommission setzt sich aus Beschäftigten vieler verschiedener Firmen zusammen, von großen Konzernen und kleinen Betrieben. Jeder macht einen Vorschlag, dann wird über die Höhe der Forderung diskutiert. Es sind einfach die Unterschiede zwischen den Firmen in der Tarifrunde: Es gibt Firmen, die könnten ohne Probleme mehr geben als 8,5 Prozent, und andere, die sich vielleicht gerade mal 4 Prozent leisten können.e

UZ: Wie haben die Kolleginnen und Kollegen reagiert, die deutlich mehr gefordert hatten?

Anna Siegert: Gar nicht gut. Von vielen hört man, dass sie nicht an den Warnstreiks teilnehmen wollen, weil sie nicht hinter der Forderung stehen.

UZ: Ende letzter Woche endete die Friedenspflicht und zumindest beim Tarifauftakt in Duisburg am Donnerstag klangen die Reden sehr kämpferisch. Sogar 24-Stunden-Streiks wurden angekündigt, ein Novum für die IG Metall. Wie habt ihr euch auf die Tarifrunde vorbereitet?

Anna Siegert: Die IG Metall ist sehr kampfbereit. Unter den Kollegen ist das leider unterschiedlich. Einige sagen, sie unterstützen die Forderungen nicht. Andere sagen, sie kommen auf jeden Fall. Ich bin gespannt, wie der erste Warnstreik laufen wird. Für den geplanten 24-Stunden-Streik gibt es schon ein Datum, wir bereiten ihn vor. Ob er überhaupt stattfindet, ist noch nicht klar. Davor sind nämlich noch zwei Verhandlungen. Ich hoffe es sehr, denn so eine Streikaktion habe ich noch nicht miterlebt. Das letzte Mal, dass in einer Stahlbude richtig gestreikt wurde, ist, glaube ich, knapp 35 Jahre her. Das muss in den 80er Jahren gewesen sein, als Thyssenkrupp Hoesch übernommen hat.

UZ: Woher kommt die jetzige Kampfbereitschaft? Was ist an dieser Tarifrunde anders?

Anna Siegert: Das hat tatsächlich nichts mit der jetzigen Runde zu tun. Wir waren schon zur letzten kampfbereit. Da war auch alles durchgeplant, dann kam die Einigung kurz vor der Urabstimmung. Es ist einfach wieder an der Zeit, weil sich seit Jahrzehnten nichts geändert hat. Wenn man nach der Geschichte geht, kam alle paar Jahre eine Arbeitszeitverkürzung. Doch die letzte ist mindestens drei Jahrzehnte her. Und abgesehen davon: Das Arbeitsverhältnis ändert sich. Die junge Generation möchte eine bessere Work-Life-Balance haben, mehr Home-Office, mehr Freizeit und damit mehr Zeit für Hobbys und Ehrenamt. Auch die Stahlindustrie muss auf diesen Zug aufspringen, wenn sie Zukunft haben möchte. Das ist meine Meinung.

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"Es ist an der Zeit", UZ vom 8. Dezember 2023



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