Zur Asienreise und zum China-Besuch des russischen Außenministers

Freundschaft und Kooperation

Die internationale Krise, die sich seit einigen Monaten zwischen Russland und den US/EU/NATO-Staaten entwickelt hat, hat immer mehr den Charakter eines großen Machtkampfes zwischen den Staaten der Eurasischen Kooperation und dem US-geführten „Westen“ angenommen. Dieser Machtkampf, in dem es von US-Seite im ersten Schritt um die Ruinierung Russlands und um die erneute Unterordnung der europäischen und asiatischen Vasallen unter die Vorherrschaft des US-Imperiums geht und im zweiten Schritt um die Ruinierung des eigentlichen Herausforderers, der Volksrepublik China, hat mehr und mehr globale Dimensionen angenommen. Es geht von westlicher Seite nicht nur um das Überleben des US-Imperiums, sondern auch um das Überleben des US-Dollars als Leit- und Reserve-Währung und um das Überleben des neoliberalen Verwertungsmodells.

Die US-„Diplomatie“ hatte sofort nach Kriegsbeginn eine extreme Kampagne zur Unterstützung ihrer Anti-Russland-Front begonnen und viele Staaten massiv unter Druck gesetzt, damit sie der entsprechenden Resolution in der UN-Vollversammlung zustimmen. Es hatte sich im Verlauf gezeigt, dass viele Staaten, die zunächst einen neutralen Standpunkt eingenommen hatten, ja selbst nicht wenige von jenen, die für eine Verurteilung Russland gestimmt hatten, nicht bereit waren, den von den USA inszenierten Sanktionskrieg mitzumachen. Damit entstand ein enormer Abstimmungs- und Klärungsbedarf und auf die russische Diplomatie kamen große Aufgaben zu.

Russlands Chefdiplomat Sergei Lawrow war schon am 22. März zu einem zweitägigen Treffen mit Chinas Außenamtschef Wang Yi in China zusammengetroffen. Bevor er am 1. April mit Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar in Neu-Delhi zusammentraf, hatte er die Chefdiplomaten Chinas, Irans, Pakistans, Tadschikistans, Turkmenistans und Usbekistans und Afghanistans im ostchinesischen Tunxi getroffen. Dieses Treffen hatte vornehmlich der Integration Afghanistans in die eurasische Kooperation gegolten. Hier wurde eine enge Abstimmung der eurasischen Staaten deutlich. Nach Auffassung Lawrows ist der „Westen“ der Verursacher der menschlichen Tragödie und des ökonomischen Desasters in Afghanistan. Bekanntlich reichte es Washington nicht, das Land über einen Zeitraum von zwanzig – man könnte auch sagen, vierzig – Jahren nach Kräften ruiniert zu haben. Es hat auch noch die Guthaben der afghanischen Zen­tral­bank in Höhe von 9 Milliarden US-Dollar gestohlen, ganz ähnlich wie nun auch die Guthaben der russischen Zentralbank. Nach Zahlen der Weltbank sind über 70 Prozent der afghanischen Haushalte nicht in der Lage, die notwendigen Lebensmittel oder die Dinge des täglichen Lebens bereitzustellen. Die UN fürchtet, dass der Hunger 39 Millionen afghanische Menschen bedrohen wird.

Die eurasischen Diplomaten unterzeichneten in Tunxi unter anderem die „Tunxi Initiative der benachbarten Staaten von Afghanistan zur Unterstützung des ökonomischen Wiederaufbaus und der praktischen Kooperation mit Afghanistan“. Nach Worten der „Global Times“ kann das Meeting beschrieben werden als „kollektive Demonstration von Afghanistans Nachbarn, ihr Möglichstes zu tun, ihre Ressourcen zu bündeln und zu koordinieren, um die Unterstützung und Hilfestellung für Afghanistan zu verbessern“. Die Erwartung der Nachbarn ist, dass Afghanistan in die asiatische Familie als ein gleichberechtigtes Mitglied der internationalen Gemeinschaft zurückkehren wird.

Zeigte das Treffen in Tunxi schon deutlich, dass es für die eurasischen Staaten wichtige Themen außerhalb der von den USA vorgegebenen Kriegs- und Sanktionsagenda gibt, wichtige Felder einer humanitären und gleichzeitig strategisch-ökonomischen Zusammenarbeit, so war das Treffen in Guilin von großem Vertrauen geprägt. Wang Yi empfing Lawrow mit den Worten „Ich bin sehr erfreut, meinen alten Freund Sergei Lawrow aus Russland hier treffen zu können.“ Von einem neuen Modell internationaler Beziehungen war die Rede. Von einem Aufruf, jeder solle sich gegen jede Form unilateraler Sanktionen wenden. Auch in den folgenden Statements in der Pressekonferenz kam diese herzliche Übereinstimmung immer wieder zum Ausdruck. Washington hatte seit mehr als einem Monat wiederholt versucht, die Führung in Peking zu einer Frontstellung gegen Russland zu veranlassen. Ohne Erfolg, wie man in Guilin nun wieder feststellen konnte. Man hatte eher den Eindruck, zwischen Lawrow und Wang passt kein Blatt Papier.

Die US-amerikanischen Spaltungsversuche zeugen von einem geradezu abenteuerlichen Realitätsverlust. Es ist für China und Russland von existentieller Bedeutung, an ihrer weitgehenden Kooperation und Freundschaft festzuhalten. Nur so haben sie eine Chance, gegen die immer wütenderen und aggressiveren Angriffe Washingtons bestehen zu können. Wer wüsste das besser als Sergei Lawrow und Wang Yi?

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"Freundschaft und Kooperation", UZ vom 8. April 2022



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