Mit Gropius und Meyer stießen am Bauhaus zwei Konzepte aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten: Luxus oder Volksbedarf

Gestaltung und Klassenfrage

„Volksbedarf statt Luxus“ – so oder so ähnlich könnte es aktuell auf Transparenten in hauptstädtischen oder anderen Wohnungs- und Mietenkämpfen heißen. Die Parole ist aber 100 Jahre alt und war die pädagogische und politische Leitlinie des zweiten Direktors im Bauhaus, Hannes Meyer. Der erste Direktor der Ausbildungsstätte war der Architekt Walter Gropius, der das Bauhaus 1919 in Weimar gegründet hatte und bis 1928 leitete. Er suchte vor allem die Kooperation unter Leitung der Künste als Grundlage für das moderne Bauen. Das Aufeinandertreffen von Gropius und Meyer und ihrer sozialen Konzeptionen in den gesellschaftlichen Umbrüchen der Zwischenkriegsjahre ist Andreas Hartle Anlass zu seiner Arbeit „Luxus oder Volksbedarf. 100 Jahre Bauhaus – Gestaltung und Klassenfrage“.

Das Bauhaus war in den golden genannten zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eigens mit dem Ziel installiert worden, den chaotischen Folgen der gewaltigen (und gewalttätigen) Umbrüche der Produktivkräfte gesellschaftlich angemessene Form und produzier- wie konsumierbare Gestalt zu geben. Dieser Anspruch brach in die handwerkliche Tradition der Baukünstler ein, die die Ausbildungsstätten bis dahin bestimmt hatten und nicht mehr in der Lage waren, den wachsenden Massenbedarf im Siedlungs- und Wohnungsbau zu sichern und ihm neuen Inhalt und dem entwickelten Niveau der Produktivkräfte angemessene Gestalt zu geben.

Ästhetik ist keine Verhandlungssache

Architekt Hannes Meyer um 1940 (Foto: Oslo Museum / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0)

Wer heute keine Wohnung hat, eine sucht und eine findet, hat Fragen an den Vermieter zu Miete und Nebenkosten, zum Zustand, zu Voraus- und Abstandszahlungen, zum ÖPNV-Anschluss und zum Kiez. Die Gestaltung des Hauses und der Wohnung gehört nicht dazu – Ästhetik ist keine Verhandlungssache. Sie gehört dem Vermieter und spiegelt Eigentumsverhältnisse wider. Einerseits wird denkbar hoher Luxus fürs Eigene hergestellt und andererseits sollen Mindestausstattungen fürs zu Vermietende reichen. Bei dem notorisch verunsicherten Bewusstsein über die Klassenlagen ist die Gestaltung, die „Architektur“, uneindeutig geworden – die „Villa“ als Bautyp gibt auch schon mal die Hülle für ein Dutzend Kleinwohnungen oder für ein elendes Massenquartier und die „Laube“ als Bautyp verbirgt schon mal die Drittwohnung eines Vermögenden oder seine Aussteigerhöhle mit perfektem Home-office. Die Unsicherheit gegenüber Gestaltungsfragen wirkt umso mehr, als Planung und Produktion der gebauten Umwelt in der Regel nichts mehr mit den sie brauchenden Menschen zu tun haben, sondern in die Logik von Tauschwert produzierenden privaten und öffentlichen Unternehmen gegeben wurden.

Gropius und Meyer als aufeinander folgende Direktoren des Bauhauses bestimmten aus je eigenem künstlerischen, beruflichen und politischen Werdegang die Entwicklung der Ausbildungsstätte, ihre Leitgedanken und Ziele, die Studiengänge und Lehrpläne. Beide suchten inhaltlich Abstand vom weitverbreiteten Handwerk und der Manufaktur im Wohnungs- und Städtebau und den Anschluss an die „moderne“ industriemäßige Produktion. Beide verbanden damit soziale Ansprüche und gesellschaftliche Ziele, insbesondere für den ‚neuen‘ Wohnungsbau.

Gropius geht in die USA

Walter Gropius entstammte der Bourgeoisie mit ihrem elitären Kunst- und Kulturanspruch, für die er zunächst Unikate, vor allem standesgemäßes Eigentum für Bauherrschaften unterschiedlicher Stilwünsche, entworfen und hatte bauen lassen, schließlich auch unter Verwenden maschinell hergestellter Bauteile und in zunehmend „bauhäuslicher“ Formensprache. Das klassische Atelier des Meisters neben der Ausbildungsstätte führte solche Aufträge möglichst getreulich im je geforderten Stil aus – der so erreichbare Tauschwert und die Qualität der Gestaltung bildeten eine eigene dialektische Einheit. Für ihn wurde es folgerichtig, dass er, zur Emigration gezwungen, das Bauhaus in Richtung England und USA verließ und im Prinzip „the new bauhaus“ mitnahm, das sich von dort aus weltweit, „global“ ausbreiten sollte.

Meyer zieht es in die Sowjetunion

Der Schweizer Kommunist Hannes Meyer kam aus dem genossenschaftlichen und gewerkschaftsnahen Siedlungsbau, in dem er das Typisieren und Standardisieren von Grund auf „gelernt“ hatte für Planungs- und Bauprozesse, Grund- und Aufrisse, Bauteile und Details. Für sie suchte er die Massenproduktion, um über sie die vorhandene und erwartbar immer noch wachsende Wohnungsnot der Arbeiterklasse zu mindern und Wohnraum vor allem für „Genossinnen und Genossen“ zu schaffen, zu organisieren und zu gestalten. Das Anwenden der Wissenschaften, das Erforschen der sozialen Beziehungen der Menschen, das Analysieren und Nutzen der verfügbaren Technologien, das Beachten der Umweltbedingungen bestimmten das kollektive Entwerfen und Konstruieren in Laboren und Werkstätten. Der so herstellbare Gebrauchswert und die Qualität der Gestaltung gingen hier eine andere dialektische Einheit ein. Für ihn wurde es folgerichtig, dass er nach dem „Rauswurf des Kommunisten“ 1930 – nach nur zwei Jahren am Bauhaus – aus seinem Amt mit einem Kreis von studierenden und ausgebildeten Planerinnen und Planern und Ingenieurinnen und Ingenieuren in die Sowjetunion ging, um sich am Aufbau des sich dort entwickelnden Sozialismus zu beteiligen.

Aus der langen und widersprüchlichen Geschichte des Planens und Bauens hat Andreas Hartle diesen kurzen historischen Moment herausgenommen, in dem zwei soziale und gesellschaftliche Konzepte aufeinander stießen, wie sie unterschiedlicher und ausgeprägter das Baugeschehen und den Städtebau, die soziale und kulturelle Praxis nicht bestimmen konnten – „Luxus oder Volksbedarf“. Zum Abschluss des Veröffentlichungstaumels zu 100 Jahre Bauhaus, der vor allem die äußerlichen, erfolgreichen, tauschwertgewichtigen Merkmale seiner Rekonstruktionen feierte, setzt er mit seinem roten Bändchen, erschienen beim Verlag Ossietzky, eine marxistische Gegenposition: „100 Jahre Bauhaus – Gestaltung und Klassenfrage“.

Gebrauchswert für die Arbeiterklasse

Andreas Hartle, selbst Kommunist und Architekt, besteht auf dem Schaffen von unmittelbaren Gebrauchswerten, insbesondere mit Blick auf die Klasse der Arbeitenden und der zu ihr gehörenden Menschen. Für sie vor allem sind das erreichte Niveau der Produktivkräfte, das technisch, ökologisch und ökonomisch Machbare, die historisch erreichten Standards für das Wohnen bereitzustellen, in ihren Funktionen weiter zu entwickeln und gegen Ausbeutungsinteressen am Massenwohnungsbau durchzusetzen – in den Ergebnissen bestimmen sie so auch die Gestaltung.

Bald wird die langjährig genutzte „Karl-Liebknecht-Schule“ in Leverkusen eine Rundumerneuerung erfahren haben. Arbeiterinnen und Arbeiter hatten das Haus zu Beginn der 1930er Jahre für ihre Bedürfnisse – ganz im Sinn von Hannes Meyers Bauhauslehre – errichtet. Nun setzten Facharbeiterinnen, Facharbeiter und Laien, auch der Architekt Hartle, viele Arbeitsstunden für ihre Schulungsstätte ein und entwickelten aus materiellen Spenden das nach 90 Jahren notwendig Neue innen und außen. Dabei wurde mit den Beratungen über Funktionen und Ausstattungen gewiss auch über Gestaltung und Architektur des Hauses diskutiert. Das rote Heft von Andreas Hartle könnte Material werden für eine Schulung „Gestaltung und Klassenfrage“ – für Bauleute, Kommunalpolitik, Wohnungs- und Siedlungskämpfe und die Geschichte der Arbeiterbewegung.


bauhaus und gesellschaft

wir erkennen
in jeglicher lebensrichtigen gestaltung
eine organisationsform des daseins.
wahrhaft verwirklicht
ist jede lebensrichtige gestaltung
ein reflex der zeitgenössischen gesellschaft.
bauen und gestalten sind eins,
und sie sind ein gesellschaftliches geschehnis.
als eine ‚hohe schule der gestaltung‘
ist das bauhaus dessau kein künstlerisches,
wohl aber ein soziales phänomen.

als gestalter
ist unsere tätigkeit gesellschaftsbedingt
und den kreis unserer aufgaben schlägt die gesellschaft.
fordert nicht heute unsere gesellschaft
tausende von volksschulen, volksgärten, volkshäusern?
hunderttausende volkswohnungen??
millionen von volksmöbeln???
arbeiten heißt
unser suchen nach der harmonischen daseinsform.
wir suchen
keinen bauhausstil und keine bauhausmode,
keine modisch-flache flächenornamentik
horizontal-vertikal geteilt und neoplastisch aufgepäppelt.
wir suchen
keine geometrischen oder stereometrischen gebilde,
lebensfremd und funktionsfeindlich …

die neue baulehre
ist eine erkenntnislehre vom dasein.
als gestaltungslehre
ist sie das hohelied der harmonik.
als gesellschaftslehre
ist sie eine strategie des ausgleichs.
der kooperationskräfte und der individualkräfte.
innerhalb der lebensgemeinschaft eines volkes.
diese baulehre ist keine stil-lehre.
sie ist kein konstruktivistisches system,
und sie ist keine mirakellehre der technik.
sie ist eine systematik des lebensaufbaues,
und sie klärt gleicherweise die belange des
physischen, psychischen, materiellen, ökonomischen.

sie erforscht, begrenzt und ordnet die kraftfelder
des einzelmenschen, der familie und der gesellschaft.
ihre grundlage ist die erkenntnis des lebensraumes
und das wissen um die periodizität des lebensablaufs.
die seelische distanz ist ihr so wichtig
als der in metern meßbare abstand.
ihre gestaltungsmittel sind – bewußt angewendet –
die ergebnisse der biologischen forschung.
weil diese baulehre lebensnah ist,
sind ihre thesen stetig wechselnd;
weil ihre verwirklichung im leben liegt,
sind ihre formen so reichhaltig
wie das leben selber.

hannes meyer, 1928
(auszug aus einem manifest anlässlich der aufnahme der lehrtätigkeit in der architekturabteilung des bauhaus)

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"Gestaltung und Klassenfrage", UZ vom 11. September 2020



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