Couponschneider freuen sich auf einen warmen Geldregen von 37 Milliarden Euro

Gewinner der Kriegswirtschaft

Wir werden dadurch ärmer werden“, verkündete jüngst Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Das trifft nach den jetzt vorliegenden Tarifabschlüssen für viele Lohnabhängige zu. Praktisch alle Daten aus den Bereichen Druckindustrie, Medien, Versicherungen oder den öffentlichen Banken bedeuten einen kräftigen Reallohnverlust. Mit Verweis auf den Krieg, in dem Deutschland zunehmend offen Partei ist, werden die Gürtel der Arbeitenden und in Perspektive damit auch der Rentner enger geschnallt. Mit Blick auf den immer mehr mit olivgrüner Tinte geschriebenen Bundeshaushalt wird das auch für alle zutreffen, die ihren Lebensunterhalt zumindest zum Teil aus öffentlichen Kassen bestreiten müssen – ob Studierende oder Arbeitslose.

Wer aber Aktien besitzt, braucht vorerst nicht sorgenvoll in die Zukunft zu blicken. Klickt er sich in den „DAX-Dividendenkalender“ ein, heißt es dort: „In den letzten Jahren waren die Dividendenzahlungen der DAX-Unternehmen konstant hoch. Für die DAX-Dividenden 2022 wird erwartet, dass ca. 37 Milliarden Euro der Gewinne aus dem Geschäftsjahr 2021 ausgeschüttet werden. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Anstieg von ca. 14 Prozent. Die durchschnittliche DAX-Dividendenrendite wird damit bei etwa 3 Prozent liegen. Prüfen Sie die historischen DAX-Dividendensummen der letzten 10 Jahre. Bei so hohen Ausschüttungen ist es für Aktionäre von Interesse, wann die Dividenden ausgezahlt werden.“

Fast alle aus den Branchen, in denen jetzt Magerkost für die Beschäftigten verordnet wird, sind dabei: Allianz und BASF, Münchener Rück und Porsche, RWE, Volkswagen, Vonovia und Sartorius. Nur in wenigen Fällen – wie bei Airbus, Conti oder HelloFresh – vermehrt sich das Geld der Anteilseigner nicht ohne ihr Zutun. Sie werden vermutlich von ihren Beratern den Hinweis bekommen, ihre Vermögenstitel dorthin umzuschichten, wo künftig kräftigere Gewinne zu erwarten sind.

Margarethe Honisch etwa gab Mitte März auf der Online-Seite „Business Insider“ zwar zu bedenken, dass alle, die vom kommenden Rüstungsboom profitieren wollen, sich auch moralisch mit dem auseinandersetzen sollten, was sie da fördern, aber überzeugender für Anleger werden ihre klaren Worte zu den Zukunftsaussichten solcher Investitionen sein: „Wenn große Ereignisse anstehen oder die Bundesregierung verkündet, dass sie in bestimmte Felder investieren möchte, spitzen Aktionäre die Ohren. Denn das bedeutet auch immer, dass es Unternehmen gibt, die von diesen Neuerungen profitieren werden. Aktuell haben wir solch einen Fall: Es ist Krieg und unser Bundeskanzler hat verkündet, allein in diesem Jahr zusätzlich 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr bereitzustellen. Das ist das Fünffache dessen, was jährlich für Bildung und Forschung ausgegeben wird. (…) Die Möglichkeiten sind vielfältig: Da gibt es Lockheed Martin, die Kampfjets und Hubschrauber herstellen, oder Raytheon, die auf Raketen und Laser spezialisiert sind. Wer mit seinen Investments auch noch die Wirtschaft hierzulande ankurbeln möchte, investiert in Rheinmetall, den Hersteller ‚militärischer Heerestechnik‘ wie Munition und Panzer, oder in Hensoldt, die beispielsweise Radartechnologie entwickeln, um Kampfjets aufzuspüren.“

Die Zeitschrift „Capital“ titelte gleich nach der Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz, in der er den 100-Milliarden-Sonderhaushalt für die Aufrüstung ankündigte, dass „Europas Rüstungsindustrie (…) die Gewinnerin der Zeitenwende“ sei und wies darauf hin, dass Ende Februar die Aktie von Rheinmetall „um nie dagewesene 49 Prozent auf einen Rekordwert von 160 Euro“ gestiegen sei. Das Blatt erwähnte angesichts der eher dürren Geschäftsergebnisse von Airbus ein interessantes Detail: „Die Airbus-Elektronik-Ausgründung Hensoldt legte sogar 89 Prozent zu auf bis zu 28 Euro.“ Während die zivile Luftfahrt am Boden hängt, hebt die militärische ab.

Auch für die Aktionäre werden also die Zeiten härter – viele werden umschichten von zivilen auf militärische Produkte. Wer keine Coupons auf Aktien besitzt, mit denen er oder sie den Lebensunterhalt bestreiten kann, sollte jetzt zwar keine Uniform anziehen. Aber kämpfen lernen muss in diesen Zeiten schon sein – sonst werden nur die reicher, die schon reich sind, und die ärmer, die schon arm sind.

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"Gewinner der Kriegswirtschaft", UZ vom 15. April 2022



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